Michael Schatten - Das Geflüster der Raben
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„Gut. Macht Euch auf den Weg.“
Der Marschall verneigte sich und begab sich in Richtung Tür. Alora lächelte Duk zu, als er an ihr vorbeiging. Sie wusste, was das bedeuten sollte. Duk würde womöglich in eine Schlacht ziehen. Sie mochte den Gedanken noch nie. Ihr Vater war bereits nicht zurückgekommen, nachdem er in den Krieg gezogen war und sie hatte Angst, dass Duk dasselbe Schicksal treffen könnte.
„Da das nun geklärt ist, die Cent werden bald hier sein, Gemahl“ lächelte Chestaine.
Refle atmete sichtlich genervt durch. „Ich weiß. Was habt ihr geplant?“
Kapitel 2-Der Mann
Dunkelheit und Kälte hatten die Wärme der Sonne vertrieben und griffen mit ihren Klauen nach der einsamen Gestalt, die sich in die Wälder verirrt hatte. Ein Mann im mittleren Alter. Nichts machte ihn besonders. Weder seine Größe, noch seine Statur. Sein Haar lag ohne große Unruhe auf seinem Kopf und seine Augen blickten gespannt auf das kleine Etwas, das sich auf einen Stock gespießt über dem Feuer drehte. Das hagere abgezogene Gerippe eines Eichhörnchens. Mehr hatte der Wald ihm nicht gegeben. Keine Beeren, Wurzeln oder auch nur einen Vogel war der Wald bereit gewesen, ihm zu schenken um den Hunger zu stillen. Nur den winzigen Nager hatten die Götter ihm gegönnt. Er war kein Überlebenskünstler und bei den Göttern kein guter Krieger. Eigentlich war er Bänker in Devon, der größten Stadt der freien Länder im Osten und benannt nach den Göttern. Durch die massiven Bergformationen der Rabenberge sicher vor der Invasionswut der Reiche. Und wo war er nun gelandet?
Er hatte die Wahl, ob er nach Osten fliehen sollte, in das Niemandsland, wo es laut diversen Abenteurern Monde lang kein Leben geben sollte, oder gen Westen über die Berge in die Königreiche wo ihn immerhin Zivilisation erwartete. Er hatte ein paar Kontakte in den Reichen jenseits der Berge. In Worgu und in Cent kannte er Kaufleute und andere Halsabschneider, die er sogar als Freunde bezeichnen würde - und das war in seiner Branche schon mehr als viele andere hatten. Er hoffte nur, dass sie sich auch an ihn erinnern würden, wenn er plötzlich vor ihrer Türe stehen würde, irgendwo in den fremden Ländern, die die freien Täler und deren Bewohner meistens mieden. Außer natürlich, wenn es die Chance gab Geld zu verdienen. Das Glitzern des Goldes konnte die Menschen so manche Feindschaft vergessen lassen und eher zweckmäßige Freundschaften schließen lassen. Freundschaften, die ebenso schnell wieder zerbrachen, wenn mal eine Rate nicht zeitig genug gezahlt werden konnte.
Dies änderte aber nichts daran, dass die Lebensweise und Mentalität sich hinter den Bergen grundlegend von der in den Tälern unterschied. Wie Tag und Nacht, wie zwei Seiten einer Münze, eine völlig andere Welt. Dennoch wollte er sein Glück in den fremden Ländern versuchen. Viele Alternativen hatte er nicht, auch wenn es sehr schwer werden würde als Devoner, als Ausländer und Fremder in den Reichen.
Das Volk könne nicht selbst über sich bestimmen, war der Tenor der Abscheu aus dem Westen. Der einfache Bauer dürfe nicht über ganze Städte regieren, auch wenn die Menschen ihn gewählt hatten. So argumentierte einst ein Kaufmann aus Zadrezan, den er zum Geschäftsessen eingeladen hatte und nach ein paar Dutzend Gläsern und politischen Diskussionen die Fassung verloren hatte. Der Bänker musste zugeben, dass ihm diese sogenannten freien Wahlen nicht zusagten, aber ein König oder Imperator, der auf Lebenszeit herrschte, ebenso wenig.
Die Bauern, die an die Macht wollten, versprachen den Menschen Geld und Essen im Überfluss, Gerechtigkeit und Gleichheit; ein Traum für die armen Menschen und ein Alptraum für die Reichen. Anders als die Armen wussten die Reichen sich aber zu helfen und verhinderten auf die ein oder andere Weise immer wieder, dass die Volksvertreter ihre Versprechen erfüllten.
