Komir stand weiterhin aufrecht, und funkelte seine Tochter böse an. Allein der Blick schien auszureichen, um jeglichen Kampfeswillen in Esra zu unterbinden. Lady Luca und Chestaine hatten ebenfalls ihre Unterhaltung unterbrochen und Refle beobachtete mit ineinander gefalteten Händen, wie immer ruhig und berechnend, alles genauestens.
„Ich bitte alle hier anwesenden das Verhalten meiner Tochter zu entschuldigen“, sagte Komir an alle Anwesenden gewandt. „MyLady Luca, könnte jemand meiner Tochter ihr Gemach zeigen?“ Der Imperator sprach freundlich aber mit unmissverständlichem Nachdruck.
„Natürlich.“ Luca winkte kurz in Richtung Küche, aus der Hollu getrottet kam.
Die gesprungene Lippe des zweiten Zimmermädchens war deutlich sichtbar und Alora schaute kurz, mit einem kleinen Grinsen, zur Seite. Ihr Grinsen wurde noch breiter, als ihr bewusst wurde, dass Hollu die Ehre zuteilwurde, sich um die anderen Töchter Komirs zu kümmern. Eine Ehre, die sie Hollu nur zu gerne überließ.
„Lady Esra, würdet ihr mir bitte folgen?“, schrillte Hollus Stimme durch die Halle.
Nach kurzem Zögern und ohne ein Wort warf Esra ihrem Vater einen bösen Blick, während sie sich erhob und Hollu folgte. Es war so still, dass jeder einzelne Schritt zu hören war. Die grazilen würdevollen Schritte Esras und die plumpen wackelnden Schritte Hollus.
Nach einigen Augenblicken begannen die Schausteller unsicher ihre Stücke fortzuführen. Leise schwebte der Ton der Sackpfeifen und Lauten wieder durch den Saal und nur nach und nach baute sich die ausgelassene Stimmung wieder auf. Alles wirkte angespannter als zuvor.
„Götter. Das ist deine Schwester?“, sagte Alora. „Du bist wahrlich nicht zu beneiden“
„Halbschwester…“, war die typisch kurze und schüchterne Antwort Komiras, die sofort danach wieder wegschaute.
Alora nickte kurz und sah wie Luca sich ihrem Tisch näherte.
„Alora? Geleitest du die Prinzessin in ihre Gemächer? Ein wenig Ruhe würde ihr sicher gut tun nach der langen beschwerlichen Reise.“ Sie lächelte freundlich.
„Natürlich, MyLady“, gehorchte Alora und stand auf. „Folgt mir bitte, Euer Gnaden“, klopfte sie noch ihr Kleid aus und lächelte Komira einladend zu. Diese erhob sich wortlos und ihren Blicken ausweichend. Alora zog eine Augenbraue hoch, als sie das erste Mal wirklich bemerkte, dass Komira verglichen mit ihr sehr klein und zierlich wirkte. Und das wollte etwas bedeuten. Denn auch Alora wurde immer als zu dürr und zierlich bezeichnet, aber Komira wirkte beinahe schon kränklich.
„Euer Gemach wird euch sicherlich gefallen. Es ist im Königsturm nicht weit von Catels Gemächern entfernt. Alora wird Euch den Weg zeigen. Ich wünsche eine gute Nacht.“, lächelte Luca um danach zurück zur Tafel zu gehen.
„Dann mal los“, sagte Alora und führte die Prinzessin aus dem Thronsaal hinaus.
„Willkommen in deinem eigenen kleinen Königreich!“ Alora stieß mit Schwung die breite polierte Holztür auf und betrat noch vor Komira deren Gemächer. „Genau genommen dein eigenes Königreich in deinem baldigen Königreich, so zu sagen.“
Das große im Königsturm gelegene Zimmer war in langer mühsamer Arbeit Prunkvoll gestaltet worden. An den Wänden entlang zog sich etwa auf Schulterhöhe eine Holzvertäfelung durch den gesamten Raum. Tagelang hatten extra aus den freien Tälern eingereiste Kunstschnitzer mühsam die Wappen Worgus und Cents in das Holz gearbeitet. Von Schreinern auf Hochglanz poliert, glänzten die Vertäfelungen selbst im Schein der Fackeln wie der Sternenhimmel.
„Das hier ist dein Balkon. Von hier aus kannst du über fast ganz Worgu hinwegsehen,“ zeigte Alora auf die großen breiten Fenstertüren, die geschützt hinter seidenen blauen Vorhängen lagen.
„Hier, dein Bett“, fuhr Alora fort ging an dem monströsen Holzgebilde vorbei, das der Größe ihrer Stube entsprach. Die dicken Decken und große Kopfkissen luden dazu ein, ganze Tage in der gemütlichen Wärme des Bettes zu verbringen, ohne auch nur einmal aufzustehen.
