Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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Barn wich einen Schritt zurück und spürte den Felsen hinter sich. In der Falle, kein Ausweg.

Der Unbekannte hockte vor der Glut, die vom kleinen Feuer übrig war und rieb seine Hände in der aufsteigenden Wärme; der wütende Blick auf Barn gerichtet.

„Du bist weit gekommen, viel weiter als ich es dir zugetraut hätte. Ich bin ein wenig beeindruckt.“

Barn antwortete nicht, sondern beobachtete den ihm unbekannten Mann genau. Aus seiner Tasche fischte der Mann ein Stück Dörrfleisch und fing an daran rumzukauen.

„Weißt du“, schmatze der unbekannte Mann, „ich dachte eigentlich es wird einfach. Die Hartkorn Brüder bezahlen mehr als großzügig, aber durch die gesamte verfluchte Ödnis des Nordens zu marschieren? Was hattest du hier vor?“

Die Hartkorns hatten ihn also doch gefunden. So weit nördlich in der Wildnis, Barn bestens geplanter Plan war zu Ende und zerstört, noch bevor er überhaupt richtig umgesetzt werden konnte.

„Hör zu, Kopfgeldjäger, ich zahle dir das Doppelte von dem, was die Hartkorns dir versprochen haben! Ich schwöre es auf alle Götter, mögen die Raben mich sonst holen“, ging der Banker direkt in die Offensive und wartete auf eine Antwort.

Der Kopfgeldjäger kaute nur weiter an seinem Dörrfleisch herum und schien ihn zu ignorieren.

„Wir sind doch beides erwachsene Männer und das Geld, das ich den Hartkorns schulde, werde ich auch zurückzahlen! Ich brauche nur etwas mehr Zeit“, fuhr er diplomatisch fort.

„Etwas mehr Zeit brauchst du.“ Der Kopfgeldjäger spuckte ein Stück Knorpel in die Glut. „Ich glaube davon hattest du mehr als genug, oder? Und mir das Doppelte der Hartkorns zahlen zu wollen, das halte ich für ein Gerücht. Mehr als den alten Mantel besitzt du doch nicht mehr.“

Barn versuchte sich selbstbewusster hinzustellen, um das Schicksal wieder zum Guten zu wenden. „Ja, so ist es im Augenblick, aber bald werde ich dich bezahlen können. Hilf mir, die Rabenberge zu überqueren und sobald wir in Joglu sind, werde ich das Geld auftreiben! Das wird ein Kinderspiel.“

Der unbekannte Kopfgeldjäger stutzte kurz beim Kauen und blickte Barn ausdruckslos an.

„Ja glaub mir, Kopfgeldjäger! Bei diesen verdummten Joglu kann man mit ein wenig Geisteskraft ein Vermögen machen! Ich meine, du kennst doch die Geschichten über die Joglu, ein jeder kennt sie drüben in den Reichen.“

„Geschichten? Nein, erzähle mir welche.“ Der unbekannte verlagerte sein Gewicht so, dass er sichtlich bequemer hockte.

Barn schaute sichtlich verwirrt drein, aber die Mine des Glatzköpfigen war unverändert. Sollte er dem gedungenen Mörder tatsächlich Geschichten erzählen? Hier im mörderischen Norden in den eiskalten Wäldern? Barn hätte sich bessere Orte vorstellen können, wo er Geschichten erzählt; vor einem warmen Kamin zum Beispiel, in einem Gasthaus oder noch besser in einem Bordell, während ein junger Bursche ihn mit der Zunge verwöhnte. Ein niemals in Erfüllung gehender Traum hier im Nichts zwischen all den Bäumen. Angestrengt durchsuchte er sein Gedächtnis nach einer Geschichte. Irgendwann hatte ein Worgunischer Händler doch mal etwas über die Joglu erzählt; er selbstkannte die Joglu nur aus Büchern. Gesehen hatte er noch keinen, geschweige denn, dass er jemals in Joglu war. Alles nur Gerüchte. Er räusperte sich unsicher, als ihm die Worte desKaufmannes aus Worgu wieder einfielen. „Natürlich, natürlich. Wo fange ich an?“ Er rieb sich durch sein Gesicht und hockte sich ebenfalls hin. Seine Beine brannten dabei schmerzhaft auf, sodass er wieder aufstand und sie ausschütteln musste.

„Meine liebste Geschichte! Selbst hier in den Tälern erzählte man es sich!“ Eine Lüge, doch wen interessierte es? „Die vielen Geschichten, dass Joglufrauen so haarig wie Schafe sein sollen, kennst du sicher. Man erzählt sich, dass die Joglu in kalten Nächten Schafe mit ins Stroh nehmen und dann, wenn den Mann die Lust überkommt...“ Er räusperte sich „... auf du weißt schon was, kann er aufgrund der Haare Schaf von Frau nicht unterscheiden. Und was passiert dann?“ Eine kurze Unterbrechung. „Der Mann vögelt das Schaf!“ Barn lachte deutlich überspitzt und gespielt schallend los, irgendwie versuchend den Kopfgeldjäger mit Humor zu umgarnen. Wie es aber schien, ohne Erfolg. Der Glatzköpfige starrte weiter in die Glut und verzog keine Miene. Hatte er ihn überhaupt gehört? Oder hatte er einfach keinen Humor? Denn auch wenn Barn sein Lachen gekünstelt hatte – eine Technik, die er in den Wintern als Bänker perfektioniert hatte – fand er die Geschichte äußerst amüsant.

