Michael Schatten - Das Geflüster der Raben
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Schnell huschte Alora über die nasse Straße in Richtung der Reiterdivision. Mit ihren weitläufigen Außenanlagen und den Stallungen für die Pferde war diese Kaserne deutlich imposanter und größer als ihre Schwester. Zwar immer noch so hässlich und zweckmäßig, aber dafür nicht so eng bedrückend.
„Halt!“, raunte jemand, als sie gerade mit gesenktem Kopf das Tor passieren wollte. „Kein Durchgang für Zivilisten. Hier befindet sich die Kaserne der königlichen Ersten Reiterdivision!“ Mit abschätzenden Blick wurde Alora von einem der Kavalleristen gemustert.
Normalerweise wirkten die Soldaten der Armee immer einschüchternd und autoritär. In ihren dunklen Lederrüstungen mit den metallbeschlagenen Harnischen sahen die Reiter der leichten Kavallerie zwar bei weitem nicht so eindrucksvoll aus wie die schweren Reiter oder die schwere Infanterie, aber trotzdem eben bedrohlich. Sie vermittelten Respekt. Eine Eigenschaft, die jeder Soldat mit sich bringen sollte, hatte Duk ihr einst gesagt.
Vielleicht hätte er das auch diesem jungen Soldaten vor ihr sagen sollen, dachte Alora.
Er wirkte schlaksig und alles andere als motiviert. Nervös pendelte er von einem Bein auf das andere und fingerte nervös am Griff des Speeres in seiner Hand herum. Seinem Blick war es deutlich anzusehen, dass es ihm nicht gefiel, in der Kälte draußen wache zu halten, während seine Kameraden in der warmen Kaserne saßen oder sich auf den Einsatz vorbereiteten. Was man ihm bei dem kalten Wind nicht wirklich verdenken konnte.
Nach einer kurzen Sprachlosigkeit räusperte Alora sich und sah dem Soldaten fest in die Augen.
„Ich bin kein Zivilist, Soldat! Ich bin das erste Zimmermädchen von Lady Luca, der Mätresse des Königs. Ich verlange Marschall Duk zu sehen.“
„Erstes Zimmermädchen von Lady Luca, der Mätresse des Königs...“, stieß der Kavallerist kurz angebunden aus und musterte sie erneut von Kopf bis Fuß. Diesmal mit noch mehr Argwohn in den Augen.
„So ist es, Soldat! Also dürfte ich bitten?“, lächelte Alora und ignorierte die Unhöflichkeit des Soldaten und zeigte so ein wenig Verständnis für die schlechte Laune des Soldaten.
„Verzeiht, dass ich Euch nicht erkannt habe“, spielte er den Schuldigen, nur um ihr den Weg erneut zu versperren. “Kein. Zutritt! Und jetzt hau ab.“
„Ich kenne Marschall Duk persönlich, Soldat! Euer Verhalten wird ihm nicht gefallen!“, protestierte sie lautstark.
„Laut Befehl eben jenes Marschalls ist es Zivilisten zurzeit verboten, die Kaserne zu betreten. Der Marschall bereitet in diesem Moment einen Einsatz vor. Da hat er bestimmt keine Zeit für ein Zimmermädchen!“
„Luca wird es bestimmt auch nicht gefallen, dass du mich nicht hereinlässt!“, versuchte Alora ihren letzten Trumpf zu spielen, und hoffte der Respekt, den die Soldaten vor Luca hatten würde helfen.
„Hör zu, Mädchen“, seufzte der Mann. „Befehl ist Befehl, da kannst du mich mit deinen Blicken noch so sehr verfluchen oder mit der Mätresse drohen. Ich befolge die Befehle des Marschalls und nicht die Lucas. Und jetzt hau ab. Dieser beschissen kalte Wind nervt mich schon genug.“
„Aber ich muss zu Duk!“, protestierte Alora weiter.
„Du nervst, Kleine. Fast noch mehr als die Kälte.“ Er stoppte. „Ich hätte einen Vorschlag,“ sagte er breit grinsend weiter.
„Einen Vorschlag?“
„Dir ist doch sicher auch kalt. Natürlich ist dir kalt, euch Frauen ist immer kalt.“
Alora sagte nichts und verzog die Augenbrauen.
„Wir könnten uns gegenseitig ein bisschen aufwärmen. Merkt auch sicher keiner.“ Er zwinkerte ihr zu.
Aloras Gesicht lief Rot an. „Raben nein!“, stöhnte sie und brachte den Mann zum Lachen.
„Nun komm schon“, ächelte elr. „Ansonsten verschwinde und lass mich in Ruhe!“
„Alora?“
Sie blickte auf. Die Stimme kam ihr sofort bekannt vor und ließ sie vor Freude breit strahlen. Womit sie das genaue Gegenteil des Soldaten war, der jetzt eher wirkte, als hätte er sich in die Hose geschissen.
„Duk! Ich habe nach dir gesucht“, rief sie dem Marschall zu, der wenige Schritte entfernt aus der Kaserne zu ihr hinüber sah.
