Auch auf diese Frage konnte sich Greg keinen Reim machen. ‚Warum sollte ein Mann aus Argentinien, der in New York lebt, sich als verkleideter Indianer in Wounded Knee fotografieren lassen? Der Alte konnte nur einen gewaltigen Sprung in der Schüssel haben. Vielleicht fühlte er sich zum Indianer geboren oder er war der festen Überzeugung, schon einmal als Wilder gelebt zu haben.’
Greg wurde aus seinen Gedanken gerissen. Neben seinem Porsche glaubte er, einen Schatten gesehen zu haben. Er verlangsamte seine Schritte, drückte sich an die Hauswand und blieb stehen. Vorsichtig blickte er sich um und stutzte. Auf der anderen Straßenseite parkte ein schwarzer Buick. Es war exakt der gleiche Wagen, der ihn durch halb New York verfolgt hatte und von der Straße drängen wollte.
‚Wie haben die mich hier gefunden?’ Wenn es die Sicherheitstruppe der JP Morgan war, musste er vorsichtig sein. Mit den ehemaligen Polizisten und Elitesoldaten war nicht zu spaßen. Sie führten innerhalb und außerhalb der Bank ein Eigenleben. Den Männern standen eine Wagenflotte und ein Hubschrauber zur Verfügung. Greg hatte sich schon immer gefragt, wofür die einen Hubschrauber brauchten. Jetzt ahnte er es, um ihre Opfer zu jagen.
Aus den Augenwinkeln konnte Greg erkennen, wie sich einer der Männer an seinem Wagen zu schaffen machte. Er kroch unter den Porsche und hantierte dort rum. ‚Der will mir doch nicht etwa die Bremsleitung durchschneiden?’, dachte Greg erschrocken. ‚Diese Schweine wollen mich tatsächlich umbringen.’ Jetzt wurde Greg von Panik ergriffen. Aus dem Buick stieg ein weiterer Mann aus. Er lehnte sich an die Motorhaube und steckte sich eine Zigarette an.
„Ich möchte bloß wissen, wo der Kerl abgeblieben ist, weit kann er nicht sein. Ich will hier nicht ewig auf ihn warten“, hörte Greg den Mann sagen. „Vermutlich liegt er gerade auf einer Nutte und wir stehen uns hier die Beine in den Bauch. Bist du fertig mit der verdammten Kiste?“
„Noch eine Minute.“
„Beeil dich. In ein paar Stunden muss ich mit dem Boss nach London fliegen, das wird anstrengend genug. Soll sich der Idiot doch totfahren, dann haben wir unseren Job mehr als erledigt.“
Greg schlich im Schutz der Dunkelheit zurück zu Ramons Haus. Er klingelte kurz und heftig bei Akasha. Die beiden Killer hatte er fest im Blick, als schlurfende Schritte aus dem Treppenhaus zu vernehmen waren.
Akasha öffnete die Tür einen Spalt breit. „Was ist denn los?“, grummelte er ärgerlich.
„Nicht so laut“, beschwor ihn Greg, „lass mich rein!“
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Nein, lass mich rein, sonst müssen wir beide sterben.“
„Was ist passiert?“
„Da draußen sind ein paar Gestalten, die wollen mich umbringen.“
„Hast du was geraucht?“
„Unsinn, ich nehme keine Drogen.“
Widerwillig öffnete Akasha die Tür und ließ Greg ins Haus. „Was sind das für Männer und warum wollen sie dich umbringen? Du übertreibst sicher. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“
„Habe ich dich aus dem Schlaf gerissen?“
„Das hast du.“
Greg folgte Akasha die Stufen nach oben. Dessen Studio befand sich unter Ramons Wohnung im ersten Stock. „Willst du hoch zu Bahar?“, fragte Akasha.
Greg schüttelte den Kopf. „Nein, kann ich heute Nacht bei dir schlafen? Es wäre nur für eine Nacht, heute Mittag ist der Albtraum hoffentlich vorbei.“
Greg war flau im Magen, als er vorsichtig aus dem Fenster sah. Der schwarze Buick war verschwunden. „Sie sind weg“, sagte er zu Akasha, der vorsichtshalber kein Licht angemacht hatte.
„Hast du die Polizei angerufen?“
„Keine Polizei. Ich erzähle dir die ganze Scheiße später, jetzt bin ich hundemüde.“
„Du kannst auf dem Sofa schlafen", schlug Akasha vor und führte Greg in sein Tätowierstudio. Der kleine Mann trug ein langes, weites Micky-Maus-T-Shirt, das ihm bis zu den Knien reichte. Greg guckte fasziniert auf Akashas Beine. Sie waren kurz, stramm und voll behaart. ‚Schon lustig, was die Natur für Kreaturen hervorbringt, dabei sind wir doch alle nur Menschen’, dachte er.
