Mit Enala beim Bilderzeiger Fallet …
Er würde ein paar Kupfermünzen benötigen und sollte sich ein wenig herausputzen, aber nicht zu sehr. Der schwarze Federhut würde sich gut machen und dazu die Weste mit den feinen Stickereien. Er hatte jede der Glasperlen selbst angenäht und es konnte nicht schaden, wenn der Traum seiner Nächte bemerkte, dass er handwerkliches Geschick besaß.
Barek kleidete sich an, bürstete sorgfältig über seinen Schwanz und verließ dann sein Zimmer. Er trat auf die Balustrade hinaus, die das Stockwerk umgab. Hier oben gab es drei Räume für ihn und seine beiden Geschwister. Jeder Raum war so angelegt, dass er das Drittel eines Kreises bildete und die Tür auf den Rundgang führte. Jedes Haus hatte drei Ebenen: die untere Gemeinschaftsebene (in der sich die Familiengruppe traf), dann die mittlere (die den Eltern vorbehalten war) und schließlich die des Nachwuchses. Wenn sich Bareks Hoffnungen erfüllten, dann würde er bald ein eigenes Haus beziehen müssen. So geschickt er auch sein mochte, war er doch froh, dass der Bau eines neuen Gebäudes stets von der Gemeinschaft durchgeführt wurde.
Der Jungmann trat an die fein geschnitzte Balustrade. In den großen Städten hatte man sie angeblich durch Schmiedeeisen ersetzt, doch er selbst schätzte das Gefühl der Wärme, das echtes Holz vermittelte. Zudem konnte ein übermütiges Jungwesen an einem solchen Geländer seine Schnitzkunst üben oder seine Meinung verewigen. Davon abgesehen war Eisen teuer und Holz gab es in den umliegenden Wäldern reichlich.
Barek legte die Pfoten auf das Holz und sah sich um, wie er es jedes Mal tat, wenn er hinaus ins Freie trat. Sein Geschichtslehrer – einer der Wissenden von Grünwasser – hatte ihm erklärt, dies sei ein uralter Instinkt. Früher haben sich die Hanari immer nach Feinden umsehen müssen, wenn sie ihren Bau verließen. Seine Brutmutter behauptete, zu ihrer Jungzeit sei es ebenfalls ratsam gewesen, zunächst einen Blick von der oberen Balustrade ums Heim herum zu werfen. Damals gab es oft Überfälle und gelegentlich sogar Kriege. Damals, bevor der große Haldar – mochten die Wolken ihm gewogen sein – den Kämpfen ein Ende setzte und das Volk endlich vereinte. Jetzt war der Rundblick nur eine Gewohnheit, denn kein Feind bedrohte das Leben der Bewohner von Grünwasser.
Das Haus von Familiengruppe 17 lag nahe der Ortsmitte. Der Kern der Siedlung wurde natürlich von den Gebäuden der Gründergruppen gebildet. Alle Häuser ähnelten einander in der Grundform. Sie glichen einem Pilz mit einem kegelförmigen „Stamm“, der sich nach oben verjüngte und von einem weit ausladenden Runddach bedeckt war. Um den Stamm zogen sich die beiden Gänge der oberen Ebenen. Während die Fenster eine kreisrunde Form aufwiesen, waren die Türen in der eines Fünfecks gehalten. Allesamt wirkten massiv und waren mit Schnitzereien versehen. Die Türen der bedeutenden Familiengruppen hatte man sogar mit Kupfer beschlagen. Alle Häuser waren weiß, da sie aus dem Holz des Weißbaums gebaut wurden. Damit hörte die große Ähnlichkeit auf, denn die Familiengruppen schmückten ihr Heim nach individuellem Geschmack und verzierten es mit Anbauten, stützenden Säulen und kleinen Erkern. Die Rahmen der Eingangstüren wurden in verschiedenen Farben angestrichen. Dies erlaubte die zweifelsfreie Identifikation, wer das Haus bewohnte. In Grünwasser kannte man einander, aber in den großen Städten sollte dies anders sein.
Die ersten Häuser waren entlang der Hauptstraße errichtet worden. Dabei folgte die Siedlung dem Lauf des kleinen Baches, der im See seinen Ursprung hatte und weit im Norden in den großen Fluss mündete. Für die Häuser der ersten Familien war dies von Vorteil gewesen, da man so leicht an Wasser herankam. Als Grünwasser größer geworden war, hatte man schließlich Leitungen verlegen und Pumpen aufstellen müssen. Inzwischen schien der Ort, wenigstens für Fremde, jegliche Ordnung verloren zu haben.
