Barek hatte beabsichtigt Enala einzuladen, doch Mark kam ihm zuvor und besaß sogar die Unverfrorenheit, auch Barek einzuschließen. Der konnte nicht ablehnen, da dies eine zu offensichtliche Beleidigung gewesen wäre.
„Die wurden aber schon vor ziemlich langer Zeit aus der Rinde gepult“, stellte Barek fest, nachdem er eine getrocknete Larve aus der Packung probiert hatte.
„Wenigstens sind sie anständig gewürzt“, wiegelte Enala ab. „Und das Schaumwasser ist schön kalt. Wie schaffen die das nur? Zu Hause haben wir nie so kaltes Schaumwasser.“
Barek tauchte die Zunge in den Becher mit dem kühlen Getränk und schlürfte genussvoll. „Ja, das ist wirklich gut. Beim Bau der Kuppel hat man ein sehr tiefes Loch in den Boden gegraben. Da halten sie die Vorräte frisch und kühl.“
„Die Larven sind jedenfalls nicht mehr frisch“, gab Mark erneut zu bedenken. „He, die machen die Tür auf. Lasst uns einen guten Platz suchen.“
Es gab eine Doppeltür, die sich in den Hauptsaal öffnete. Alle strömten nun hinein und Bareks Hoffnung, Mark werde abgedrängt, erfüllte sich nicht. Gemeinsam traten sie in den großen Kuppelraum. Er war pyramidenartig in drei Stufen angelegt, die zur Mitte des Raumes hin anstiegen. Auf jeder der Stufen befand sich ein Ring gepolsterter Liegen. Man lag auf dem Bauch und da die Kopfteile erhöht waren, hatten alle Besucher einen gleichermaßen guten Blick zum Zenit der Kuppel. Dort stand eine einzelne Liege, auf der bereits der berühmte Fallet Platz genommen hatte. Fallet war einfach Fallet, denn die magischen Bilderwerfer gehörten zu keiner Familiengruppe und lebten an keinem festen Ort. Seiner Berufung entsprechend musste er die Unbequemlichkeit auf sich nehmen, auf dem Rücken zu liegen, damit er seine Gedanken zu Bildern und Tönen formen und unter das Dach des Saales projizieren konnte.
„Ich bin gespannt, was wir erleben werden“, raunte Mark.
„Sei still! Fallet muss sich konzentrieren“, zischte einer der anderen Besucher.
Barek gönnte dem anderen Jungmann die Anfuhr. Er sah zu Enala, die auf der Liege zwischen ihnen lag, genüsslich von den Larven naschte und gelegentlich geräuschvoll von dem Schaumwasser trank.
„Heute werde ich die verehrten Bewohner von Grünwasser erleben lassen, wie der große Haldar – mögen die Wolken ihm gewogen sein – die Völker Hanaris vereinte“, war die Stimme Fallets zu vernehmen, die die Kuppel auszufüllen schien.
„Schon wieder so ein patriotischer Dung“, raunte Barek enttäuscht. „Das kennen wir doch schon alles aus dem Geschichtsunterricht. Wen interessiert denn das noch? Das ist doch schon sechzig Jahre her.“
„Halt deine Zunge in der Schnauze, Jungmann!“, zischte ein altes Männchen neben ihnen. „Ich war Krieger in den Vereinigungskämpfen und habe mein Blut für unsere Zukunft vergossen. Zeige gefälligst Respekt, denn ohne den großen Haldar – mögen die Wolken ihm gewogen sein – und die Opferbereitschaft von meinesgleichen würdest du jetzt nicht hier liegen und vorlaute Bemerkungen machen.“
Barek legte entschuldigend die Ohren an. Hoffentlich war kein Gewissensbewahrer in der Nähe. Diese reagierten instinktiv empfindlich, wenn man dem Herrscher nicht den gebührenden Respekt zollte. „Ich wollte die Verdienste von Haldar – mögen die Wolken ihm gewogen sein – und seiner Kämpfer nicht schmälern, ehrwürdiger Krieger.“
Der Alte ließ ein leises Schnauben hören und wandte sich dann wieder Fallet zu.
„Was würdest du denn lieber sehen?“, wisperte Enala.
