Eugen und Kirsch gingen auf dem schnellsten Weg ins Kommissariat zurück, wo sie schon von Helen erwartet wurden.
„Übrigens, Ihre Frau hat angerufen, Herr Kirsch, und gefragt, ob Sie heute nicht zum Mittagessen kommen?“
Kirsch wurde ganz still.
„Ach, das habe ich ja ganz vergessen, heute gibt es nämlich die berühmten Fasnachtsküchle meiner Frau und dazu eine Kartoffelsuppe mit viel Gemüse und noch Würstchen drin.“
„Nein, das hab ich jetzt ganz vergessen und Moni weiß ja noch nichts vom Tod des Jungen.“
Kirsch ging ins Büro und nahm den Hörer in die Hand, um Moni anzurufen.
Doch Moni war nicht im Haus, denn das Telefon blieb still und so dachte Kirsch, dass Moni wahrscheinlich im Garten bzw. in ihrem kleinen Gewächshaus war und nach ihren Kakteen schaute.
„Ich kann jetzt noch nicht nach Hause gehen, da liegt noch viel zu viel Arbeit an. Zuerst will ich wissen, was Eugen vom Banker Öhler erfahren hat“, bemerkte er zu Helen.
„Eugen, berichte uns mal, was Herr Öhler wusste.“
Eugen berichtete, dass Lasse ein lieber, guter Junge war, der seinen Eltern nur Freude gemacht hatte. Der Bankdirektor und seine Frau waren ja noch nicht solange in Wiesenbach, vielleicht drei oder vier Jahre. Vorher war er in Burgstetten und seine Frau war dort Lehrerin. Als er allerdings die Stelle in Wiesenbach angetreten hatte, wurde er zum Bankdirektor, zum Vorstand der hiesigen Bank, ernannt und seine Frau kümmerte sich mehr um den Haushalt und den Jungen. Sie hatte nur noch ein paar Stunden Unterricht in der Grundschule. Lasse war im Fußballverein und er wurde trainiert von Olaf Kaiser.
„Das weiß ich ja alles schon von Herrn Heger selbst“, rief Kirsch etwas ungeduldig dazwischen.
„Was konnte er noch zu den Krediten sagen?“
„Er bearbeitet doch die Kredite oder?“
„Ja, das ist richtig, Öhler bearbeitet im Vorfeld die Kredite und der Bankdirektor muss sie dann letzten Endes entscheiden.“
„Es gab da ein paar Fälle, wo der Bankdirektor nicht ganz im Sinne von Öhler entschieden hatte“, meinte Eugen.
„So in etwa hat sich Öhler ausgedrückt.“
„Namen wollte er mir keine nennen, das gehört zum Datenschutz.“
„Ja, wir haben die Unterlagen vom Bankdirektor erhalten und wir werden sie diskret behandeln.“
„Kennst du übrigens Olaf Kaiser, den Trainer der Fußballmannschaften?“
„Nein, nicht direkt, ich bin ja im Sportverein und nicht im Fußballclub, Chef.“
„Aber du könntest dich mal auf die Fersen des Trainers machen, Eugen. So von Sportkamerad zu Sportkamerad.“
„Was meinst du dazu?“
„Ist gut, Chef, mache ich, ich glaube, die haben heute Abend Training, da gehe ich mal vorbei.“
„Ja, mach das, Eugen.“
„Huber und Drechsler werden auch das Umfeld des Jungen und der Familie untersuchen. Ich bin mal gespannt, was die beiden zu berichten haben.“
„Helen, ist die Spusi schon ins Büro zu Herrn Heger gegangen, denn wir müssen unbedingt die Entführer finden oder Spuren, die zu den Entführern führen. Aber ob sie den Jungen umgebracht haben, ist auch noch nicht sicher. Es könnte durchaus auch eine andere Person gewesen sein.“
„Die Spusi ist schon dort und schaut sich auch die Telefonbänder an“, berichtete Helen.
„Gut, ich werde auf meinem Heimweg noch bei den beiden Jungen, den Freunden von Lasse, bei Manuel Zoller und Daniel Bender vorbeischauen und mal hören, was die Jungen zu berichten haben.“
„Dann werden wir morgen früh wieder eine Besprechung machen. Bis dort wissen wir mehr und vielleicht haben sich ja auch die Entführer wieder gemeldet, was ich aber nicht glaube, denn die haben sicherlich jetzt auch entdeckt, dass sich die Polizei eingeschaltet hat.“
Kirsch verließ das Kommissariat und auf dem Heimweg kamen ihm wieder die urigen Maskenträger entgegen. Da waren Wölfe und Füchse, Esel, Dachse und jede Mengen Hexen unterwegs und bevölkerten die Stadt . Es war fast kein Durchkommen.
