Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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„Wilde Barbaren!“ Es folgte ein schwerer Tritt gegen Barns Flanke. „Verdummte Joglu!“ Ein weiterer Tritt folgte.

Barn spuckte Blut auf den Boden und rang angestrengt nach Luft. Der Fremde ließ ihm keine Zeit zum Luftholen und trat mehrmals weiter zu. Barn hörte und spürte wie seine Rippen brachen und er meinte sogar zu fühlen wie seine Organe rissen.

„Bitte…“, stöhnte Barn unverständlich und erbrach sich. Er hatte nichts im Magen, das er erbrechen konnte, außer dem mickrigen Eichhörnchen. Dies kümmerte seinen Magen jedoch wenig und er entleerte alles, was sich darin befand. Die Säure brannte auf seiner Zunge und in seiner Kehle; der saure Geschmack verband sich mit dem Geschmack des Blutes. Beides würgte er heraus und tränkte den Boden damit. Der Kopfgeldjäger packte ihn am Kragen und zog ihn hoch.

„Du Stück Scheiße! Zu Tausenden wurden die Joglu abgeschlachtet, sagst du? Weil sie dumm waren, sagst du? Ich werde dich jetzt abschlachten, was sagst du dazu?“

Die Augen des fremden Mannes glühten vor Hass wie die Glut neben ihm, aber seine Stimme war merkwürdig ruhig. Mit Schwung warf er Barn wieder zu Boden.

„W… wi….wieschou?“, krächzte Barn hervor.

Der Kopfgeldjäger fing laut an zu lachen. „Wieso? Ich bin Joglu, du Bastard! Ich war dabei!“ Ein weiterer Tritt folgte, diesmal zwischen die Beine Barns. Das leise Quieken war kaum noch zu vernehmen.

Der Kopfgeldjäger hockte sich neben den schwer atmenden Barn. „Weißt du, ich wollte dich eigentlich schnell erledigen. Du hast ein paar Arschlöchern Geld gestohlen. Diese Arschlöcher haben mich Arschloch beauftragt, dich Arschloch zu töten. Du verstehst, alles Arschlöcher, aber du hast nun darum gebettelt das ich`s langsam tue. Und das werde ich du Bastard!“

„Biiiideeee…“, war das letzte Wort, das Barn in seinem Leben noch hervorbringen würde.

„Womit fangen wir an, Herr Barn? Vielleicht mit deinen Fingern?“ Der Joglu grinste widerlich und zog einen kleinen, merkwürdig stumpf aussehenden Dolch aus seinem Stiefel.

„Ich glaube, das werden wir tun.“ Barn versuchte etwas zu sagen, das Blut verhinderte jedoch, dass er klare Wort bilden konnte und nur ein undefinierbares Blubbern kam aus seinem Mund hervor.

„Und wenn du die Raben triffst, sag ihnen, dass Serox dich schickt!“ Dies waren die letzten Worte, die Barn, ehemals reicher Bänker und Kaufmann aus Devon, in Ungnade gefallen, da er Geld stahl, in seinem Leben hören würde.

Es war bereits Abend, als Serox auf dem Rücken seines schwarzen Hengstes den dichten Wald verließ und gen Süden ritt. Sein Blick ging nach hinten zu einem Sack, der am Sattel hing. Er war immer noch überrascht, wie weit Barn es tatsächlich in den Norden geschafft hatte. Ein paar Tage mehr und er hätte es vielleicht tatsächlich ins Gebirge geschafft. Auch wenn Serox sich sicher war, dass Barn dort elendig verreckt wäre. Zu seinem Glück hatte der Banker in so ziemlich Dorf zwischen hier und Devon Halt gemacht und gerastet. Der einzige Grund, wieso Serox ihn überhaupt gefunden hatte. Zu gern hatten ihm die Dorfbewohner erzählt, dass ein verwöhnter reicher Geldsack aus den Städten durch ihre Dörfer reiste. Arrogant wie eitel, wie reiche Säcke nun mal waren. Ob Barn überhaupt darüber nachgedacht hatte, dass ein verwöhnter Sack wie er, der das erste Mal ohne Eskorte außerhalb Devons war, irgendwo am Rande der Zivilisation auffällt wie ein buntes Pferd? Serox bezweifelte, dass der Banker daran auch nur einen Gedanken daran verschwendet hatte. Die Strafe dafür hatte Barn nun bekommen. Sein Kopf reiste zurück nach Devon und der Rest lag irgendwo im Wald und diente als Futter für die Tiere. Der Boden des kleinen Jutesacks war bereits so mit seinem Blut vollgesogen das im gleichbleibenden Takt immer wieder Blutstropfen auf den Boden fielen und eine kleine kaum sichtbare Spur hinterließen.

Die dichten Wälder hinter ihm, wurden langsam immer lichter. Die vorherrschenden Nadelbäume der kalten Berglandschaft wurden immer weniger und vereinzelte Laubbäume nahmen ihren Platz ein. Die wenigen Überlebenden des Holzfällerzeitalters der freien Täler. Eine Grenze zwischen dem Gebiet, in das die Menschen in besseren Zeiten vorgedrungen waren. Die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis. Von dieser Grenze aus waren es etwa drei Tagesritte bis zu den großen Ebenen der freien Täler und von dieser Grenze dann nochmal etwa fünf Tage bis zu den Stadtgrenzen Devons.

