Würdevoll begab sie sich in den Gang der Feste und ging zur Treppe. Nur wenige Stufen waren es bis zu Komiras Gemächern. Als sie den Gang betrat, hörte sie bereits Hollus helle, in den Ohren schmerzende Stimme. Das Zimmermädchen schrie völlig von Sinnen.
„Was hast du getan! Die Raben werden dich holen, Alora!“
Luca zog eine Augenbraue hoch.
„Streiten die beiden schon wieder?“, sagte sie mit tatsächlich etwas Resignation in der Stimme. Wenn sie es nicht anders gewohnt gewesen wäre, würde es sie vielleicht tatsächlich noch stören. Aber beide waren wie Feuer und Wasser, da half nichts. Nur, dass sie ihre Kämpfe vor der Prinzessin austragen mussten, machte sie wütend. An ihrem ersten Morgen in Worgu sollten die Prinzessinnen etwas anderes sehen als zwei streitende Zimmermädchen. Luca beschleunigte ihren Schritt. Sie bemerkte Kalir kaum, der ihr erschöpft hinterher sah.
Alora stand vollkommen verwirrt und fassungslos mitten im Raum. An der Tür stand Hollu, die mit ihrer krächzenden Stimme auf sie ein brüllte und vor der Tür zum Abort stand Prinz Catel. Seine Rüstung war blutverschmiert und selbst im seinem Gesicht waren einzelne Spritzer roten Blutes zu erkennen. Und trotzdem lächelte er.
Alora hatte immer noch keine Idee, was gerade in den Gemächern der Prinzessin geschah, die tote Prinzessin, Catel das alles ergab seinen Sinn für sie. Zu viele Gedanken rasten durch ihren Schädel.
„Sei ruhig, Zimmermädchen“, knurrte Catel an Hollu gewandt. Entweder hörte sie den Prinzen nicht oder sie ignorierte ihn. Wie auch immer, sie brüllte weiter mit ihrer nervtötenden Stimme. „Du sollst dein Maul halten, du fettes Stück Scheiße!“, brüllte Catel und brachte Hollu so doch noch zum Schweigen.
Alora sagte nichts und schluchzte mit jedem Atemzug. Sie stand wie versteinert nur wenige Schritte von der toten Komira entfernt.
„Was ist hier los? Götter…“ Lady Luca erschien in der Tür und blieb geschockt stehen als sie das Massaker auf dem Bett entdeckte. „Wer bei allen Göttern war das?“ Ihre sonst immer gefasste Stimme überschlug sich ein wenig.
„Dein erstes Zimmermädchen war es, Luca. Ich habe es gesehen, ich kam nur wenige Augenblicke zu spät“, sagte Catel merkwürdig kalt und ruhig an Luca gerichtet.
„Ich… Ich... nein... MyLady… Bitte.“ Mehr Worte war Alora nicht imstande zu bilden.
Luca sah schockiert zu Alora und brauchte einige Augenblicke, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Ihre so sorgsam angeeignete innere Ruhe. Wo war sie? Sie durfte nicht auch die Fassung verlieren, sie musste ruhig blieben. Ihre innere Ruhe wiederfinden, das war jetzt wichtig. Es würde ihr nicht weiterhelfen, ebenfalls den Kopf zu verlieren.
„MyLady… “, schluchzte Alora.
„Ruhe, Kind“, sagte Luca entschlossen und blickte zu Catel. Sofort fielen ihr die Blutspritzer auf, die beinahe Catels gesamten Oberkörper bedeckten. Er wirkte wie ein Metzger kurz nach dem Schlachten. „Das glaube ich nicht Catel“, sagte Luca schließlich.
„Ich habe es gesehen, Luca. Meine arme Verlobte, meine arme, arme Verlobte.“
„Götter. Catel. Wieso? Wie kannst du so grausam sein? Das wird Krieg bedeuten…“
„Ich war es nicht, Luca. Es war Euer Zimmermädchen. Ich habe es gesehen“, nickte Catel mit einem Grinsen.
„Und ich kann es bezeugen“, schwang plötzlich eine kalte leere Stimme durch den Raum.
Kalir trat langsam immer noch schwer atmend in das Licht des Raums. „Ich musste meine armen Nerven und meinen schwachen Magen beruhigen, als ich das Massaker hier im Zimmer sah, darum wartete ich draußen, bis ich mich wieder gefangen hatte.“
„Kalir“, schnaubte Luca. „Was wolltest du bei der Prinzessin?“
„Natürlich unsere baldige Königin begrüßen, Luca. Es ist schließlich meine Pflicht der Königsfamilie zu dienen. Und auch die kleine Komira musste wissen, wer ihr immer mit Rat und Tat zur Seite stehen würde.“ Er zeigte ein abartiges Lächeln.
