Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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In seiner Hand lagen verteilt auf acht Münzen jetzt sechzig devonische Kronen. Nicht viel, aber für eine Nacht in einer sauberen Herberge ohne Flöhe, und ein wenig Proviant mehr als ausreichend. Seine Hand wanderte wieder in den Harnisch, um den kleinen Beutel zurückzustecken. Ein neues Stück Zwieback wanderte in seinen Mund, als er seinen Blick über das Tal vor ihm wandern ließ.

Noch befand er sich inmitten der alten Baumgrenze, die der kümmerliche Rest der einst so großen Wälder war und mit jedem Schritt, den er sich von den Ausläufern der Rabenberge entfernte, wichen die Bäume dem Gras. Dem unendlichen Grün, das alles bedeckte. Zwischen dem Nordmeer und dem Südmeer, zwischen den Rabenbergen und der Feuersenke. Alles war grün. Eine grasige Wüste, die den Großteil der freien Täler bedeckte und endlos und einschüchternd wirkte.

Die Sonne verschwand langsam hinter dem Horizont, als Serox mit einem großen Schluck Wasser aus dem Lederbeutel die letzten Reste vom Zwieback aus seinem Mund spülte und dabei eine Grimasse zog. Er legte den immer noch halbvollen Lederbeutel auf die Decke und benutzte ihn als Kopfkissen. Das Wetter schien diese Nacht mitzuspielen und er hatte freien Blick auf die langsam immer zahlreicher werdenden Sterne am Himmel. Je tiefer die Sonne sank und je weiter die Dunkelheit sich ausbreiten konnte, desto mehr Sterne erschienen. Aus wenigen wurden Dutzende, aus Dutzenden hunderte und daraus schließlich tausende oder noch mehr. Früher hatte er die Sterne öfters gezählt.

Kann man alle Sterne zählen?“

Er schüttelte den Kopf, um die Stimme in seinem Kopf zu verdrängen. Er musste sie vergessen. Es ging nicht anders. Niemals hätte er gewollt diese Stimmen zu vergessen, aber er musste. Er fürchtete sich vor den Alpträumen. Die Träume und Nachtmahre, die unzertrennlich mit den Stimmen verbunden waren. Träume, die ihn jede Nacht verfolgten und ihm Bilder zeigten, die er nie mehr sehen wollte; brutale Bilder, die ihn sein Leben lang verfolgen würden. Jede Nacht aufs Neue, das gleiche Bild, der gleiche Traum.

Kapitel 3 -Offene Fragen

Im Worgunischen Thronsaal tobte ein Kampf, der ungleicher nicht hätte sein können. Der Kampf gegen die erbarmungslos verrinnende Zeit. Zimmerleute und Schreiner rannten fluchend umher, rein und wieder raus, rein und wieder raus, um ihre bepackten Wagen zu entleeren und ihre Aufträge zu vollenden. In dem Gewusel, war es in Aloras Augen unmöglich, überhaupt irgendwas fertigzustellen. Aber trotz allem Chaos herrschte in dieser einmaligen Schlacht eine gewisse chaotische Ordnung. So sehr die Schreiner auch mit den Schaustellern stritten und die Bediensteten für die Speisen mit den Köchen aneinandergerieten, alles schien zu funktionieren und aus dem Chaos entstand langsam Ordnung. Die große Baustelle nahm langsam Gestalt an und schien tatsächlich noch zeitig fertig zu werden. Ein kleines Wunder in ihren Augen. Es war kaum einen halben Tag her, dass sie in der Kammer gestanden und sich die Pläne der Königin und Mätresse angehört hatte.

„Gemahl, die Cent werden heute kurz vor Sonnenuntergang erwartet. Unsere Idee war, dass Marschall Duk Komir und sein Gefolge empfängt. Aber ich glaube unser Marschall hat nun andere Dinge, um die er sich kümmern muss.“

„Dhuhr übernimmt das. Er und die Drachenköpfe geben ein ebenso gutes Bild ab wie Duk mit regulären Truppen“, winkte Refle die Idee seiner Königin ab und glaubte die Diskussion damit für beendet.

Chestaines Blick verharrte kurze Momente auf dem König. Die Antwort Refles war ungewöhnlich hart und streng und es war mehr als deutlich zu spüren, dass die Königin damit nicht einverstanden war.

Hauptmann Dhuhr war ein grobschlächtiger und hässlicher Mann. Eine schiefe Nase, unförmige und versetzte Augen und lichtes dunkles Haar. Aber als Hauptmann der Drachenköpfe befehligte er die persönliche Garde des Königs und damit war er es der Hauptverantworliche für die Sicherheit der gesamten Königsfamilie. Er folgte Refle wie ein Schatten. Wo auch immer der König sich befand, Dhuhr war nie weit entfernt. Vielleicht war dies der Grund, warum Chestaine solch eine Abneigung gegen den Hauptmann hatte.

