„Euer Gnaden“, stammelte Alora verwirrt und schaute weiter in Komiras abgewendete Augen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass auch die Prinzessin stand. Stürmisch packte sie ihren Stuhl und bot ihn der Prinzessin an. „Setzt Euch, bitte.“
Komiras Antwort bestand nur aus einem flüchtigen Lächeln, Augenkontakt vermied sie konsequent, als sie sich an den Tisch setzte. Alora schaute sich kurz um und entdeckte wenige Schritte entfernt einen einsamen Stuhl, den sie sich nahm und an ihren kleinen runden Tisch schob. Sie saß der Prinzessin nun gegenüber und lächelte sie verunsichert an.
Was sollte sie machen? Sie saß mit der baldigen Königin an einem Tisch und mehr als ein dümmliches Grinsen wollte ihr nicht einfallen. Sie hätte sich am liebsten in irgendeine Ecke verkrochen und wäre nie mehr rausgekommen. Komira spielte nervös mit ihren Fingern und beruhigte so ihre Nerven. Die Tatsache, dass Komira ähnlich ahnungslos wie sie selbst war beruhigte sie ein wenig. Immerhin schien das Mädchen nicht zu erwarten, das Alora sie unterhielt wie eine Schaustellerin. Aber trotzdem wurde ihr die Situation immer unangenehmer. Was interessierte Cents überhaupt? Alora wusste nichts über das Leben einer Cent, vor allem nichts über das Leben der Tochter des Imperators. Sie schaute sich hilfesuchend um. Sie suchte einen Ideengeber, eine Inspiration und fand die Augen Lady Lucas. Ohne Worte wusste Alora genau, was die Mätresse ihr sagen wollte, als ob zwischen beiden eine mentale Verbindung bestehen würde.
„Bei den Raben, Mädchen! Jetzt unterhalte dich mit der Prinzessin!“, hörte sie Lucas Stimme in ihrem Kopf.
Im ersten Augenblick musste sie leise kichern, stoppte aber dann erschrocken bei dem Gedanken, dass Luca ihr jetzt Anweisungen übermitteln könnte ohne überhaupt in Hörweite zu sein. Das wäre eine Katastrophe und sie wäre nirgends mehr sicher vor den Aufgaben der Mätresse, Alora wollte sich gar nicht erst vorstellen wie es wäre und schüttelte sich kaum merklich und bemerkte dabei wie Komira sie ausweichend aber auch ungewöhnlich direkt ansah.
Sie räusperte sich kurz. „Verzeiht, Euer Gnaden. Ich musste an etwas Lustiges denken.“
„Komira.“ Leise wie eine Maus brachte die Tochter des Imperators von Cent ihre Namen hervor.
„Euer Gnaden?“ Sie war sich nicht sicher was sie gehört hatte.
„Komira.“ Die Prinzessin sprach einen wenig lauter: „Du kannst mich… Komira nennen. So heiße ich.“
Alora lächelte freundlich in Komiras Richtung. Sogar Komira antwortete mit einem sanften Lächeln, was ihre großen grünen Augen hervorhob. Sofort fühlte Alora sich durch das satte Grün der Augen an die großen Wiesen erinnerte, die sie aus ihrem kleinen Fenster heraus sehen konnte. Die Pferde, die über das Grün rannten, die Sonne genossen und die Blumen die als bunte Flecken im Grün zu sehen waren.
„Freut mich, Komira. Ich bin Alora und werde mich um dich kümmern hier im fremden Worgu.“ Sie beugte sich zu dem Mädchen und spielte die Geheimnisvolle. „Lass aber, bei allen Göttern, Lady Luca nicht wissen, dass ich dich bei deinem Namen nenne. Sie würde die Raben auf mich hetzen, wenn ich die Etikette nicht wahre.“
Die Prinzessin riss ihre Augen auf und schaute bedrückt weg.
„Tu… tut mir leid. Es ist nicht meine Absicht, dass du wegen mir Ärger bekommst.“
„Nein, nein!“, versuchte Alora die Prinzessin zu beruhigen. „Das war nur ein Witz. Verzeih mir, ich mache häufiger so dumme Witze.“
Komira nickte nur kurz angebunden und schaute wieder schüchtern weg. Das eben angerissene Eis schien wieder zugefroren zu sein und Komira verstecke sich wieder in ihrem Panzer. Alora ärgerte sich über sich selbst. Das schüchterne Mädchen kam absolut nicht nach ihrem Vater, soviel war ohne Zweifel klar. Komir belustigte, womöglich dem zügellosen Genusses von Bier und Wein geschuldet, nun die halbe Tafel mit Anekdoten. Selbst Refle übermannte es das ein oder andere Mal und ein Lächeln war in seinem sonst so strengen Gesicht zu erkennen.
