Wortlos folgte Serox Jara, die ihn durch die unsortiert stehenden Tische der Taverne in ein Hinterzimmer der Taverne führte.
„Nosch eihn Bia!“, sabberte einer der Betrunken und griff nach Jara.
„Schlaf deinen Rausch aus, sag ich!“, schlug Jara die Hand des Mannes weg und ging unbeeindruckt weiter. Die Zeit als Gastwirtin hatte Jara über all die Winter gezeichnet. Sie war eine große, muskulöse, braunhaarige und raue Schönheit. Sie wirkte fast wie eine Piratin, oder die Anführerin einer Söldnergruppe. Ihre Gesichtszüge waren rau und die Oberarme hätten manchen männlichen Holzfäller vor Neid erblassen lassen. Aber trotzdem hatte sie ihre Weiblichkeit behalten. Ihr Busen zeichnete sich klar und wohlgeformt ab und ihre Hüfte schaukelten bei jedem Schritt hin und her. Sehr zum Wohlgefallen manch eines männlichen Besuchers der Taverne. Serox erinnerte sich noch genau an einen seiner ersten Besuch in der Silberklinge. Unbeholfen und besoffen hatte irgendein alter Sack ihr unter den Rock gefasst und als Antwort die Prügel seines Lebens kassiert. Jeder in den Slums Devons wusste, dass man sich nicht mit Jara anlegen sollte, nicht mit der Wirtin der Taverne Zur Silberklinge . Der alte Mann bis dato aber nicht. Sein Pech. Und das der Schweine, die ihren Stall mit dem Alten teilen mussten, nachdem Jara ihn eigenhändig dort hineingeworfen hatte.
„Bleibst du länger, sag ich?“, fragte Jara, als sie den Schankraum verließen und durch die dreckige Küche in den hinteren Bereich des Hauses gingen.
„Mal schauen. Wenn die Hartkorns das zahlen, was sie versprochen haben vermutlich nicht.“ Antwortet Serox der sich in der Küche umsah. Er war zum ersten Mal in diesem Bereich der Silberklinge und hätte im Nachhinein doch lieber auf das ein oder andere Essen verzichtet.
„Wie viel, sag ich?“
„Tausend.“
„Schilling, sag ich?“
„Kronen“, antwortete Serox.
Jara blieb stehen und drehte sich um. „Tausend Kronen, sag ich?“ Ihre Augenbrauen zuckten hoch.
„So hieß es.“
„Was hat der Kerl gemacht? Ihre Mutter vergewaltigt, sag ich?“ Jara schüttelte den Kopf und ging weiter.
„Geld gestohlen. Ein Betrüger, mehr nicht“, sagte Serox und folgte Jara durch einen kleinen Innenhof in einen separaten Teil der Silberklinge.
„Dann bist du ein reicher Mann, sag ich.“
Serox entgegnete darauf nichts. Aber sie hatte Recht. Mit Eintausend Devonischen Kronen wäre er ein reicher Mann. Ein reicher Mann, der sich noch gar keine Gedanken darum gemacht hatte, was er mit seinem Reichtum anstellen würde.
„Wir sind da, sag ich“, sagte Jara, als sie eine unscheinbare Tür im Innenhof erreichten. „Ich bin im Schankraum, sag ich“, sagte Jara und verschwand im Gang, aus dem sie eben noch gekommen waren.
Serox öffnete die Tür und ging hinein. Drei Männer mittleren Alters saßen an einem Tisch und tranken Bier. Alle drei - unverkennbar Brüder - trugen die gleiche Weste und den gleichen lächerlichen Hut. Nur zwei kleine Kerzen auf dem Tisch gaben dem Raum etwas Licht, die Ecken lagen vollkommen in der Dunkelheit verborgen.
Serox verkniff sich ein Lachen. Er hatte für die lächerlich aufgeblasene bunte Kleidung, die in den reichen Gesellschaften der großen Städte zurzeit modern war, nichts übrig. Eher fand er sie lächerlich. Und diese hässlichen Hüte auf den Köpfen der Hartkorns waren mit das lächerlichste, was er seit langem gesehen hatte. Eine Mischung aus Vogelnest und Zylinder, geschmückt mit bunten Federn und glänzenden Steinchen. Am liebsten hätte er losgelacht.
„Ah. Unser Kopfgeldjäger“, sprach der Linke. „Wir haben auf dich gewartet“, führte der mittlere fort. „Hast du was wir verlangt haben?“ vollendete der rechte.
Serox verzog das Gesicht. Was für Witzfiguren , dachte er, während die drei kleinen Männer ihm ein falsches Lächeln zuwarfen.
„Setz dich.“ Der Linke. „Wir haben keine Eile.“ Der Mittlere. „Lass uns reden.“ Der Rechte.
