"Ich konnte nicht ahnen, dass der Umschlag wichtig war."
"Schon in Ordnung … " Er drückte ergriffen meine Hand. "Nein, natürlich nicht. Ich musste in einer dringenden Angelegenheit nach Belgien. Wie hätten Sie denn wissen sollen, dass wir einen leeren Briefumschlag als Zeichen vereinbart hatten? Daraus macht Ihnen niemand einen Vorwurf. Kommen Sie, gehen wir wieder rein zu Ihrer Frau. Das muss begossen werden!"
"Glauben Sie nicht auch, dass unsere Arbeit zum Schönsten gehört, was man in der Politik bewirken kann, Adrian?" Er hatte zum ersten Mal seine Jacke ausgezogen und saß in Hemd und Schlips da. Margrits Aufschnittplatte riss ihn manchmal zu kleinen Ausrufen der Begeisterung hin. "Halten Sie mich für zynisch oder nicht – im Grunde machen wir doch selber nur in Glasnost, wenn auch gegen den Willen der anderen Seite. Und das, lange bevor man im Kreml solche Ideen zu propagieren begann. Transparenz auch in der Politik. Wir treiben ein Stück Aufklärung im guten alten klassischen Sinne."
"Wenn ich manchmal skeptisch bin, dann hauptsächlich, weil es zu Konfrontationen führt."
"Ja, Sie haben recht, Adrian. Ich verstehe vollkommen, was Sie damit sagen wollen."
"Es reißt Fronten auf."
"Natürlich ist es außerdem auch noch ein ganz klein wenig unmoralisch."
"Glauben Sie wirklich, dass man dabei von Unmoral reden kann?", fragte Margrit.
"Wir denken zuviel über unsere Haltung nach", meinte Sehlen. "Wir sind zu kopflastig geworden. Man sollte die Sache mit mehr Instinkt angehen."
"Wie ein unverbildetes Tier", stimmte Margrit ihm zu. Sie lachte über ihren kleinen Scherz. Dass Sehlen sich so bereitwillig als Müllschlucker für ihre Küchenabfälle hergab, schien ihr zu gefallen. In ihren Augen war ich ein quengeliger Esser, dem man nichts recht machen konnte.
"Adrian sollte uns ruhig mal was über seine tieferen Motive erzählen", sagte Sehlen und kniff erwartungsvoll die Brauen zusammen. Er spielte mit dem Ende seines Schlipses; es hatte beim Einschütten eine Glasur aus Cointreau abbekommen, wahrscheinlich fühlte es sich steif und klebrig an.
"Über meine Arbeit?", fragte ich.
"Natürlich, Addi, was denn sonst?", sagte Margrit. "Du bist nie so richtig mit der Sprache rausgerückt, wie du eigentlich darüber denkst."
"Er ist und bleibt der große Einzelgänger", meinte Sehlen.
"Geheimniskrämer", ergänzte sie.
"Ich wüsste nicht, was es darüber zu sagen gäbe."
"Sie müssen doch irgendeinen Grund haben, warum Sie so lange die rechte Hand der Chefs geblieben sind? Warum Sie den Thron verschmähten? Überhaupt kein Stachel im Fleisch, Adrian? Und warum Sie nicht gleich in die Industrie oder ins Bankgewerbe gingen, falls dahinter irgendeine Aversion gegen unsere Arbeit steckt? Mit Ihrem Hang zur Buchhaltung – ich meine das überhaupt nicht abwertend."
"Oh, dazu gibt es wenig zu sagen."
"Immer noch besser als gar nichts."
"Es ist eine Arbeit wie jede andere."
"Na, da flunkern Sie aber ein bisschen", erklärte Sehlen. Er drohte scherzend mit dem Zeigefinger.
Margrit stand auf und murmelte etwas wie: "Ach herrje, nun hätte ich fast vergessen, dass ich Slava kurz vor acht mit dem Wagen zum Bahnhof fahren soll … "
"Läuft er denn schon wieder, Liebes?"
"Herbert hat den Motor nachgesehen – nur der Zündkontakt. Er war völlig verdreckt, du solltest öfter mal die Kontakte wechseln lassen, Adrian." An der Garderobe fiel ihr plötzlich ein: "Vielleicht versteckt er sich ja bloß vor dem wirklichen Leben, Ronald."
Es war nicht ganz klar, ob sie Herbert oder mich meinte.
"Ausgerechnet in den Diensten?" Sehlen legte es sofort auf seine Art aus.
"Warum nicht? Wo alles im geheimen spielt, da kann man ruhig mal ein Schläfchen wagen, oder?"
Sie schlug alle Rekorde in Spitzzüngigkeit an diesem Abend, aber ich verbis mir jeden Kommentar. Das alles würde doch nur wieder dazu führen, dass sie Slava gegen mich aufbrachte. Frauen unter sich sind eine Macht, was die Kunstfertigkeit im Irrationalen anbelangt, gegen die nicht mal ein Altmeister der Logik wie Aristoteles angekommen wäre.