„Und hier eine Sitzecke. Die Sessel sind sehr gemütlich, Luca hat auch solche in ihren Gemächern.“ Sie klopfte kurz auf die hohe rote Lehne des Sessels und lächelte Komira zu „Deine Habe wird sicherlich bald von den Bediensteten her gebracht“
„Ich mag es hier“, sagte Komira mit einem Lächeln auf den Lippen, nachdem Alora ihre kleine Führung fast beendet hatte.
„Es ist wirklich schön hier“, nickte sie. „Sogar einen eigenen Abort hast du. Direkt hier drüben.“
„Ist das was Besonderes?“ fragte die Prinzessin, als sie zusammen mit Alora in den kleinen quadratischen Raum blickte.
„Also ich habe keinen. Nur den im Gang.“, lachte Alora.
„Oh. Zuhause in Cent hat jede Stube einen.“
Alora zog beide Augenbrauen hoch. Etwas so einfaches wie ein eigener Abort würde ihr morgens helfen, viel Zeit zu sparen. Vielleicht würde sie es dann schaffen, häufiger pünktlich zu sein. Oft genug war der Abort besetzt und sie musste warten.
Komira ging weiter durch den Raum, ließ ihre Finger über die Holzvertäfelungen streichen und inspizierte die massiven Kerzenständer auf den Kommoden. Auch das riesige Bett begutachtete sie skeptisch und drückte mit ihren Händen vorsichtig auf der Matratze herum. Vorsichtig und zaghaft setzte sie sich darauf und testete weiter zaghaft die riesige Matratze aus. Hoch und runter wippte sie und schien mit jedem Wimpernschlag mehr Spaß daran zu empfinden.
„Darf … darf ich dich etwas fragen Alora?“, fragte die Prinzessin kleinlaut.
„Natürlich. Dafür bin ich schließlich da“, antwortete diese.
Komira wurde sichtlich rot und versuchte erneut Blickkontakt zu vermeiden. Das Wippen auf der weichen Matratze hatte sie aufgehört. „Ein… Platscher. Was bedeutet das?“, flüsterte sie schließlich. „Ich habe bemerkt wie… wie deine Landsleute meine Halbschwester anblickten.“
Etwas überrascht schaute Alora die Prinzessin an. Es verwunderte sie, dass eine Tochter Komirs nicht wusste woher dieser Ausdruck kam, selbst sie hatte schon öfters davon gehört.
„Platscher…“ Alora überlegte, wie sie der jungen Prinzessin die Bedeutung schonend beibringen sollte. „Du weißt über den letzten großen Krieg zwischen Worgu und Cent Bescheid?“
Die Prinzessin nickte.
„Viele sind damals gestorben. Worgu und Cent.“ Sie atmete durch. „Es heißt immer, Cent wäre berühmt für seine Bogenschützen. Als die Soldaten Worgus in ihren Booten über die Arka setzen wollten, haben die Bogenschützen bereits auf sie gewartet. Männer, die getroffen wurden, fielen von den Booten herab und landeten im Wasser. Wegen der schweren Rüstungen konnte keiner von ihnen schwimmen und ertrank. Das Platscher kommt von dem Geräusch, das die Männer machten, als sie ins Wasser fielen und ertranken.“
„Das klingt furchtbar“, riss Komira ihre großen grasgrünen Augen auf. „Woher weißt du das?“
Alora brauchte eine Sekunde um zu verstehen, dass Komira tatsächlich ein Gespräch mit ihr beginnen wollte.
„Duk. Ich meine Marschall Duk“, berichtigte sie sich schnell. „Er ist sowas wie mein Ziehvater. Leider kann er heute nicht hier sein, aber er erzählte mir mal davon.“
„Wieso erzählt dir dein Ziehvater solche Geschichten? Mein Vater erzählt nie von Kriegen oder Schlachten. Er sagt immer, dass solche Dinge nichts für Mädchen seien.“
„Ich weiß nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Normalerweise weicht er solchen Fragen immer aus. Aber im Gang des Thronsaals gibt es ein Fresko das die Schlacht an der Arka zeigte. Ich glaube er erzählte mir vor Wintern davon, und auch den Begriff Platscher erwähnte er damals.“
„Dieser Gang… Kannst du mir zeigen wo er ist? Und die Fresken würde ich auch gerne sehen.“ Etwas Euphorie lag in der Stimme der Prinzessin und zauberte Alora damit ein breites Lächeln ins Gesicht. Es freute sie wirklich, dass Komira damit begann ihre Angst zu überwinden. Sie schien sich ihr endlich etwas zu öffnen und dass beide nicht mehr im Getöse des Festes zwischen den vielen lauten Männern waren, half deutlich dabei.
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