In ihrer Kammer herrschte unveränderte Unordnung. Die mit Mist verschmutzte Kleidung hatte sie vergessen zur Wäscherei zu bringen, und das rächte sich jetzt mit dem Gestank, der in ihrer Stube lag. Für Luca wäre das wieder ein gefundenes Fressen gewesen, aber sie bezweifelte, dass die Mätresse heute ihre Stube inspizieren würde.
„Soll ich vorher zur Wäscherei?“, dachte sie laut nach und schüttelte den Kopf. Dank ihrer Pläne mit Komira war der Tag von morgens bis abends komplett verplant. Da hatte sie keine Zeit für so etwas unwichtiges wie Wäsche waschen. Und vollkommen ungnädig waren die Götter auch nicht gewesen. Die Waschweiber hatten im Laufe des gestrigen Tages einen Bottich frisch gewaschener Wäsche vor ihrer Kammer abgestellt. Und in diesem befand sich auch endlich Aloras Lieblingskleid welches sie bereits Gestern verzweifelt gesucht hatte. Ein weinrotes Kleid, und Geschenk von Lady Luca. Es sah edel aus und war perfekt auf sie zugeschnitten. Ohne Einschränkungen konnte sie in diesem Kleid ihrer Arbeit nachgehen und musste nicht jeden Finger den Stoff geradeziehen oder aus Körperstellen entfernen, wo Stoff nichts zu suchen hatte. Kein Ziehen an der Brust, kein Kratzen und kein Drücken, selbst wenn sie fingerlang auf den Beinen war. Probleme, die sie bei ihren anderen Kleidern leider des Öfteren hatte.
Schnell zog sie das Kleid an und band ihre Haare zu einem Zopf zusammen. Der kleine Holzeimer, der vor ihrem Spiegel stand, war noch halbvoll mit Wasser. Sie wusste nicht, wie lange das Wasser bereits in dem Eimer war, aber für eine oberflächliche Wäsche und zum Reinigen der Zähne sollte es noch reichen. Danach würde sie ihn vor die Tür stellen und den Bediensteten zeigen, dass sie neues Wasser brauchte. Ein Blick in den Spiegel verriet ihr jedoch, dass sie mehr benötigte als eine kurze Wäsche. Der anstrengende gestrige Tag hatte Spuren hinterlassen und ließ sie um zehn Winter älter wirken. Die Planung ließ aber kaum Spielraum, vor allem nicht für solche Kleinigkeiten wie Augenringe. Kurz mit dem Wasser durch das Gesicht gewaschen, verschwand sie in den endlosen Gängen der Feste.
Es war früh am Morgen, aber sogar für die frühen Morgenhände war sehr wenig los auf den Gängen. Kaum Gardisten oder bedienstete gingen ihrer normalen Beschäftigung nach, und die, die sie entdeckte, befanden sich geistig noch in ihren Betten oder auf der gestrigen Feier. Das konnte nur bedeuten, dass das Fest noch bis fast zum Morgen gedauert hatte und alle noch ihren Rausch ausschliefen. Perfekt, um Komira die Feste in Ruhe zeigen zu können, ohne alle paar Schritte auf jemanden zu treffen, der die Prinzessin womöglich noch bedrängt hätte.
Nach kurzem Fußmarsch erreichte Alora den Ausgang des Turmes und betrat die Brücke zum Königsturm. Kurz stoppte sie und atmete tief durch, bevor sie weiterging und einen flüchtigen Blick über die Brüstung hinab in den Innenhof warf.
Die Zeltstadt unter ihr war in gespenstische Ruhe gehüllt. Kein ein Geräusch war zu hören, und keine Bewegung zu sehen. Der Wachwechsel war bereits vorbei und auch die Hörner hatten es nicht geschafft, die schlafenden aus ihrem Koma zu wecken.
Sie ging weiter und bemerkte, dass vor dem Eingang des Königsturms keine Drachenköpfe standen.
„Seltsam.“ Murmelte sie, als sie durch die Tür ging, den Königsturm betrat und begann die Treppen hinaufzugehen.
Die richtige Etage erreicht entdeckte sie eine Gestalt, die schwer atmend Halt an der Wand suchte. Es war Kalir, wie sie auf den zweiten Blick feststellte. Er schein vollkommen erschöpft zu sein und beachtete sie gar nicht. Sie konnte aber mehr als deutlich die großen Schweißtropfen auf seiner Stirn erkennen, die wild seine Stirn hinabliefen und auf den Boden tropften. Kurz verlangsamte sie ihren Schritt und überlegte, ob sie den Priester ansprechen sollte, schüttelte aber den Kopf und ging weiter. Der bleiche Mann war ihr schon immer unheimlich gewesen, sein Blick, seine Finger, einfach alles. Auf keinen Fall wollte sie allein mit ihm sein, fixiert von seinen eingefallenen Augen. Ein kurzes Schaudern lief ihr über den Rücken
Bestimmt ist er nur verkatert. Dachte sie und löschte die Gedanken an den Priester aus ihrem Kopf.