Als sie die Haustür hinter sich zugezogen hatte, sagte Sehlen: "Gott, ich wusste gar nicht, dass Sie so ein gemütliches Zuhause haben. Mein Hotelzimmer hier in München ist ziemlich schäbig. Spart natürlich Spesen, das Geld stecke ich in Geschäfte. Ich komme einfach nicht dazu, mich mal um eine anständige Wohnung zu kümmern. Wahrscheinlich würde ich sie ja doch kaum zu Gesicht bekommen. Einer, der so oft wie ich im Außendienst ist, sollte sein Geld lieber auf die hohe Kante legen, anstatt es für Möbel und Teppiche zu verplempern."
"Sie erwähnten eben unseren Mann im Kreml, Sehlen. Ich wollte in Margrits Anwesenheit nicht darüber sprechen. Heißt das, unser Auftrag ist erledigt? Nun warten wir nur noch die Früchte unserer Arbeit ab?"
"Er fängt gerade erst an, Adrian."
"Und dieser … Maulwurf im Kreml – Sie wollen nicht darüber reden, wer es ist?"
"Gott, irgendwann wird Washington Sie schon ins Vertrauen ziehen. Sie gehören schließlich zum engeren Kreis."
"Kennen Sie seinen Namen?"
"Ich muss ihn schließlich kennen, oder? Ohne mich steckte die Aktion Schafspelz noch in der Planung, Amb. Wir erfahren Intimitäten aus dem Kreml, wie es sie in dieser Genauigkeit noch nie gegeben hat. Durch Tonbandaufnahmen, Mitschriften, Protokolle, Kopien von Originalunterlagen."
"Und was ist meine Rolle dabei?"
"Sie sollen das Zeug beurteilen, Addi. Sie sollen uns sagen, wo mögliche Differenzen und Ungenauigkeiten liegen."
"Ungenauigkeiten bei Originalen?"
"Na ja, wie man's nimmt."
"Zum Buchhalter eigne ich mich eigentlich weniger, wenn ich das offen sagen darf?"
"Dürfen Sie, Addi, dürfen Sie. Wir brauchen Sie, um eine erste politische Analyse anzufertigen. Wo sind Unstimmigkeiten oder Widersprüche in der Argumentation Gorbatschows zu entdecken? Lassen sich Hinweise oder versteckte Andeutungen dafür finden, dass er … nun ja, Amb, dass er nicht sagt, was er meint. Das wäre doch möglich, oder?"
"Das trauen Sie mir zu?"
"Sie sind der Spezialist in unseren Reihen, Adrian. Wir haben keinen Besseren finden können. Selbst Lexter in London kann Ihnen nicht das Wasser reichen, und der galt lange Zeit als die Autorität schlechthin. Aber das wissen Sie ja selbst am besten. Man reißt schon Witze darüber, ob Gorbi Ihren, na, sagen wir mal, Redeentwurf für den Parteitag der KPdSU überhaupt von seinem eigenen unterscheiden könnte."
"So, dann bin ich ja inzwischen zu einem Ruhm gelangt, von dem ich selbst gar nichts geahnt habe?"
"Nur immer sein Licht unter den Scheffel stellen, Adrian, das gehört zu Ihrem Naturell – dabei fühlen Sie sich wohl. Könnte leicht zum bloßen Nachruhm werden. Sie sollten etwas mehr aus sich machen, da hat Ihre Frau schon ganz recht. Ich an Ihrer Stelle hätte Forum längst das Fürchten gelehrt, unter uns gesagt. Sie könnten uns sehr behilflich sein in der Beurteilung des hereinkommenden Materials. Es muss aufbereitet und eingeordnet werden, ehe es zum Verbraten an die zuständigen Regierungskreise weitergeleitet wird."
"Und meine Aufgabe wäre es, einfach abzuwarten und zu sehen, was hereinkommt?"
"Schafspelz wird gelegentlich den einen oder anderen Tipp von uns brauchen – wie unser Mann sich im Kreml zu bewegen hat. Welches Material besonders wichtig sein könnte – und was das Risiko, entdeckt zu werden, nicht lohnt. Dafür brauchen wir Ihre tatkräftige Hilfe. Sie finden sich doch mit verbundenen Augen im Kreml zurecht. Sie kennen Gorbis Arbeitszimmer so gut wie er selbst."
"Ich habe auch nur Fotos und Zeichnungen davon gesehen. Die Qualität der Fotos war schlecht."
"Sie kennen die Vorzimmer, das Ritual, wie man dem großen Generalsekretär begegnet. Wie er seine Füße unter den Schreibtisch bettet. Sie wissen, wann und wo im Politbüro die Entscheidungen fallen. Wer Einfluss nimmt und wer nicht. An manchen Wänden wäre das Ohr des Lauschers ganz vergebens."
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