Die Wände des Studios waren bemalt. Gegenüber der Türe prangte das riesige Porträt von Che Guevara, eingerahmt von einem rot-schwarzen Stern. ‚Was sonst?’, dachte Greg, ‚schon wieder dieser Marxist.’
„Was hat das mit Che Guevara auf sich?“, fragte er. „Seid ihr so eine Art Geheimbund?“
„Wie meinst du das?“
„Du und Bahar, ihr tragt beide diesen Guevara als Tattoo auf dem linken Unterarm. Das kann doch kein Zufall sein. Und jetzt dieses Porträt in deinem Studio. Der alte Ramon trägt sicher auch Ches Konterfei auf seiner faltigen Haut. Hier muss eine Seuche ausgebrochen sein. Eine Che-Guevara-Seuche oder so etwas Ähnliches. Arnold Schwarzenegger hätte ich ja noch verstanden, das ist wenigstens ein echter Kerl, aber Che Guevara? Der Kommunist ist schon lange tot. Steht ihr politisch alle links? Versteckte Marxisten vielleicht?
Bahar meinte, ich sei total spießig, weil ich kein Tattoo habe. Sorry Akasha, aber ich mag keine Tattoos. Ehrlich gesagt, finde ich sie sogar schrecklich und Menschen mit Tattoos irgendwie abstoßend. Nimm es mir nicht übel. Selbst für viel Geld würde ich mir keines stechen lassen, nicht einmal das Porträt von Schwarzenegger.“
„Das muss jeder für sich selbst entscheiden“, entgegnete Akasha in ruhigem Ton. „Es gibt Menschen, denen gefällt das, und es gibt Menschen, denen gefällt es nicht. Du scheinst einer von der zweiten Sorte zu sein. Das geht voll in Ordnung und stört mich nicht im Geringsten.“
Die ruhige Art von Akasha ging Greg gehörig auf den Senkel. Solche abgeklärten Typen machten ihn nervös. ‚Kann der Dicke nicht ein wenig aufbrausend werden? Ich hasse diese Pseudogurus.’
„Ich mag Che Guevara“, fuhr Akasha fort. „Ich finde, er ist ein krasser Typ. Ich bin kein Linker, aber die Ideen von Guevara gefallen mir. Der Kerl hat wenigstens Charisma, im Gegensatz zu deinem Schwarzenegger. Ich glaube, die Welt wäre ein wenig besser, menschlicher, hätte Guevara seine Ideen umsetzen können. Zumindest kann man darüber diskutieren.“
„Ich möchte mich mit dir um drei Uhr morgens nicht über Guevara streiten“, meinte Greg, „das ist der Kerl nicht wert. Und er ist wohl auch kein krasser Typ mehr, sondern war einer, schließlich liegt der Mann schon lange unter der Erde.“
Akasha drehte sich zu Greg um. „Was ich dir jetzt erzähle, wird dich umhauen. Ich weiß, du hältst mich für verrückt, es ist jedoch die Wahrheit. Ramon Juarez ist Che Guevara. Und er trägt sein eigenes Porträt auf der Haut, da hast du dich nicht geirrt. Ich habe es ihm selbst gestochen.“
Greg starrte ungläubig auf seinen Gastgeber. Das war der Beweis, dass nicht nur der Alte völlig übergeschnappt war. Auch Akasha musste jede Menge Löcher in seinem Hirn haben. Greg musste laut lachen.
„Was gibt es da zu lachen?“, fragte Akasha.
„Das ist lustig. Eben noch dachte ich, Ramon fühlte sich als wieder geborener Indianer, wegen der Fotos von Wounded Knee in seinem Schlafzimmer. Jetzt ist der Alte plötzlich Che Guevara und ihr scheint diesen Blödsinn auch noch zu glauben. Sei mir nicht böse, aber das übersteigt meine Vorstellungskraft.
Wie kommt Ramon auf diese Idee? Ausgerechnet Che Guevara. Jedes Kind weiß doch, dass der in Bolivien erschossen wurde. Ich möchte dich nicht kränken, aber könnte es sein, dass ihr alle ein wenig psycho seid? Das ist nicht böse gemeint, verstehe mich bitte nicht falsch, aber irgendwie kriege ich das nicht in meinen Kopf.
Erst sagte Ramon, dass unsere Begegnung mein Leben verändern wird und jetzt erzählst du mir, der Alte ist Che Guevara und er wurde nicht im Dschungel erschossen, sondern lebt in einem Haus in New York, zusammen mit einer iranischen Schönheit und einem kleinen dicken Tätowierer, der sich Akasha nennt.
Читать дальше