„Würdest du?“ Komira sah sie mit weit geöffneten fragenden Augen an. Das Grün leuchtete wie eine saftige Sommerwiese.
„Entschuldige!“ brachte Alora hastig hervor. „Morgen zeige ich dir die Feste. Und auch die Fresken. Versprochen.“
Komira lächelte und schien sich das erste Mal seit sie Worgu erreicht hatte etwas zu entspannen.
Alora lächelte zurück und schaffte es zum ersten Mal, der kleinen Prinzessin einen längeren Moment in die Augen zu blicken, ohne dass sie ihrem Blick wieder auswich. Sie war überzeugt, dass zwischen ihr und der Prinzessin so etwas wie eine Freundschaft entstehen könnte. Vielleicht eine so enge Freundschaft wie zwischen Luca und Chestaine. Auch ohne Blutsverwandtschaft.
„Esra ist also nur deine Halbschwester?“, begann Alora ein Gespräch. „Sie scheint viel älter zu sein als du.“
Eine Sekunde dachte sie, dass Komira sich wieder verschließen würde, da ihr Blick wieder fluchtsuchend nach unten glitt, aber sie fing sich schnell wieder.
„Ja…“, immer noch schüchtern begann Komira zu reden. „Sie ist die Tochter von Vaters zweiten Frau.“
„Stimmt es tatsächlich, dass Komir sechs Frauen hat?“
Komira nickte zustimmend. „Ja. Aber nur die ersten beiden sind wichtig.“
Alora stutzte kurz. „Wie meinst du, nur die ersten beiden sind wichtig?“
„Die ersten beiden Frauen, das sind die Hauptfrauen. Meine Mutter und Esras Mutter. Nur diesen ist es erlaubt Komirs Kinder auszutragen. Die anderen vier dienen nur dazu, um Vater… um ihn… zur Unterhaltung. Konkubinen.“ Sie schaute kurz verlegen zur Seite.
Alora machte große Augen. Würde Chestaine so etwas auch dem König erlauben? Sie erinnerte sich nicht daran, dass jemals ein König Worgus neben seiner Königin mit weiteren Frauen das Bett teilte.
„Und die drei mitgereisten Frauen?“, fragte sie neugierig weiter.
„Konkubinen“, antwortete Komira ungewöhnlich schnell. „Entschuldige“, warf sie sofort ein als sie selbst bemerkte, dass ihre Antwort ungewöhnlich schnell und laut war.
„Und wieso ist deine Mutter nicht mitgereist als erste Frau Komirs?“
„Sie führt Cent. Meine Mutter ist eine starke Frau, genau wie Esras Mutter. Und da Vater und mein Bruder hier sind…“
Alora nickte nur und versank in Gedanken, während sie sich unbewusst einen Stuhl nahm und setzte. Sie musste unvermittelt kichern bei den Gedanken, wie Luca und die Königin den König mit Mistgabeln und Fackeln verfolgten, wenn er es wagen würde Konkubinen in sein Bett zu nehmen.
Schüchtern und fragend schaute Komira sie an. Sie wollte wissen, wieso Alora kicherte, traute sich aber nicht zu fragen.
„Oh! Verzeih mir. Mein Geist verschwindet oftmals in meinen Gedanken und ich vergesse alles um mich herum. Lady Luca sagt immer, dass ich irgendwann von einer Klippe falle, weil ich wieder träume und einfach weiterlaufe ohne überhaupt zu wissen wohin.“
Komira lächelte flüchtig. „Ich ergebe mich auch häufig meinen Tagträumen. Dort sind Dinge möglich, die ansonsten unmöglich wären. Ich mag das.“
Zufrieden stellte Alora fest, dass die Prinzessin mit jedem Finger mehr Vertrauen zu ihr fasste und sich langsam öffnete.
„Also werden wir gemeinsam von der Klippe fallen?“, lächelte Alora zurück und erhielt zum Dank ein Lächeln der Prinzessin.
„Meine Schwes.… Halbschwestern“, berichtigte Komira eilig, „lachen mich immer aus, wenn sie mich beim Träumen erwischen. Sie sagen immer, meine Träumereien würden mich schwach machen. Zu schwach, um Cent zu repräsentieren.“
„Ich glaube… Ich kann deine Schwestern nicht leiden“, stellte Alora lachend fest.
Überraschenderweise konnte auch Komira ein Glucksen nicht gänzlich verkneifen und zeigte ihr wunderschönes Lächeln.