Neben der Hauptstraße waren im Verlauf der Jahre viele weitere Wege angelegt worden, um alle Häuser mit dem Gemeinwohl zu verbinden. Die Wege wurden sorgfältig mit bunten Steinen gepflastert – manche so kunstvoll, dass sich am Boden verschlungene Muster oder richtige Bilder formten. Die erforderlichen Hartsteine hatte man aus dem entfernten Steinbruch heranschaffen müssen, damals ein mühseliges Handwerk mit Handkarren oder Gespannen. Nun rollten Dampfwagen über jene Straßen, die die Orte und Städte miteinander verbanden.
Durch die Neubauten hatte Grünwasser eine sehr unregelmäßige Grundform angenommen. Eigentlich konnte man kaum von einem Zentrum sprechen, aber es gab den großen Platz der Gründergruppen. Und dort standen auch jene wichtigen Bauten, die von der sonst üblichen Bauweise abwichen.
Da gab es das Gemeinschaftshaus, in dem Rituale, Verehrungen und gemeinsame Feierlichkeiten abgehalten wurden. Hier tagte der Ältestenrat und entschied über die Geschicke der Siedlung oder sprach in Streitfällen Recht. Der Bau war nur eingeschossig, aber er verfügte über einen sehr großen Innenraum und ein noch größeres Dach, das ringsum von geschnitzten Säulen gestützt wurde.
Für die Wasserschleudern gab es ein eigenes Gebäude. Im Fall eines Brandes eilten die Bewohner Grünwassers hierher und rüsteten sich mit den Löschgeräten aus. Ursprünglich waren es Handkarren mit Schwengelpumpen gewesen, doch seitdem das einstige Lager des großen Haldar – mochten die Wolken ihm gewogen sein – als verehrungswürdige Attraktion galt, waren aus der Hauptstadt zwei Dampfpumpen herbeigeschafft worden.
Das wichtigste Gebäude war jedoch, wenigstens aus der Sicht von Barek 17 Grünwasser, der kuppelartige Bau der Bilderzeiger. In regelmäßigen Abständen zogen diese Zauberer durch die Siedlungen und zeigten den faszinierten Bewohnern ihre magischen Bilder. Die Kuppel war groß genug, um alle Bewohner Grünwassers und auch ein paar zusätzliche Betrachter aufnehmen zu können.
Barek hatte lange geschlafen, denn in der letzten Nacht war er zur Wache auf den Feldern eingeteilt gewesen. Ein Rudel Werven machte die umliegenden Wälder unsicher und während der Nachtruhe kamen sie gelegentlich zu den Anbauflächen, wühlten sich durch die sorgfältig angelegten Furchen und gruben die Wurzeln der Stachelsträucher aus. Eigentlich bevorzugten die Raubtiere Fleisch, doch sie verschmähten auch die mineralreichen Wurzeln der Anbaupflanzen nicht. Für die Dorfbewohner war das ein Ärgernis, denn Stachelbeeren waren ein wichtiger Bestandteil der Grundnahrungsmittel. Zudem gab es in der Nähe auch die kleinen Kragenechsen, deren räuberisches Wesen sattsam bekannt war.
Der Jungmann ergriff eine der Langpflanzen, die vom Dach des Hauses herabhingen. Seine feinen Krallen ertasteten eine der Knollen, in denen das Gewächs sein Wasser speicherte und drückte sachte von unten dagegen. Die Pflanze reagierte auf die Berührung und versuchte instinktiv, ihren Speicher zu schützen. Rasend schnell dehnte sich die seilartige Pflanze aus und trug Barek dem Boden entgegen. Kaum berührten seine Beine den Grund, ließ er die Pflanze los, die sich – kaum dass der Druck nachließ – wieder zusammenzog. Für den umgekehrten Weg würde Barek eine der Speicherknollen in der entgegengesetzten Richtung pressen.
Er betrat den Gemeinschaftsraum der untersten Ebene. Er war alleine, denn seine Eltern halfen derzeit beim Bau eines neuen Hauses und seine Geschwister erhielten ihre Lektionen bei den Wissenden. Barek trank etwas Gewürzsaft und schlang hastig eine Handvoll Schlupfinsekten hinunter. Sie waren getrocknet und schmeckten nicht mehr besonders gut, aber es würde seinen gröbsten Hunger stillen. Die Hauptmahlzeit wollte er, wenn alles gut ging, mit Enala teilen. Sicherlich würde man im Bau der Bildermagier ein paar schmackhafte Bissen erwerben können.
Er vergewisserte sich, dass der Federhut richtig saß. Gerade verwegen genug, um sich ein wenig von den alten Traditionen abzuheben, aber doch nicht derart schief, dass die Erwachsenen Anstoß daran nehmen konnten.
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