Michael Schatten - Das Geflüster der Raben
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„Raben!“, zuckte sie kurz zusammen.
Er hatte Recht, sie hatte ganz die Zeit vergessen. Wenn Luca nach ihr suchen würde, würde sie schnell herausfinden, dass Alora nicht mehr im Thronsaal war. Und, dass trotz ihres ausdrücklichen Befehls.
Duk lachte. „Ich habe Recht, nicht wahr?“
„Pass auf dich auf!“, zog sie eine Grimasse und verschwand durch die Tür in den dunklen Gang.
Der eiskalte Wind begrüßte sie erneut und biss ihr in die Haut. Es war noch kälter, als vor den wenigen Fingern, die sie in Duks Stube verbracht hatte. Zitternd marschierte sie zur Tür, die sie wieder in den Hof führen würde und stieß sie auf. Sofort flogen ihr dicke Schneeflocken ins Gesicht und färbten ihre Haare weiß.
„Raben“, fluchte sie kurz und hielt sich die Hand schützend vor die Augen. Es hatte tatsächlich erneut begonnen zu schneien.
Die Männer der Reiterdivision interessierten sich nicht für den Schnee und eilten weiter über den Hof von den Schlafstuben in die Ställe und zurück. Die Pferde tänzelten nervös umher, als ihnen die Rüstungen angelegt wurden, weswegen die Männer alles versuchten, um die Tiere zu beruhigen. Alora beobachtete die Männer und Tiere kurz. Sie beunruhigte der Gedanke an Krieg und Schlachten schon, aber wie musste es da erst für jemanden sein, der tatsächlich kämpfen musste? Konnte man jemals dafür vorbereitet werden, andere Menschen zu töten? Sie konnte und wollte sich gar nicht vorstellen, wie es war in den Krieg zu ziehen. Trotz all ihrer Neugier gehörte Krieg nicht zu jenen Dingen, die sie unbedingt kennenlernen wollte. Ihr reichte es schon, dass der Krieg ihren Vater genommen hatte. Mehr sollte das gefräßige Monster mit seinem unstillbaren Hunger nicht von ihr bekommen. Niemals. Verträumter als sie sollte schaute sie den Flocken zu, wie diese vom Wind eingefangen zu Boden gingen und eine dicke weiße Schicht bildeten. Auch auf den kalten stählernen Rüstungen der Pferde und Menschen blieb der Schnee liegen und hüllte nach dem toten Stein auch die Lebenden langsam ein. Sie mochte den Schnee, wenn es nur nicht so verflucht kalt dafür sein müsste. Schnee im Sommer. Das wäre perfekt. In der warmen Sonne des Sommers einen Schneemann bauen oder sich eine Schneeballschlacht liefern, ohne danach bibbernd vorm Kaminfeuer sitzen zu müssen. Der Gedanke gefiel ihr, während sie weiter Richtung Ausgang der Kaserne lief.
Kapitel 4–Aufbruch in den Norden
Heiß brannte die Glut im Korb der Pfeife auf als Duk einen tiefen Zug in seine Lungen zog. Langsam glitt sein Blick über den Hof wo noch immer Männer eiligst damit beschäftigt waren, die Tiere für den Aufbruch vorzubereiten. Man merkte es deutlich, dass alle Männer die an seiner Seite in den Norden reiten sollten, mit jedem Finger nervöser wurden. Aber dafür wurden sie ausgebildet, für den Kampf und für den Schutz ihrer Heimat, andere zu Töten oder gar selbst für Worgu zu sterben. Jeder kannte die Gefahr, die das Leben als Soldat mit sich brachte. Viele hatten sie bereits hautnah erlebt, hatten Blut an ihren Händen wie so viele vor ihnen. Etwa sieben Tage würden sie brauchen um das Felsental zu erreichen, falls das Wetter sich hielt, und das hoffte er. Ein weiterer Zug an der Pfeife und er ging los. Jeder der Männer grüßte den beliebten Marschall und machte schnellstens Platz, wenn er sich näherte. Sein Ziel waren die Ställe der Ersten Reiterdivision Worgus.