„Nicht für Späße aufgelegt? Ich mag solche Geschichten. Völker, die aus eigener Dummheit kurz davor stehen auszusterben. Sie haben es verdient. Gibt es überhaupt noch Städte in Joglu? Ich will es für uns doch hoffen, irgendwie müssen wir ja Geld machen, oder?“

Plötzlich eine Reaktion des Gedungenen. Er starrte Barn direkt in die Augen.

„Aus eigener Dummheit ausgerottet?“

„Sicher. Was denn sonst? Zweimal binnen weniger Winter gegen Worgu zu den Waffen zu greifen. Dummheit nenne ich das. Worgu ist groß und mächtig. Das weiß man selbst hier. Nicht umsonst danken wir den Göttern für die Berge.“ Er zeigte auf das Gebirge über ihnen. „Der Wall der freien Täler.“

Und das war keine Lüge. Die Reiche waren gefürchtet in den Freien Tälern. Mit ihrer Gier nach mehr Land und Reichtum war es für viele nur eine Frage der Zeit, bis ihr gieriger Blick gen Osten ragte und die Täler ein Teil der Reiche werden sollten.

„Gegen das große Königreich Worgu im Westen? Das mächtige Königreich?“

„Absolut, mein Freund. Mächtig ist das richtige Wort. Und die Joglu haben ihre Lektion im letzten Krieg gelernt. Zu tausenden wurden ihre Truppen abgeschlachtet! Diese barbarischen Nordländer.“ Barn beobachtete den Fremden ganz genau, der erneut keine Reaktion von sich gab. Er kaute weiterhin am Dörrfleisch rum und blickte wieder in die Glut, Barn traute sich, einen Schritt näher zu kommen und dann noch einen. Bis er schließlich direkt neben dem Kopfgeldjäger war und sich hinhockte.

„Haben wir eine Abmachung mein Freund? Du begleitest mich in den Westen und ich zahle dir ein Vermögen!“ Barn reichte ihm die Hand und setzte sein bestes Grinsen auf.

„Barbarische dumme Nordländer, zu Tausenden abgeschlachtet“, nuschelte der Fremde vor sich hin.

„Exakt, mein Freund. Die Götter waren Zeuge.“

Seine Hand war weiterhin zum Fremden gerichtet, um die Abmachung abzuschließen. Der Kopfgeldjäger ließ seinen Blick zur Hand schweifen und spuckte den kümmerlichen Rest Dörrfleisch aus. Seine Hand wanderte zu seinem rechten Hosenbein, wohl um das Fett abzuwischen, wie Barn naiverweise glaubte.

Sein Talent hatte er also nicht verloren, er konnte überzeugend sein und Geld war das einzige, das noch überzeugender war als er. Und dazu ein kräftiger Mann, der mit dem Schwert umgehen konnte, kam ihm äußerst gelegen, ein Aufpasser, der für ihn die grobe Arbeit erledigen würde. Das Schicksal war endlich wieder auf seiner Seite. Er lächelte dem Fremden weiter zu, abwartend, wann er denn endlich einschlagen würde, um den neuen Deal zu beschließen. Da, jetzt!

Der kräftige Arm des Fremden zuckte, er schlug ein. Oder vielmehr gesagt er schlug etwas ab.

„Was?“, stammelte Barn und realisierte nicht was geschehen war. Verwirrt blickte er auf seine am Boden liegende und zuckende Hand; der Stumpf spuckte Blut wie ein Drache das Feuer, färbte den Boden vor ihm rot und ließ die Glut ein letztes Mal zischen, bevor sie verdampfte und als kleine Rauchwolke endete.

Barn brüllte einen endlosen Moment schmerzerfüllt auf, seine Kehle drohte zu explodieren.

„Meine Hand! Du verdammter! Meine Hand!“

Er versuchte aufzustehen, doch dies verhinderte der Fremde mit einem mächtigen Schlag in Barns Gesicht. Mit Rotz und Blut verschmiertem Gesicht ging er zu Boden, den blutenden Stumpf gegen seine Brust gepresst. Jämmerlich jammernd, als er am Boden lag und versuchte sich mit den Füßen vom Fremden wegzuschieben. Dieser stand emotionslos über Barn und beobachtete ihn wie ein Jäger seine Beute ansah, bevor er sie tötete. Wie eine Schlange vor der Maus, bevor sie zubeißen würde...

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