Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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„Du müsstest eine Wildschweinkeule sein!“, beschwor er das tote Tier, das sich über der Flamme drehte. „Mir wurde versprochen, dass hier so viel Wild rumläuft, dass man nur die Hand austrecken muss! Und alles was ich kriege, ist ein verfluchter Nager!“, schimpfte er mit niemanden und verlor die Hoffnungen, die er sich gemacht hatte, erfolgreich als Jäger die Wälder zu durchqueren.

Seine Quellen hatten nicht Unrecht. Die Wälder des Nordens, vor allem am Fuße der Rabenberge, waren voll mit jeglichen Wild. Wildschweine, Hirsche, wilde Rinder, alles was man sich wünschen konnte, lebte hier in Herden mit hunderten von Tieren. Aber auch Waldmonster, große echsenartige Wesen, die alles fraßen, was sie finden konnten, lebten hier weit im hohen Norden und lagen auf der Lauer. Man musste vorsichtig sein nicht auf dem Speiseplan dieser Bestien zu landen. Aber selbst ohne die Gefahr der Monster benötigte man sogar in einem vollen Wald wie diesen ein gewisses Talent für die Jagd, ein Talent, welches dem Banker komplett fehlte. Denn gesehen hatte er keine dieser monströsen Herden. Er war es gewohnt, sein Fleisch fertig gegrillt, geschmort oder gekocht serviert zu bekommen. Nie musste er mit Bogen und Speer auf die Jagd gehen oder ein Tier selbst töten. Selbst das kleine Eichhörnchen über dem Feuer war Zufall gewesen, eine glückliche Fügung. Er hatte es auf einem der unzähligen Äste der unzähligen Fichten im Wald gesichtet. Frech fraß das kleine Tier sich just in diesem Moment an einem Fichtenzapfen satt. Es hatte ihn geradezu damit verhöhnt, dass es was zu fressen hatte, er aber nicht. Aus Wut und Verzweiflung hatte er einen Stein vom Boden gesammelt, diesen Richtung Nager geworfen, und getroffen. Das Tier war tot zu Boden gefallen, wo der Banker es triumphierend aufgehoben und vor Freude gar einen kleinen Tanz aufgeführt hatte.

Und nun saß er vor dem kümmerlichen kleinen Ding - die Freude längst vergessen - welches aufgespießt auf einem Stock über dem kleinen mit Mühe entfachten Feuer brutzelte. Immerhin an Zunder und Feuerstein hatte er gedacht. Auch wenn das Entfachen der Stöcke ihn fast den halben Abend gekostet hatte, saß er nun stolz vor einer kleinen Flamme und konnte das Tier braten. Roh würde er das Tier nicht runterbekommen, da war er sich absolut sicher.

Der Wind war in den letzten Händen immer stärker geworden und hatte eisige Luft aus dem Norden mit sich gebracht. Das kleine Feuer konnte nur unter größter Anstrengung am Leben gehalten werden und wäre ohne die etwas geschützte Nische, in die er sich gezwängt hatte, schon lange erloschen. Die kleine Vertiefung im Boden bot dem Mann aber auch nur wenig Schutz. Wenigstens hatte er einen massiven Felsen im Rücken, sodass sich niemand von hinten anschleichen konnte, hoffte er. Es gab genügend Geschichten und Legenden über die Nördlichen Wälder, von ihren Monstern und Menschenfressern. Trolle, Schrate, Ghule und wissen die Raben was sich hier noch alles rumtreiben sollte. Gesehen hatte er bisher noch nichts von alledem. Das größte Wesen, das er gesichtet hatte, war ein Wildschwein gewesen das schnell die Flucht ergriffen hatte, als es den Banker witterte. Was würde er darum geben, wenn das geflohene Wildschwein nun über dem Feuer brutzeln würde und nicht der lausige Nager.

Leise knisterte das Feuer weiter vor sich hin und spendete dem Banker ein wenig Licht in den ansonsten stockfinsteren Wäldern aus denen bedrohliche, fremdartige Geräusche kamen. Knirschen und Schreie, die ihn noch kleiner und unauffälliger in der Nische werden ließen und Stapfen. Er wusste nicht, woher oder von was diese Geräusche kamen und wenn er ehrlich war, wollte er es auch gar nicht wissen. Der Wald sollte ihn weiter ignorieren und in Ruhe lassen, dann würde er auch den Wald in Ruhe lassen.

Immerhin war sein Abendessen jetzt fertig. Er nahm das kleine verkohlte Etwas aus dem Feuer und untersuchte sein Meisterwerk aufmerksam.