Die Stallungen für die eintausend Pferde der Division waren gigantische Bauten aus dem grauen Stein, der auch für die restlichen Bauten genutzt wurde. Nur wirkten die in die Höhe gebauten Kasernen wie kleine Hütten gegen die hunderte Schritt langen Stallungen mit ihren dutzenden großen Toren für die Pferde. Aber auch trotz der schieren Größe der Stallungen mussten die Pferde dicht an dicht gereiht in ihren Verschlägen warten und kamen nur selten raus. Vor allem während der Wintermonde hausten die Schlachtrösser in den engen Ställen und gierten förmlich auf den Sommer. Sobald die Temperaturen nämlich wieder stiegen, ließen die Stallmeister die wertvollen Rösser endlich wieder zurück auf die großen Weiden außerhalb der Stadt Worgu. Strengstens bewacht von Soldaten der Kavallerie. Trotz der Todesstrafe die auf den Diebstahl eines Schlachtrosses stand, versuchten die ärmsten der Armen jeden Sommer aufs Neue eines der stolzen Schlachtrösser zu stehlen. Die Verlockung war einfach zu groß und ließ viele die Gefahr vergessen. Die Weiden waren weitläufig und nicht überall konnten die wachsamen Augen der Wachen sein, und ein Schlachtross Worgus konnte auf dem Schwarzmarkt für mehrere tausend Worgunische Mark verkauft werden. Eine Summe, die ausreichend war, um eine Familie über Winter hinweg zu ernähren. Die Gier nach dem schnellen Geld ließ die Menschen den Henker vergessen und leichtsinnig werden, und meistens waren es auch die letzten leichtsinnigen Ideen, die sie hatten.
Über den hektischen Hof hinweg erreichte Duk eine der großen Türen in die Ställe wo bereits mehrere in Kampfrüstung gekleidete und in Decken versteckte Männer warteten.
„Herr Marschall!“, wurde er mit militärischem Gruße vom kleinsten der sechs Männer begrüßt.
„Major Werop, ich grüße Euch.“ Erwiderte Duk den Gruß des Worgunischen Militärs. „Die Herren Leutnants“, nickte er den anderen Männern zu, die in Haltung neben dem Major standen.
„Es tut mir leid wegen der zweiten Schweren Hundertschaft, Herr Marschall. Aber der Prinz bestand darauf mit Panzerreitern den Cent entgegenzureiten“, begann der Major.
„Lasst uns drinnen weiterreden. Hier draußen werden wir noch erfrieren“, unterbrach Duk den Major der Ersten Reiterdivision und ging durch das massive Tor in die großen Ställe hinein.
In den Stallungen lag der typische schwere Geruch von Pferd und Mist in der Luft. Einer der vielen Gründe, weshalb Duk die Stallungen nur dann betrat, wenn er es unbedingt musste. Er mochte es nicht, seine Tiere so beengt zu sehen, ohne die Möglichkeit ihren Tatendrang auszuleben. Er merkte so jeden Winter aufs Neue, dass sein Herz immer noch für die Kavallerie schlug, auch wenn er als Marschall den militärisch höchsten Rang bekleidete und ihm somit auch die Infanterie unterstand. Aber seine Wurzeln lagen bei der Kavallerie. Vor zehn Wintern war er noch ein Major gewesen, und zwar Major genau dieser ersten Reiterdivision. Als dieser war er Befehlshaber der kompletten Division gewesen und nur der Marschall hatte in der Hackordnung über ihm gestanden - und natürlich der König. Unterstellt waren ihm damals die zehn Leutnants der Hundertschaften, die wiederum in zehn Stöße unterteilt von Korporals befehligt wurden. Für den Marschall der Armee war eine solche Nähe zur Truppe ungewöhnlich. Viele seiner Vorgänger hatten eine gewisse Distanz zu den Soldaten gepflegt und nur Kontakt zu den Offizieren gehalten. Ein Brauch, der für Duk nie in Frage gekommen war. Er war einfacher Soldat gewesen und würde das trotz seines Ranges auch für sich selbst weiter bleiben. Er würde nie Männer in den Tod schicken, ohne sich der selben Gefahr entgegenzustellen. Sehr zum Leidwesen seiner Offiziere.
„Endlich raus aus der Kälte!“, stöhnte einer der Leutnants, nachdem alle die Ställe betreten hatten und die Tore geschlossen waren.
In den Ställen selbst herrschte eine ähnliche Unruhe wie schon zuvor im Hof. Die tausend Pferde wurden Tag und Nacht von Stallburschen betreut, die aufgrund des bevorstehenden Ausreitens von sechshundert Pferden mehr als genug zu tun hatten. Sättel wurden hin und her getragen, Pferderüstungen poliert und die Pferde gestriegelt. Auch die Tiere tänzelten nervös umher und sahen sich gestresst um. Manches Tier schnappte gar nach den Stallburschen, um zuzubeißen. Mit störrischer Ruhe ignorierten die jungen Burschen die Angriffe der Pferde und gingen ihren Aufgaben weiter nach. Einer der Burschen bahnte sich vollbeladen mit dicken Holzscheiden seinen Weg durch das Labyrinth aus Pferden, um das Feuer in den speziell abgesicherten Öfen weiter zu schüren und die Kälte weiterhin draußen zu lassen. Selbst im tiefsten Winter herrschten somit angenehme Temperaturen in den Ställen. Dank der Absicherung der Öfen war es auch unmöglich, dass Feuer übersprang und so das Stroh hätte entzünden können.
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