„Und du hast mich gefunden“, antwortete der Marschall ihr als er näherkam. Der Soldat nahm stocksteif Haltung an, als der Marschall neben ihm stehen blieb. „Du hast Glück. Bin gerade erst damit fertig geworden, Befehle zu verteilen. Beide Divisionen sollen bereitstehen und die Cent den gesamten Weg von der Stadt hinauf bis zur Feste begleiten. Und wenn ich in den Norden aufbreche, wird jemand anders die Befehle geben müssen.“
„Herr Marschall!“, salutierte der eben noch so vorlaute Soldat und stand gerade und starr wie der Speer, den er in der Hand hielt.
„Soldat“, nickte Duk und wand sich danach wieder Alora zu. „Womit kann ich dir denn helfen? Ich bin etwas ein Eile musst du wissen“
„Ich…“, überlegte sie kurz und sah zum Soldaten rüber, der mit jedem Augenblick noch bleicher im Gesicht wurde. Sie lächelte. „Ich habe ein paar Fragen. Wird auch nicht lange dauern.“
Duk überlegte kurz. „Dann komm mit“, gab er ihr den Vorrang, die Kaserne zu betreten.
Ein hämisches Grinsen konnte Alora nicht verkneifen, als sie an dem starren Soldaten vorbeiging und den großen Hof der Kaserne betrat. Duk führte sie direkt in seine Stube die unverfehlbar mitten auf dem großen Exerzierplatz der Kaserne lag. Überall um sie herum waren die Männer und Tiere der Ersten Reiterdivision in heller Aufregung. Hastig wurden Pferde neu beschlagen, Rüstungen angelegt und Vorräte auf die langen zweiachsigen Wagen geladen, an deren Spitzen die großen muskulösen Kaltblüter friedlich auf ihren Einsatz warteten. Die in der Luft liegende Spannung unter den Männern war sogar für Alora zu spüren. Überall riefen die Männer durcheinander, Offiziere ordneten ihre Truppen und Waffen wurden aus den Lagern ausgegeben. Die Männer kontrollierten gegenseitig ihre Rüstungen und redeten sich gegenseitig Mut zu. Sogar die älteren Soldaten schienen nervös zu sein. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Division bereit war und an der Seite ihres Marschalls in den Norden zu ziehen.
Das Gewusel hinter sich gelassen erreichten die beiden eine kleine schmucklose Tür, die in einen dunklen Gang führte, der direkt in der Schreibstube des Marschalls endete. Duk besaß als Marschall der Armee natürlich auch eine deutlich größere in der Feste gelegene Stube, aber er bevorzugte so lange Alora sich erinnern konnte schon immer die Enge und Dunkelheit der Amtsstube in der Kaserne. Er hatte einmal erklärt, dass er so näher bei seinen Männer war und sie näher an ihm. Das würde Vertrauen schaffen, und es gäbe nichts Wichtigeres als Vertrauen an den Nebenmann während einer Schlacht. Alora mochte die Schreibstube trotzdem nicht.
Das schwache Licht, das nur durch ein kleines Fenster einfiel, erweckte in ihr dasselbe Gefühl der Enge, das sie auch in der Kammer gefühlt hatte. Anscheinend hatten alle Schreibstuben und Besprechungsraum eines gemeinsam. Alle waren eng und dunkel und nur mit dem Nötigsten möbliert. Auch hier gab es nichts, was dem Raum etwas Freundliches oder Gemütliches gegeben hätte. In der hinteren linken Ecke stand der einsame, aus dunklen Holz gebaute Rüstungsständer direkt neben dem Waffenständer an der Wand. Es mussten Winter vergangen sein, seit Duk die beiden Ständer benutzt hatte. Alora konnte sich nicht daran erinnern, wann sie den Marschall das letzte Mal ohne Rüstung oder Schwert gesehen hatte. Für gewöhnlich trug er beides den ganzen Tag. Selbst wenn er Freizeit hatte, verließ er die Stube nicht ohne Rüstung und Schwert. Früher hatte sie sogar geglaubt, dass er damit schlafen ging, wenn er denn überhaupt schliefe. Direkt neben den beiden Ständern befand sich das Bett. Es war schmal und kaum höher als Aloras Knie. Bequem sah es in ihren Augen nicht aus und sie beneidete Duk nicht darum, auf der dünnen Matratze schlafen zu müssen. Das größte Möbelstück des Raums war der große rechteckige, vollgestellte Tisch. Es lagen stapelhohe Dokumente und Akten auf der Fläche verteilt und neben Feder und Tinte lagen das Siegelwachs und der Siegelstempel des Marschalls. Direkt daneben lag eine sauber ausgerollte, an den Kanten mit Steinen beschwerte von Meisterhand gezeichnete Karte. In großen Lettern stand Nordgrenze - Joglu am oberen Rand. Alora warf einen kurzen Blick auf die Karte und konnte mit den Strichen, Kreisen und Punkten nicht viel anfangen. Nur die Namen der Provinzen konnte sie klar lesen. Joglu, Felsental, Nördliche Gebiete . Alles mit sauberer Hand auf die Karte geschrieben.
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