„Euer Gnaden“, sagte Luca und Alora glaubte ein Zwinkern in Chestaines Richtung gesehen zu haben. „Gewiss sind die Drachenköpfe eine eindrucksvolle Truppe und Dhuhr ein großer Anführer, aber würden diese euch wirklich repräsentieren?“ Ihre Augen wanderten beschwichtigend zur Königin und dann zurück zum König, der regungslos zuhörte. „Wir müssen Stärke zeigen. Worgu und Prinz Catel müssen Stärke zeigen, schließlich geht es hier um ihn und das Reich.“

Alora schaute interessiert zum Prinzen, der hinter seinem Vater in Stellung gegangen war. Er beobachtete emotionslos Luca und hörte ihr mit undurchsichtiger Miene zu.

„Lu hat Recht, Gemahl“, sagte Chestaine, mit etwas Wut in der Stimme. Das Zaturische Blut in ihren Adern machte sich bemerkbar. „Catel sollte eine Hundertschaft aufstellen und damit Imperator Komir und seine Familie begrüßen. Schließlich reiten seine baldige Gemahlin und damit die Prinzessin Worgus in diesem Tross. Der Anstand gebietet es, dass Catel sie empfangen muss.“

Alora stutzte kurz auf. Die Gemahlin des Prinzen? Darum all die Aufregung um den bevorstehenden Besuch. Worgu und Cent sollten im Blute verbunden werden. Kein Wunder, dass Luca so sauer auf die war, es ging hier um die baldigen Verwandten des Königs. Sie schluckte. Das war ein neuer Höhepunkt in ihrer großen Statistik der Fehler und Ausrutscher.

„Raben“, fluchte sie leise und nicht hörbar.

„Gut, ich stimme zu“, antwortete der König, während er sich durch das Gesicht rieb und länger an der großen Nase kratzte. „Catel. Suche dir eine Hundertschaft zusammen und bereite die Heerschau vor. Ich will, dass du den Tross aus Cent an der Speerbrücke abfängst und hierher eskortierst. Verstanden?“

„Gute Idee, Gemahl. Die Speerbrücke eignet sich perfekt für den großen Empfang“, lächelte eine deutlich beruhigte Königin ihrem Gatten zu.

Die Speerbrücke war eine etwa dreihundert Schritt lange Brücke, die zwei Hände südlich der Stadt Worgu eine der wichtigsten Handelsrouten über den Fluss Worga darstellte und so etwas wie die Lebensader Worgus war. Sie war der schnellste Weg, um die Hauptstadt und die Feste über den Landweg zu erreichen. Der nächste Übergang lag mehrere Tagesreisen weiter nördlich.

„Hör zu, Sohn“, wandte Refle sich seinem Sohn zu. „Durch die Heirat werden wir ein mächtiges Bündnis eingehen. Worgu und Cent, Seite an Seite vereint. Die mächtigste Allianz der bekannten Welt. “

Catel antwortete nicht.

„Ich weiß, dass es für einen Mann in deinem Alter schöneres geben kann als eine Heirat.“ Refle lächelte. „Aber es ist zum Wohl des Reiches.“

„Für das Wohl des Reiches“, nickte Catel nach einem Augenblick des Schweigens. „Vater. Mutter. Ich werde meine baldige Gemahlin an der Speerbrücke empfangen und meine Pflicht erfüllen.“

Sein Blick fiel dabei auf Kalir, der seit seiner Auseinandersetzung mit Duk kein Wort mehr gesagt hatte. Nur kurz meinte Alora zu sehen, wie Kalir den Blick des Prinzen erwiderte.

„Mach uns stolz, Junge“, beendete der König endgültig die Diskussion und wandte sich seiner Gemahlin und der Mätresse zu.

„Wie ist die Planung für das Festmahl heute?“

Luca räusperte sich kurz, während Catel teilnahmslos die Kammer verließ und begann, dem König zu berichten was sie geplant hatte aufzutischen und zur Belustigung der Anwesenden beizutragen.

Alora blickte unterdessen dem Prinzen hinterher, während dieser durch die Tür schritt und leise wie eine Maus, ohne einen Blick zurückzuwerfen, verschwand. Sie fand, dass Catel der Hochzeit ziemlich gelassen entgegensah. Sie hatte schon davon gehört, dass viele Männer - Luca nannte es immer „kalte Füße bekommen“, wenn sie den Ehe Eid vor den Göttern ablegen sollten. Aber Catel schien sich damit abgefunden zu haben. Vielleicht freute es sich sogar auf die Hochzeit und auf die gemeinsame Zukunft mit seiner Königin.

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