Er spuckte aus bei dem Gedanken an die Stadt, während er an einer der wenigen großen Eichen vorbeiritt. Oft genug hatte er sich das Geschwafel von Reisenden anhören müssen, während er wieder mal eine ihrer Karawanen durch die Täler führte.

„Devon, die großartigste Stadt der bekannten Welt!“, priesen Händler aus Devon ihre Heimat. Die Begeisterung der Karboner Händler hielt sich bei den Jubelstürmen ihrer Händlerkollegen immer in Grenzen. Der unsichere Frieden´, der zwischen den drei großen Städten der freien Täler herrschte, war immer allgegenwärtig. Zu viele Kriege hatten die Städte gegeneinander geführt. Zu oft hatte Devon sich mit Karbon gegen Perm verbündet oder Perm mit Karbon gegen Devon, als dass es so etwas wie Vertrauen geben könnte. Die Devoner mieden die Karboner und die Karboner die Devoner. Und die Permer, aus dem Süden der freien Täler, mieden sowieso jeden Fremdling. Für die Karawanenwachen war es häufiger eine größere Herausforderung, die Händler davon abzuhalten sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen als Banditen abzuwehren.

Serox beobachtete den Himmel, an dem dunkle wie Festungstürme wirkende Wolken gen Berge zogen. Eines war klar. Hätte er Barn nicht gefunden, wäre der Banker auf ewig verschwunden. Und zwar als steifgefrorene Leiche irgendwo zwischen den Bäumen der Berglandschaft. Oder im Magen eines Tieres.

Nach einigen weiteren Fingern erreichte er die verlassenen Ruinen eines der alten Holzfällerdörfer, die einst das Gesicht der freien Täler prägten. Er schnaubte, ließ seinen Blick über die kaum noch zu erkennenden Grundrisse der Gebäude schweifen und suchte nach Anzeichen von anderen Menschen. Er entdeckte nichts, blieb aber trotzdem vorsichtig. Nicht nur er reiste durch die Täler, und nicht nur er nutzte die Ruinen der Dörfer für Nachtlager. Denn auch wenn die meisten Mauern ihm höchsten bis zu Hüfte reichten, ein wenig Windschutz war besser als kein Windschutz.

Geschickt entzündete er den Tabak und stieß entspannt den Dampf aus seinem Mund. Er hatte sein Nachtlager zwischen den verfallenen Mauern eines alten Sägewerks aufgebaut. Er vermutete zumindest, dass es ein Sägewerk war. Im Gras hatte er die verrosteten Überreste eines großen Sägeblattes entdeckt. Vollständig von Rost überzogen war es ein Überbleibsel der überhasteten Flucht der Bewohner, die sich nah an Baumgrenze neue Rodungsgebiete erschließen wollten.

„Fast leer“, fluchte er leise als er die Satteltasche nach seinen Vorräten durchsuchte und nichts außer dem harten unansehnlichen Zwieback fand. Er hatte nicht erwartet, Barn erst so weit nördlich zu finden; seine Vorräte gingen zu neige und im nächsten Dorf musste er so unbedingt halt machen, um genug für den Weg nach Devon zu haben.

Der schwarze Hengst stupste ihn an.

„Was?“

Das Pferd schnaubte.

„Glaubst du für dich ist hier noch was drin? Willst du den Zwieback?“ Serox hielt dem Pferd das staubtrockene Gebäck vor den Mund.

Keine Reaktion.

„Anscheinend nicht“, sagte Serox und zog einen schrumpeligen Apfel aus der Satteltasche. „Hier“, warf er den Apfel seinem Pferd zu, das davon deutlich begeisterter war als vom Zwieback. „Hätte nicht gedacht, dass er es soweit nach Norden schafft“, sagte er, während er ein kleines Stück Zwieback abbrach und in den Mund steckte. Hart wie Stein und auch ähnlich im Geschmack versuchte er das Gebäck zu lutschen bis es weicher wurde. Nach ein paar Augenblicken hatte sich so aus der steinharten geschmacklosen Substanz in seinem Mund eine breiige geschmacklose Substanz entwickelt, die er angewidert runterschluckte. Er brach ein weiteres Stück ab und schaute es sich einen kurzen Moment an, bis er unwillig auch dieses Stück in den Mund steckte und begann daran herumzulutschen. Währenddessen nahm er die dicke alte Wolldecke vom Rücken des Pferdes und breitete sie auf dem Boden aus. Mit einen leisen Stöhnen ließ er sich fallen und lehnte sich mit dem Rücken die bröcklige alte Steinmauer. Versteckt unter seinem alten Lederharnisch zog er dann einen kleinen Lederbeutel heraus. Er kippte den Inhalt in seine Hand und ein paar angelaufene Münzen fielen heraus. Abgenutzte Kupfer- und Zinkmünzen mit den unterschiedlichsten Werten und Prägungen lagen in seiner Hand. Ein alter Mann mit Schnauzer und grimmiger Miene oder ein junger Mann, dessen kindliches Gesicht auf eine etwa handflächengroßen Münze geprägt war. Es waren alles devonische Münzen, wenn er sich nicht irrte. Er konnte das Geld der freien Täler schon lange nicht mehr unterschieden. Nach jeder neuen Wahl prägten die Banken der Städte immer neue Münzen mit den Gesichtern der neuen Herrscher der Stadt und den umliegenden Dörfern. So kam es, dass es wohl an die hundert verschiedenen Münzen mit verschiedenen Gesichtern gab. Für Münzsammler ein wahrer Traum und eine schier unlösbare Lebensaufgabe, alle Münzen der freien Städte zu sammeln.

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