„Du falsche Schlange. Was bezweckt ihr beide hiermit? Krieg? Gerade du, Catel… Du wirst deiner Mutter das Herz brechen!“
„Aber, Lady Luca“, Kalir spielte den Empörten, „Wie könnt Ihr mich und den Prinzen verdächtigen, wenn doch alle Beweise gegen Euer Zimmermädchen sprechen?“
„Du musst es verstehen, Luca! Wenn nicht, wirst auch du sterben!“ sagte Catel und ging auf Luca zu, die blitzschnell ein Messer aus ihrem Rock und zog und auf den Prinzen richtete.
„Keinen Schritt näher!“, drohte sie, „Dafür wirst du hängen, Kalir. Du hast lange genug den Geist des Prinzen vergiftet! Alora? Kind, komm her“, winkte sie ihr Zimmermädchen zu sich.
„Luca. Luca. Luca“, schüttelte Kalir den Kopf. „Wieso dieses Misstrauen? Ich diene dem Reich länger als du je Leben wirst.“
„Nicht mehr lange!“, ging sie einen weiteren Schritt Richtung Tür. „Alora!“, sagte sie nochmal energisch.
Vollkommen verwirrt und verstört kam Alora langsam näher und tat wie ihr Luca befahl. Schutzsuchend versteckte das Zimmermädchen sich hinter dem Rücken ihrer Herrin.
„Selbst jetzt glaubt Ihr ihr noch?! Sie ist schuldig! Eindeutig!“ Hollus unerträgliche Stimme.
„Sei still, Hollu! Du hast keine Ahnung was hier vor sich geht!“
„Sei nicht dumm, Luca!“ Kalir wieder. „Du weißt, dass du hier nicht wegkannst.“
Der Prinz näherte sich einen Schritt und lockerte sein Schwert in der Scheide, das Blut Komiras war auch an der Klinge noch deutlich zu sehen.
„Wieso?“, fragte Luca fassungslos, als sie den Abstand zwischen sich und dem Prinzen vergrößerte.
„Das verstehst du nicht, Luca. Niemand von euch versteht es!“, sagte Kalir und starrte sie weiter an.
„Alora? Geh langsam auf den Gang.“ Nicht fähig zu antworten hörte Alora auf die Mätresse und ging Schritt für Schritt rückwärts. Alles um sie herum wirkte verschwommen und schleierhaft. Wie ein böser Traum, aus dem sie hoffte so schnell wie möglich zu erwachen.
„Du begehst einen Fehler, Luca! Mutter wird dir diesmal nicht glauben! Sie wird dich nicht retten können!“, spuckte Catel aus, völlig außer sich vor Zorn.
„Wir werden sehen.“ Luca schmiss die Tür zu und blockierte die Griffe mit einem der massiven Kerzenleuchter, den sie geschwind von einer der Kommoden nahm.
„Los Kind, wir müssen hier weg.“
„MyLady, ich…. Ich.“
„Ich weiß, dass du Komira nichts angetan hast. Jetzt lauf!“
„Diese elende Schlampe!“, brüllte Catel, das Schwert in der Hand schwingend als würde er durch einen dichten Dschungel laufen.
„Beruhig dich“, befahl Kalir leise und Catels Zorn verzog sich augenblicklich. „Und töte das Zimmermädchen.“
Hollu riss die Augen auf und schrie schrill. „Nein! Wieso? Ich werde nichts verraten, bitte tut mir nichts!“
Ihr Flehen half Hollu nichts und sie verstummte, als Catels Schwert ihr den halben Hals durchtrennte. Röchelnd griff sie sich an die Kehle, aus der das Blut im hohen Bogen hinausschoss. Wenig später fiel sie polternd zu Boden.
„Wohin gehen wir?“, fragte Alora aufgelöst. Die Tränen raubten ihr immer noch die Sicht.
„Weg. Zum Thronsaal und dann versuche ich dich hier raus zu bringen.“
„Wieso tut Ihr das für mich? Sie werden Euch töten.“
Luca blieb kurz stehen und atmete tief durch. „Weil ich weiß, dass du unschuldig bist. Und weil... Ich muss auf dich achten, Kind. Ich habe es Duk versprochen. Und ich halte meine Versprechen. Immer. Außerdem werfe ich schon länger ein Auge auf Kalir. Irgendwas stimmt mit ihm nicht.“
Luca schaute sich um und lies ihre eben gezeigten Emotionen schnell wieder vergessen. „Los, weiter. Catel und Kalir haben sich sicher befreit. Die Drachenköpfe werden gleich nach uns suchen.“
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