„Das war nur ein kleiner Scherz! Keine Sorge, Ärger werde ich bestimmt keinen bekommen“, wiederholte Alora nochmal und schaute Komira freundlich an. „Also, Komira“, startete sie einen neuen versuchen das Eis zu brechen, schließlich standen den beiden Mädchen viele gemeinsame Monde bevor, „wie war die Reise nach Worgu so? Und erzähle mir vom Cent! Bisher kenne ich nur Gerüchte vom Süden.“
„… Cent ist ein schönes und fruchtbares Land“, kurz und knapp war die Antwort Komiras, „…. Die Reise war lang… aber angenehm“,
Abwartend und regungslos saß Alora auf ihrem Stuhl.
Sagt sie noch etwas?, fragte sie sich, während sie vergeblich auf eine Regung Komiras wartete. Mehr schien die Prinzessin nicht sagen zu wollen. Immerhin wusste sie jetzt, dass Cent fruchtbar war. Das war mehr als sie vor wenigen Augenblick über Cent gewusst hatte. Ein Erfolg.
„Das… Das Freut mich.“ Sie lächelte Komira zu. „Ihr habt also auch große grüne Wiesen und Wälder in Cent?“
Die Antwort bestand aus einem flüchtigen Nicken, mehr war aus der Prinzessin nicht rauszuholen.
Aloras Verzweiflung war ihr ins Gesicht geschrieben, was sollte sie noch machen? Als ob die Götter sie in ihrer Verzweiflung erhört hätten, starteten diese ein neues Theaterstück und lenkten die Aufmerksamkeit aller darauf.
„Du nichtsnutziger Nordling! Schau dir an, was du angerichtet hast!“ Das Geschrei kam von der Tafel, und sowohl Alora als auch Komira schauten zur Quelle. Alle anderen Feiernden taten es ihnen gleich und die Stille, die eintrat verbreitete eine unheimliche Stimmung in der eben noch mit Musik und Tanz erfüllten Halle.
Komira atmete genervt ein und aus und rollte mit den Augen. War das tatsächlich eine Gefühlsregung der Prinzessin? Es ging zu schnell, Alora konnte es nicht genau sehen, aber es schien tatsächlich so gewesen zu sein.
Grund für die allgemeine Aufregung an der Tafel war eine von Komirs Töchtern, älter als Komira und mit deutlich mehr weiblichen Reizen gesegnet. Beinahe so groß wie Catel mit langen seidig glänzenden schwarzen Haaren, das in Zöpfen geflochten auf den wohl proportionierten Brüsten ruhte. Ihre schmale Taille bildete im Zusammenspiel mit Brust und Hüfte eine perfekte Sanduhr.
„Alles versaut hast du! Alles!“
Alora bemerkte erst auf den zweiten Blick den roten Weinfleck auf der Brust von Komiras Schwester und fand das ein Rotweinfleck auf einem rotweinfarbenen Kleid kein Weltuntergang war. Aber Cent waren da vielleicht empfindlicher als sie . Komira, die sich sichtlich unwohl fühlte, versuchte nach ihrer kleinen Gefühlsregung von vorhin die Posse zu ignorieren, indem sie den Tisch anstarrte und wieder mit ihren Fingern spielte.
„Esra, mein Kind, beruhige dich. Unfälle können passieren.“ Komirs tiefe Stimme schaukelte beruhigend wie ein Wiegenlied durch den Raum. „Der Mundschenk kann sicher nichts für diesen kleinen Unfall.“
„Kleiner Unfall? Mein Kleid ist ruiniert, Vater! Nur weil dieser unfähige Schweinehirte nicht aufpassen kann“, brüllte sie und stocherte mit ihrem Zeigefinger auf der Brust des Schenks herum.
„Ich bitte um Verzeihung, Euer Gnaden. Es war keine Absicht. Ich…“, stotterte er.
„Sei ruhig du verfluchter Platscher!“
„Esra!“ Komirs Stimme donnerte wie ein Gewitter durch die Halle und lies seine eben noch angriffslustige Tochter augenblicklich zusammenzucken und zurück auf den Stuhl sinken.
Aber es war zu spät. Die Stimmung in der Halle war plötzlich spürbar kühler. Die eben noch freundschaftlich miteinander trinkenden und speisenden Männer beider Völker scheuten plötzlich den gegenseitigen Blick in die Augen und die eben noch so bunt gemischten Gruppen trennten sich. Worgus zu Worgus und Cents und Cents. Auch die Schausteller waren verstummt und wussten nicht so recht wann und ob sie weiterspielen sollten.
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