„Verkohlt… Wie ich es mag, sehr gut, Barn.“, begutachtete der Banker namens Barn den missglückten Bratversuch. Wäre er nur öfters in seiner eigenen Küche gewesen, um den Köchen einen Blick über die Schulter zu werfen, wenigstens um zu lernen, wie man ein verdammtes Ei brät, aber selbst die einfachsten Dinge konnte er nicht. Von Kindesbeinen an war er behütet und verwöhnt worden, nur darauf getrimmt Banker zu werden und mit Geld zu arbeiten. Aus wenig Geld viel Geld machen, das konnte er, aber kein verfluchtes Spiegelei braten. Ein wenig musste er lachen wegen dieser Ironie. Geld brachte ihm hier oben in den Wäldern nichts. Das Eichhörnchen würde kein Geld nehmen und sich dann selbst braten, da half nur, selbst Hand anzulegen.

Barn lehnte sich zurück und schaute in den klaren Himmel.

„Nun gut, etwas essen muss ich“, brabbelte er vor sich hin und biss in den kleinen Nager, nur um das Gesicht zu verziehen. So musste Kohle schmecken und riechen, ein Kohlehörnchen hatte er hier vor sich, der Fleischgeschmack nicht mehr erkennbar und trotzdem aß es das verkohlte Tier fast vollkommen auf.

Mit der Hilfe eines kleinen Stöckchens puhlte er noch nach den letzten Resten, die sich zwischen seinen Zähnen versteckt hatten und lehnte sich erneut zurück gegen den Fels. Laut schmatzend versuchte er, irgendwie den verbrannten Geschmack in seinem Mund loszuwerden. Bis in die letzten Ecken zwischen seinen Zähnen hatte sich die verbrannte Haut gesetzt und ließ ihn spucken.

„Raben. Schmeckt das widerlich“, nahm er einen großen Schluck Wasser, um seinen Mund auszuspülen und die jetzt schwarz gewordene Flüssigkeit auszuspucken.

Morgen würde er den Aufstieg starten und diese verfluchten Wälder hinter sich lassen, endlich wieder was Richtiges essen und den Hunger, der ihn plagte vergessen. Seinen Plan umsetzen und ein neues Leben weit weg von den Freien Tälern beginnen, um seiner Vergangenheit zu entkommen. Und er war fest entschlossen, diesen Plan erfolgreich zu Ende zu bringen. Auch wenn seine Füße brannten, seine Beine pochten und seine Schultern wund gescheuert vom Rucksack waren. Er war einfach kein Abenteurer, der sein ganzes Leben in der Wildnis verbrachte, das merkte er täglich mehr. Er war Banker, und kannte nichts anderes als seine Schreibstube, wo er Menschen Geld verlieh oder sie um ihr letztes Geld brachte. Das war sein Leben, eine warme Stube und kein Wald, der ihn umbringen wollte. Nochmals spülte er seinen Mund mit Wasser durch und spie die nicht mehr ganz so dunkle Flüssigkeit aus.

„Nach dem Abendessen, schlafen und Kräfte sammeln“, scherzte er und warf die kleinen Knochen des Nagers in das Feuer, um danach den Mantel enger um sich zu ziehen. Verträumt schaute er noch einige Augenblicke in die tänzelnde Flamme, bis die Müdigkeit ihn besiegte und er einschlief.

Der nächste Morgen kam schneller, als es ihm lieb war und weckte ihn mit seiner gnadenlosen Kälte. Halb durchgefroren und mit schmerzenden Gliedern erwachte er, immer noch im kalten menschenfeindlichen Wald. Langsam und steif wollte er sich aufrichten und bewegte dafür langsam seine Gelenke, die leicht knackten, als er sich lockerte.

„Bleib sitzen, Barn…“ Eine tiefe und raue Stimme erklang vom Felsen, der ihm als Unterschlupf diente. Barn sprang panisch auf und suchte die Quelle dieser Stimme. Sein Blick wanderte erschrocken gen Himmel zum Felsvorsprung über ihn, seinen Dolch sicherheitshalber schon im Mantel suchend, entdeckte er niemanden. Doch woher kam die Stimme?

„Und den Dolch lass auch im Mantel, wäre gesünder.“ Die Stimme war nun hinter ihm. Langsam drehte Barn sich um und entdeckte einen Mann.

Durchschnittlich groß, aber von kräftiger Statur und scheinbar wohl genährt. Barn stockte beim Anblick der großen Narbe, die sich von der Kopfmitte quer über das Gesicht bis zum Hals und vermutlich auch zur unter der Kleidung verdeckten Brust zog. Wie säuberlich mit einer Feder und Tinte gezogen schien diese Narbe wie eine Art makabre Kriegsbemalung. Scheinbar war es dieser auch zu verschulden, dass der Mann eine Glatze hatte. Trotz der Kälte trug er keine Kapuze oder ähnliches.

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