Aber auch, wenn die Reiche die Selbstbestimmung des Volkes nicht billigten und er einem König, Imperator oder wem auch immer dienen müsste, sah er Möglichkeiten im Westen. Er war schließlich ein gewiefter Händler, Kaufmann und Bänker. Einen solchen konnte jeder gebrauchen, vor allem Herrscher, die viel Reichtum besaßen und noch Reicher werden wollten. Jeder Reiche wollte noch Reicher werden, das war so in der Natur verankert. Genau wie jeder essen musste. Und wenn es eines zu genüge im Westen gab, waren es reiche Adelige. Seine Entscheidung fiel dementsprechend logischerweise auf den Westen und die Reiche. Obwohl der Winter bereits an die Tür klopfte und seine eisigen Arme bald über die Freien Täler legen würde, blieb ihm keine Wahl, er musste einen Pass erreichen. Einen Pass über die Berge, die Berge über die der Frost bald erbarmungslos hereinbrechen würde. Vor seiner überstürzten Abreise hatte er sich so gut wie möglich erkundigt. Selbst im Sommer gab es nur drei, höchstens vier Pässe, die offen waren. Die Lebensadern des Handels. Und so kurz vor dem Winter riet ihm jeder davon ab, die Pässe zu benutzen. Es gab Gerüchte über Winde, die mit solcher Macht durch die Schluchten jagten, dass, so erzählten Händler und Reisende, Mann und Pferd zu Eis erstarrten, so wie sie standen oder saßen. Hunderte Eisskulpturen säumten die Wege und gaben ihre Opfer nie mehr frei. Eis und Schnee herrschten den gesamten Mondlauf über, über die Schluchten und gaben der Sonne somit keine Chance, die Lebewesen zu befreien. Eine Aussicht, die ihm alles andere als Mut machte. Die Möglichkeit eine Passage auf einem der Handelsschiffe im Süden zu buchen und direkt nach Cent zu gelangen, klang im ersten Moment verlockend. Luxuriös und einfach, und mit besserem Essen als hier. Aber auch zu offensichtlich. Da würden sie ihn suchen. Denn das war der Weg, den verzogene und mit zu viel Geld gesegnete Städter wählen würden. So begrenzte sich seine Wahl, wohin er gehen konnte. Die Pässe sollten zwar noch offen sein, aber auch hier musste er vorsichtig sein. Die Schergen der Kaste hatten ein hohes Sümmchen auf seinen Kopf ausgesetzt. Und selbst, wenn er es selbst kaum glauben konnte, das er die Pässe nahm - die Gefahr bestand, dass sie auch hier auf ihn warteten. Es musste vorsichtig sein.
Hoch im Norden über die Berge, das war seine Chance, seine einzige Chance. Hier in der Wildnis sollte es auch Pässe geben, die kaum genutzt wurden, erzählte man ihm. Versteckt vor neugierigen Augen, die ihn nicht sehen sollten, der direkte Weg nach Joglu. Von dort wäre es ein Leichtes, nach Worgu zu reisen und neu zu beginnen. Jetzt saß er am Fuße der Rabenberge und starrte in die kleine Flamme des Feuers, das leise vor sich hin knisterte. Wenn er die Berge überschritten hätte, hätte er Joglu erreicht. Dort könnte er zumindest eine Zeitlang untertauchen und wenn es wieder Sommer wurde, würde er in Richtung Süden weiterziehen. Erstmal aber den Aufstieg schaffen. Das Glück war noch auf seiner Seite. Trotz seiner weit nördlichen Route, ließ der Frost auf sich warten. Ungewöhnlich zu dieser Zeit, wo er doch sehr nah an der Grenze wanderte, wo das Eis den gesamten Mondlauf über die Erde und das Wasser bedeckte. Beschweren wollte er sich aber auf keinen Fall, der Aufstieg würde auch ohne Frost und Schnee schwer genug werden und die Verführung eines offenen Passes würde ihn locken. Und dieser Verführung durfte er nicht verfallen, unter keinen Umständen, dies wäre sein sicherer Tod.
Er drehte das magere Eichhörnchen weiter über dem Feuer und beobachtete, wie die eben noch rosafarbene Haut immer dunkler wurde und Blasen warf. Viel Fleisch war nicht zu finden an dem kleinen Tier, aber das lag wohl in der Natur der Eichhörnchen, dass ein ausgewachsener Mann nicht satt werden konnte von einem dieser mickrigen Nager. Aber mehr blieb ihm nicht übrig, Vorräte hatte er keine mehr. Zu verschwenderisch war er gewesen. Zum Frühstück Fleisch, mittags Fleisch und abends Fleisch hatten seinen prallgefüllten Rucksack in nur fünf Tagen geleert. Aber was sollte er tun? Der Hunger war schließlich da und er wollte Essen, wenn er Hunger hatte. Er war es gewohnt alles im Überfluss zu haben. Und jetzt saß er hier am Fuße der Berge, ohne Nahrung, zitternd vor Kälte und starrte auf das Eichhörnchen. Das grausame Schicksal der Götter.
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