Auch wunderte sie sich über ihre eigene Wahrnehmung, sie musste einer seltsamen Sinnestäuschung auf den Leim gegangen sein. Als Victor sich zum Fenster gedreht hatte, glühten seine Pupillen regelrecht. Wahrscheinlich waren das nur die vielen roten Kerzen, sich in seinen Augen widerspiegelten. Von dem neckischen Zickenbärtchen, das an seinem Kinn klebte, ganz zu schweigen. Fehlten nur noch die Hörner auf seinem Kopf, dacht sie bissig. Die Scheiben waren einfach zu verdreckt und die Schwärze der Nacht tat ihr Übriges dazu.
Jetzt musste sie aber langsam einen Weg aus diesem nächtlichen Irrgarten finden, wenn sie morgen mit Ludmilla an den Monitoren durchhalten wollte. Doch das war leichter gesagt als getan. Vielleicht konnte sie sich an dem Bewuchs orientieren, der zum Waldrand hin lichter wurde? Nur wie sollte sie das anstellen, mitten in der Dunkelheit? Sie sah ja den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Frustriert hetzte sie durch die Nacht, bis sie auf eine Art Trampelpfad stieß. Sollte sie ihm folgen? Irgendwohin musste er ja schließlich führen.
Die schlechte Sicht machte ihr sehr zu schaffen und auch das Herz raste. Es war beklemmend, nicht den richtigen Weg zu finden. Schweiß rann ihr den Rücken herab, obwohl die Temperaturen stark gesunken waren. Die Mücken piesackten sie ordentlich und das ständige Knacken von trockenen Zweigen ließ sie ängstlich zusammenzucken. Ihre merkwürdigen Erlebnisse während dieser kurzen Zeitspanne würden für ein dickes Buch reichen.
Endlich lichteten sich die Baumreihen und der Mond schimmerte silbern durch das Blätterdach. Hoffnung keimte in ihr auf, es heute doch noch ins Bett zu schaffen. Die zerkratzten Arme brannten, die Mückenstiche juckten und die Füße schmerzten vom vielen Laufen. Warum musste sie auch ausgerechnet heute so unbequemes Schuhwerk tragen?
Erleichtert seufzte sie auf, als der Kies endlich wieder unter ihren Sohlen knirschte. Egal wie weitläufig diese ungepflegte Parkanlage auch sein mochte, sie würde ihre Unterkunft finden. Trotzdem hatte sie das Gefühl, noch weitere zehn Kilometer durch die Nacht zu irren, bis endlich das Gästehaus vor ihr auftauchte.
Verwundert stellte sie fest, dass ein Lichtschein aus einem der Dachfenster drang. Hatte sich ein Fremder Zugang verschafft oder war dem Personal ihr Fehlen aufgefallen? Gleich wusste sie mehr.
Die Tür knarzte beim Öffnen und der muffige Geruch strömte ihr entgegen. „Hallo? Ist hier jemand?“ Keine Antwort.
Sie hatte zumindest einen Lichtschimmer erwartet oder eine menschliche Stimme, doch nichts dergleichen sorgte für ihre innere Ruhe. Verhalten schloss sie die Tür und drückte auf den Lichtschalter. Nachdem endlich das Licht aufflammte, fühlte sie sich einen Tick wohler.
Trotzdem stellte sie noch einmal die Frage: „Ist hier jemand?“
In einem der oberen Zimmer knarrte der Dielenboden. Ihre gesamtes Hab und Gut würde sie auf der Stelle verkaufen, wenn sie dafür in einem Hotelzimmer nächtigen könnte. Und mit Sicherheit war ihr nicht zum Scherzen zumute.
Ein dicker Kloß steckte in ihrem Hals und die schweißnassen Hände wischte sie an ihrer Jeanshose ab. Wenn sie auf Nummer sicher gehen wollte, musste sie alle Zimmer durchsuchen. Dabei sehnte sie sich nur nach einer Mütze voll Schlaf und beschloss ernsthaft, in naher Zukunft der Forschung den Rücken zu kehren. Aus dem Alter war sie irgendwie raus …
In ihrem Inneren tobte ein Kampf und sie spürte die eigenen Ängste stärker denn je. Als kleines Mädchen fürchtete sie sich vor dem dunklen Keller, später machte ihr die Prüfungsangst zu schaffen. Aber noch nie hatte sie die ersten Anzeichen einer aufsteigenden Panik so deutlich empfunden, wie in diesem Haus. Als würde hier drinnen Etwas auf sie lauern und jeden ihrer Schritte beobachten.
Sie verharrte weitere Minuten regungslos, bis ein Ruck durch ihren Körper ging und sie sich aus ihrer Starre löste. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Raum für Raum nahm sie in Augenschein, ohne etwas Verdächtiges zu entdecken. Nur dieses Unwohlsein, diese unbändige Angst ließ sich nicht abschütteln. Vielleicht löste die Erschöpfung diese Art der Wahrnehmung aus und wer sollte das besser wissen als sie, die Psychiaterin?
Gähnend kramte sie ihre Nachtwäsche aus dem Koffer und schlurfte ins Bad. Vor der Dusche ekelte sie sich nach wie vor und wusch sich gründlich am Waschbecken. Inzwischen war ihr egal, wie muffig das Bettzeug roch. Sie sank auf das Laken, deckte sich zu und war innerhalb weniger Minuten eingeschlafen.
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