Ein paar Ecken weiter erreichte sie die Gemächer der Prinzessin. Die Tür war geschlossen, weshalb sie anklopfte.
Keine Antwort.
Sie klopfte erneut.
Keine Antwort
Langsam öffnete sie die Tür und betrat den dunklen Raum.
„Komira?“, fragte sie ins dunkle und erhielt keine Antwort. „Man sieht seine Hand vor Augen nicht“, fluchte sie ein wenig, während sie mit den Händen nach Hindernissen tastend langsam durch den Raum in Richtung der Fenster ging. Mit einem Ruck riss sie die Vorhänge auf und schloss aufgrund des plötzliches Lichtes schützend ihre Augen.
„Guten Morgen, Schlafmütze!“, sagte sie freudig, als sie sich umdrehte und einen kurzen Schrei ausstieß.
Auf dem Bett lag Komira. Reglos, die Gelenke seltsam verdreht, die Hände verkrampft und blutig. Das Gesicht starrte sie an. Die großen grünen Augen waren trüb und leer, schmerz- und angstverzerrt. Der Mund zu einer hässlichen mit fehlenden Zähnen verzogenen Fratze.
„Götter… Nein, bitte“, stammelte Alora und konnte sich kaum bewegen. „Komira?“, stellte sie die sinnlose Frage.
Über die Wände verteilt liefen dicke Blutstropfen hinab zum Boden. Über die Schnitzereien hinweg tränkten sie den hellen Teppich dunkelrot.
Mit kleinen Schritten näherte sie sich dem Bett. Die Hände vor dem Mund unterdrückte sie die Schreie, die aus ihrer Kehle brechen wollten. Mitten im Brustkorb der Prinzessin strömte aus einer breiten Wunde immer noch das Blut. Unaufhörlich lief es den zierlichen nackten Körper hinab und bildete einen roten See direkt unter der Leiche.
„Wie?“ Sie schluchzte Tränen fielen zu Boden. „Wer tut so etwas? Ich… Ich muss zu Duk? Luca?“ Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen bis das Zuschlagen der Abort Tür sie zusammenzucken ließ.
„Du hättest nicht herkommen sollen, Zimmermädchen.“
Luca war wie immer früh auf den Beinen und kämmte ihr fuchsrotes Haar. Wie jeden Tag investierte sie viel Zeit, um morgens ihre Altersmakel zu beseitigen. Da ein Fältchen retuschieren und da eine Unreinheit der Haut überschminken. Während der letzten Winter wurden die Zeichen ihres Alters immer deutlicher sichtbar. Und das bedeutete gleichzeitig für sie mehr Zeit, die sie jeden Morgen vor dem Spiegel benötigte.
Das Alter macht es nicht leichter, dachte sie öfter.
„MyLady“, erkannte sie Hollus hohe Stimme.
„Guten Morgen, Hollu.“
„Kann ich etwas für Euch tun, MyLady?“
Luca überlegte kurz und schüttelte den Kopf. „Nein. Aktuell nicht.“ Sie kämmte weiter ihr Haar und hielt kurz inne. „Was ist mit Komirs Töchtern?“
Hollu atmete spürbar gereizt durch und leckte sich die aufgeplatzte Lippe. „Lady Esra gab mir gestern Abend zu verstehen, dass sie nicht vor dem Mittagessen gestört werden will, genau wie ihre anderen Schwestern.“
„Gut, gut“, war Lucas kurze Antwort. „Dann bitte ich dich, zur Prinzessin zu gehen und Alora zu helfen. Falls sie keine Hilfe braucht, warte vor den Gemächern auf mich. Ich werde gleich da sein.“
Allein der Name Alora ließ Hollu vor Wut schnauben. Luca ignorierte es und kämmte weiter ihr Haar. „Du stehst ja immer noch hier.“
„Verzeiht, MyLady“, verneigte Hollu sich kurz und verschwand durch Tür.
Luca schaute Hollu kurz hinterher und kämmte weiter. Hundert Striche bis sie glänzen, das hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Gewissenhaft zählte sie mit und stoppte nach dem hundertsten Bürstenstrich. Und wie immer behielt ihre Mutter Recht. Die schönen fuchsroten Haare glänzten wie der Sonnenaufgang und saßen perfekt. Zufrieden nickte sie, stand auf und kontrollierte ein letztes Mal ihr Kleid auf den perfekten Sitz. Eine letzte Kontrolle der Schminke und Fingernägel. Kein Makel war zu finden.
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