Serox legte den Jutebeutel ab und setzte sich auf den für ihn bereitgestellten Stuhl. Vor ihm auf dem Tisch stand ein schäumender voller Bierkrug. Am teuren Glas liefen kleine Wasserperlen herab. Das Bier musste eiskalt sein. Mitte bestätigte mit einem kurzen Kopfnicken, dass der Krug für ihn bestimmt war. Durstig war er ohne Frage, weshalb er sich schnell einen großen Schluck gönnte. Es war immer noch die gestreckte Plörre, die Jara auch den anderen Gästen servierte. Ein richtiges Bier war er den Hartkorns also nicht wert. Gut zu wissen.
„Also“, begann Links. „Wir glauben.“ Mitte. „Du hast etwas für uns?“, sagte Rechts.
Serox nickte und warf den Jutesack über den Tisch vor die Brüder. Das Blut war inzwischen geronnen, was dem Sack eine dunkelrote Färbung gab. Polternd landete der Sack direkt vor Rechts. Rechts öffnete den Knoten und sah neugierig in den Sack, bis er sein Gesicht angewidert verzog.
„Das stinkt“, war Rechts' richtige Schlussfolgerung.
„Nun.“ Serox zuckte mit den Schultern. „Wir waren mehrere Tage unterwegs. Euer Freund hat es weit in den Norden geschafft. Hätte er nicht überall Rast gemacht, hätte er es bis in die Reiche schaffen können.“ Er nahm noch einen Schluck Bier. Obwohl es nur die verdünnte Plörre war, genoss er den kühlen herben Geschmack.
„Aber er.“ Links. „Hat.“ Mitte. „Es nicht“, sagte Links und zog denn Jutesack an sich heran. Das getrocknete Blut verschmierte das helle Holz des Tisches.
„Dann lasst uns sehen“. Wieder Links „Ob wir hier wirklich“ Erneut Mitte. „Unseren Freund Barn haben“, führte Rechts mal wieder für Mitte zu Ende. Links grinste Serox weiterhin an, bis er damit begann, den Kopf aus dem Jutesack zu ziehen und zu begutachteten. Der saubere Schnitt am Hals war nach dem langen Ritt eher schwarz als blutrot und auch die Haut hatte sich blass grau gefärbt. Der Mund und die Augen waren aber noch so wie zuvor. Ängstlich.
„Hm“, stöhnte er. „Ich weiß nicht“, sagte Mitte. „Ist das wirklich Barn?“, fragte Rechts.
Serox stoppte beim Trinken und stellte das Glas zurück auf den Tisch. „Der Kopf ist nicht verwest. Natürlich ist das Barn“, antwortete er zornig.
„Ich hatte Barn anders in Erinnerung.“ Links.
„Eine größere Nase.“ Mitte.
„Und dicker.“ Rechts. Sagten sie wieder der Reihe nach und schauten gleichzeitig Serox an.
„Was wollt ihr mir damit sagen?“ Serox Muskeln spannten sich im gesamten Körper an. Wut überkam ihn und seine Instinkte schlugen Alarm. Diese Drecksäcke mit ihren lächerlichen Westen und Hüten wollten ihn tatsächlich betrügen.
„Dass dieser Kopf jedem gehören könnte.“ Links.
„Ein armer Bauer vielleicht?“ Mitte.
„Vielleicht versuchst du uns übers Ohr zu hauen.“ Rechts.
Tausend Kronen waren einfach zu viel, um wahr sein. Er hätte hellhörig werden müssen bei dieser Summe. Kein Kopf war tausend Kronen wert. Keiner! Egal, was der Kopf getan hatte. Serox hatte sich vom Geld blenden lassen. Dumme Sache, sehr dumm. Er hätte es besser wissen müssen. Wann war er so naiv geworden?
Er grunzte und blickte die drei Männer an. Im Kopf rechnete er aus wie schnell er sie erreichen könnte. Sie hatten alles geplant. Bis ins kleinste Detail. Der dunkle Raum, die Abgeschiedenheit in der Taverne, keine Zeugen. Sogar die Distanz zwischen ihnen war genauestens berechnet. Sie saßen weit genug entfernt, dass er sie mit dem Schwert nicht erreichen konnte, aber gleichzeitig auch nahe genug, dass es ihm nicht direkt aufgefallen war. Raben , verfluchte er sich und schaute sich unauffällig um. Da! Da war etwas in der Ecke. Eine Bewegung. Da war tatsächlich jemand.
Verfluchte Raben, verfluchte er sich doppelt. Wie konnte er das übersehen haben? Er hatte sich zu sicher gefühlt. So viel Dummheit. Wie konnte ihm das passieren? Der unbekannte wartete sicher nur darauf, dass er sich irgendwie bewegte, um mit einem Kreuzbogen oder ähnlichem zuzuschlagen. Keine gute Ausgangsposition für ihn. Absolut nicht. Er überlegte und lehnte sich zurück. Er musste etwas Zeit gewinnen. Wenigstens ein paar Augenblicke. „Ihr wollt also nicht zahlen?“
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