„Ein Abenteuer oder ein Sternenmärchen.“
Mark stieß ein belustigtes Kichern aus, verkniff sich aber einen Kommentar, denn nun kam gleich von mehreren der anderen Besucher ein warnendes Knurren. Die Lampen in der Kuppel erloschen und andächtiges Schweigen senkte sich über den Saal. Unter der Decke entstand ein sanftes Flimmern. Schatten huschten durcheinander und undefinierbare Laute waren zu hören. Dann verdichtete sich alles. Klare Bilder und Töne entstanden und dann – unvermittelt – befanden sich die Betrachter inmitten eines vergangenen Ereignisses. Der Bilderwerfer projizierte diese mit der Kraft seiner Gedanken und es war wirkliche Magie, da jeder der Betrachter, gleichgültig auf welcher Liege er lag, das Gleiche sah.
Der Vereinigungskrieg lag nun rund sechzig Jahre zurück und war für die Jungwesen eine Geschichte, die sie eher erduldeten, als dass es sie noch interessierte. Aber da Haldar noch immer der Regent der Hanari war und er begreiflicherweise großen Wert darauf legte, dass seine Verdienste und die seiner Anhänger nicht in Vergessenheit gerieten, waren die Bilderzeiger immer wieder damit beschäftigt, die einstigen Ereignisse auferstehen zu lassen.
Zunächst zeigte Fallet das Elend der vergangenen Zeit. Das Volk der Hanari lebte in verschiedenen Ländern, die jedes für sich von einem eigenen Herrn regiert wurde. Und was waren das für Herren! Sie knechteten das Volk und beuteten es aus und jeder nahm sich Jungweiber nach Belieben. Eines dieser Jungweiber war eine Jungherrin von ungewöhnlicher Schönheit, die vor ihrem grausamen Schicksal floh und in dem kleinen Land des gütigen Herrschers Haldar – mochten die Wolken ihm gewogen sein – Zuflucht fand. Auch Haldar war ungewöhnlich stattlich und er besaß ein außergewöhnlich gutes Herz – und vor allem die Vision eines geeinten und glücklichen Volkes. Noch musste er dem eigenen Glück mit der schönen Jungherrin entsagen, denn das Elend all der Völker berührte ihn sehr. Haldar ersann einen schlauen Plan. Er lud einige der herzlosen Regenten zu einem Mahl und führte ihnen vor Augen, wie sehr sie ihre Bevölkerung unterdrückten. Natürlich konnten seine mahnenden Worte ihre Herzen nicht erweichen, aber Haldar hatte ja einen klugen Plan. In weiser Voraussicht hatte er die Gäste vergiftet und dies war schlau, denn so verloren ihre Länder ihre Führer. Der gütige Haldar – mochten die Wolken ihm gewogen sein – hatte auch seine Kämpfer gut vorbereitet und so gelang es ohne großes Gemetzel, die Unterdrückten zu befreien und unter seinem Banner zu vereinen. Aber die übrigen Herren waren nicht gewillt, dem Ruf ihrer Völker, denen es nun noch mehr nach Freiheit dürstete, Folge zu leisten. Sie zwangen ihre Männer und Jungmänner unter Waffen und schickten sie gegen Haldar. Doch auch diesmal hatte das Schicksal einen klugen Plan ersonnen. Am frühen Morgen vor der Schlacht zogen fünf Sternenschweife über den Himmel. Fünf, was der verehrungswürdigen Zahl entsprach und Haldar erkannte darin das Zeichen, dass ihm der Himmel gewogen war. Er lockte das feindliche Heer in die große Ebene und gewährte ihm scheinbar den Vorteil, die Sonne im Rücken zu haben. Dergestalt vom grellen Licht geblendet wären seine eigenen Kämpfer wohl unterlegen gewesen, doch das Schicksal stand auf der Seite der Gerechten. Zum richtigen Zeitpunkt schoben sich dichte Wolken vor die Sonne und der siegesgewisse Feind wurde bezwungen. Glücklich warfen die zuvor verfeindeten Kämpfer ihre Waffen fort und umarmten sich. Ja, einige rieben sogar ihre Schwanzbüsche aneinander und ließen Haldar, dem die Wolken gewogen waren, hochleben. So konnte dieser nun alle Völker vereinen und sie in die Zeit des Friedens und des Wohlstandes führen und sich, was wohl nur angemessen war, mit der geliebten Jungherrin vereinen.
Es war eine lange Geschichte – getragen von eindrucksvollen Bildern und untermalt von Lauten, die die Sinne berührten.
Als sich das letzte Bild – das des glücklich vereinten Paares – verflüchtigte und die Lichter im Kuppelsaal langsam heller wurden, herrschte andächtiges Schweigen, dem schließlich tosender Applaus folgte, als sich die begeisterten Zuschauer gegen die Brust schlugen. Der sichtlich erschöpfte Fallet erhob sich und deutete eine kurze Verbeugung an. Dann ließ er sich von zwei Gehilfen aus dem Saal führen.
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