„Esra ist die älteste Tochter und älteste Nachfahrin Vaters“, fuhr sie ungefragt fort und setzte sich etwas bequemer auf das Bett. Die Beine hob sie an, um es sich im Schneidersitz bequem zu machen. „Nur ist sie, wie meine beiden anderen mitgereisten Halbschwestern, die Tochter Vaters zweiten Frau.“
„Und das bedeutet?“ fragte Alora interessiert, während sie mit dem Stuhl näher rutschte und wie ein Kind fühlte, das seiner Großmutter dabei zuhörte wie sie von früher oder von unbekannten Welten erzählte.
„Meine Mutter hatte mehrere Fehlgeburten bis sie mich und meinen Bruder, Karesch, austrug. Obwohl Esra viel älter ist, ist es ihr nicht bestimmt hoch zu heiraten.“ Bei dem Gedanken an Esra senkte sie erneut schüchtern ihren Blick.
Alora brauchte einen Moment, um die Thronfolge in Cent zu verstehen. In Worgu hatte der erstgeborene Sohn das alleinige Recht, seinen Vater zu beerben. Ältere Töchter durften nicht gekrönt werden und wurden für gewöhnlich schon im Kindesalter versprochen, genau wie jüngere Brüder. Nur hatten diese die Chance, aus den Ehen auszutreten und die Thronfolge anzutreten falls der erstgeborene Sterben sollte, ohne einen Erben zu hinterlassen.
„Und darum wirst du Catel heiraten?“
Komira nickte zur Antwort. „Esra und die anderen sind an Söhne von Vaters Vasallen versprochen. Als sie erfuhren, dass ich den Worgunischen Thronfolger ehelichen werde, haben sie tagelang mit Vater gestritten. Esra wollte dies als Erstgeborene nicht akzeptieren, erst ihre Mutter konnte sie beruhigen.“
„Wundert mich nicht. Esra scheint schwierig zu sein.“
„Das ist sie…“, flüsterte Komira.
„Ich finde“, lächelte Alora das zierliche Mädchen an, um das Thema zu wechseln. „Ich finde Catel hat wirklich Glück damit dich zu ehelichen, und Worgu kann sich Glücklich schätzen, wenn du Königin wirst.“
Komira lächelte und schaute, wie so oft, verlegen auf den Boden. Nur ein kleines geflüstertes „Danke“ konnte Alora hören, bis die Prinzessin wieder zu ihr aufblickte. „Wie… wie ist er so?“, flüsterte sie nach einer kurzen, nicht unangenehmen stille.
„Catel?“, fragte Alora nach.
Komira nickte schnell und bestätigend.
Aloras Blick fiel in die grasgrünen, leuchtenden Augen Komiras, die sie fragend ansah, diesmal ohne ihrem Blick auszuweichen, es lag viel Neugier in ihren Augen. Sie dachte nach, was sie erzählen sollte. Die seltenen Kontakte, die sie mit Catel hatte, beschränkten sich die ganzen Winter über auf höchstens flüchtige Blicke. Erst heute hatte der Prinz sie scheinbar zum ersten Mal richtig wahrgenommen. Und das war kein wirklich erfolgreiches erstes Treffen gewesen. Aber wieso sollte sie der jungen Prinzessin Angst machen? Vielleicht hatte Catel einfach nur einen schlechten Tag, jeder hatte mal einen solchen Tag, sogar Prinzen.
„Ich weiß nicht.“ Alora verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin das Zimmermädchen von Luca, mit dem Prinzen hatte ich immer wenig Kontakt.“
Komira senkte ihren Kopf erneut ein wenig und schaute nachdenklich auf den Boden. Sie schien zu träumen. Jetzt wusste Alora endlich wie es sich anfühlte, wenn der gegenüber plötzlich in eine andere Welt eintauchte.
„Mache dir aber keine Sorgen“, sagte sie beruhigend. „Sowohl der König, wie auch die Königin sind gute und faire Herrscher. Catel ist ihr Sohn, ich glaube nicht, dass er dann ein komplett anderer Mensch sein wird.“
„Danke“, flüsterte das Mädchen und baldige Königin Worgus.
Der nächste morgen brach an und die Hornstöße des Wachwechsels weckten Alora unsanft aus ihrem Schlaf.
Bis weit nach Mittnacht hatten sie und die Prinzessin die Zeit mit Gesprächen verbracht und sich immer weiter angefreundet. Komira, worauf Alora stolz war, war mit jedem gesprochen Satz offener geworden, hatte gegen Ende ihres eigenen kleinen Festes sogar herumgewitzelt und ihr mehr über sich erzählt.
Alora rieb sich ihre Augen und streckte sich noch im Bett liegend. Seit langem freute sie sich nochmals auf einen bevorstehenden Tag, der versprach lang und anstrengend zu werden. Aber für und vor allem mit Komira tat sie das gern.
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