„Da bin ich mal gespannt, ob die Jungen zuhause sind, wenn so viel Narrenvolk unterwegs ist, da mischen die doch mit“, sagte Kirsch nur kurz zu sich selbst.
Kirsch lief ziemlich schnell die Straße entlang und kam schon in den Ahornweg, wo Manuel Zoller wohnte. Ein paar Häuser weiter ist auch schon die Eichengasse, in der Daniel Bender zuhause ist.
Als Kirsch bei Manuel Zoller läutete, öffnete ihm seine Mutter die Tür.
„Oh, Herr Kommissar, was beschert mir die Ehre für Ihren Besuch“, antwortete Manuels Mutter als sie Kirsch gegenüber stand.
„Ist Manuel zuhause, ich sollte ihn dringend sprechen?“
„Nein, er ist mit seinem Vater in der Stadt, sein Vater ist doch auch im Narrenverein und da wollte Manuel mit, weil er auch gerne so ein Hansele werden möchte.“
„Dann habe ich die Bitte, dass Sie morgen früh mit dem Jungen bei mir im Kommissariat vorbeischauen. Sein Freund, der Lasse, der Sohn vom Bankdirektor, ist im Eisweiher tot aufgefunden worden.“
Die Mutter von Manuel schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen und fing an zu weinen.
„Das weiß ich ja noch gar nicht.“
„Hat denn Manuel nichts erzählt, denn es ging ja wie ein Lauffeuer in der Stadt herum.“
„Nein, es ist doch keine Schule, es sind doch Schulferien und wir waren heute bei meinen Eltern und sind erst gerade vorhin zurückgekommen.“
„Das ist ja schrecklich, was Sie mir da erzählen, Lasse tot im Eisweiher. Ist er hineingestürzt, wollte er Schlittschuhlaufen?“
„Nein, Lasse ist ermordet worden. Das ist ja das Schlimme.“
„Mein, Gott, was sind denn das für Zeiten, dass so ein kleiner, lieber Junge ermordet wird. Das ist ja unfassbar.“
Manuels Mutter war zu Tode betrübt und konnte sich gar nicht beruhigen.
„Wenn das Manuel erfährt, die sind doch so dicke Freunde, da wird er sehr traurig sein.“
„Herr Kommissar wir kommen morgen um 9.30 Uhr bei Ihnen vorbei“, sagte Manuels Mutter, die ob der Nachricht ganz entsetzt war und Kirsch gerne verabschieden wollte.
„Vielen Dank Frau Zoller und bitte bringen Sie es Manuel schonend bei.“
Kirsch ging langsamen Schrittes dann in die Eichengasse, wo Daniel Bender wohnte.
Auch dort traf er nur die Mutter an, denn Daniel war mit seinen Geschwistern natürlich in Wiesenbach unterwegs, um zusammen mit den Narren herumzuziehen. Fasent, das ist auch Straßenfasnacht und da sind die Kinder Feuer und Flamme und haben zuhause kein Sitzfleisch. Auch Daniel Bender wurde mit seiner Mutter auf den morgigen Tag, 9.30 Uhr, ins Kommissariat bestellt.
Dann ging Kirsch nach Hause und wieder sah er eine Hexe, die ihm ein paar Zeichen in die Luft machte, die er aber nicht verstand, als sich Kirsch ihr nähern wollte. Aber als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt war, verschwand sie ganz und er konnte sie nicht mehr finden. Ziemlich gedankenverloren schritt er zu seinem Haus. Dort kam ihm schon Moni entgegen.
„Ach, Kirsch, da bist du ja, ich habe mal im Kommissariat angerufen, weil du gar nicht nach Hause zum Mittagessen gekommen bist.“
„Moni, es ist wieder etwas Schreckliches passiert, ein Junge, Lasse, der Sohn von Bankdirektor Heger, haben wir am Eisweiher gefunden. Er ist jedoch nicht ertrunken, sondern er wurde ermordet, stell‘ dir vor, ermordet“, sagte Kirsch und das Wort ermordet betonte er nochmals extra laut.
„So ein kleiner Junge!“
Moni riss nur ihre Augen auf und schaute Kirsch ganz entsetzt an.
„Das ist ja furchtbar, wieso denn der Junge?“
„Ich bin mir da nicht so sicher, ob es sich dabei nur um eine Entführung handelt“, meinte Kirsch zu Moni, die gar nicht wusste, von was Kirsch sprach.
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