„Alora wird sich um die Töchter Komirs kümmern. Ich habe keine Zweifel, dass sie dies zu der Zufriedenheit aller erledigen wird. Nicht wahr, Kind?“
Alora hörte ihre Herrin wieder einmal nicht und grübelte weiter. Luca hatte ihr mal erklärt, dass es vollkommen normal sei, dass in den Adelskreisen Ehen von den Eltern geplant wurden. Allianzen, wie in diesem Fall, wurden geschmiedet, Blutfehden beendet oder Schulden beglichen. Luca bezeichnete eine Hochzeit immer als Allheilmittel für gegenseitige Interessen oder als Fuß in der Tür zum Königshaus. Zweiteres vor allem dann, wenn wiedermal ein Landlord Refles seine Tochter in die Feste schleppte, um sie Catel vorzustellen.
„Alora!“
Sie schreckte zusammen und merkte die Blicke aller Anwesenden auf sich ruhen. „Ja, MyLady!“
Es war schon wieder passiert - und das vor der Königin und dem König. Aloras Herz donnerte und ihr Magen krampfte zusammen. Alle Anwesenden starrten sie an und gerade jetzt musste sie wieder träumen. Sie verfluchte sich innerlich und nickte ängstlich, als sie in Lucas Augen blickte.
„Ich verspreche euch, Euer Gnaden, Alora ist die beste Wahl dafür.“
Refle schaute sie auch an. Er musterte sie geradezu und sie versank im Boden, starr wie eine Marmorsäule des Thronsaals. Ihre Verträumtheit hatte ihr wiedermal Ärger eingehandelt, und das nicht zu knapp, Lucas Blick nach zu urteilen.
Trotz des angedrohten Ärgers kam Alora nochmal mit dem Schrecken davon. Die Königin belagerte Luca auch nach der Besprechung in der Kammer weiter, weshalb die Mätresse keine Zeit hatte, sie wegen ihrer erneuten Verträumtheit zu rüffeln. Luca hatte es bei wenigen Worten und der Aufgabe belassen, dass sie im Thronsaal die Zünfte beobachten und, falls nötig, eingreifen sollte, wenn es wiedermal zu größeren Streitereien kam.
Eine äußerst undankbare Aufgabe, wie sich schnell herausstellte und damit doch eine Art Strafe. Keiner der Handwerker nahm ein junges Mädchen ernst, das ihm erklären wollte, doch bitte nicht die ganzen Sägespäne über die Tafel zu verteilen oder vorsichtig mit den Latten zu sein, die sie rumtrugen. Im besten Fall erntete Alora ein müdes Lächeln und im schlimmsten Fall Wortkreationen, die sie nicht kannte, die aber mit großer Wahrscheinlichkeit eine Beleidigung waren. Ihre Motivation ließ dementsprechend schnell nach und sie verkroch sich in eine Ecke des Saals, wo sie niemanden störte und auch selber nicht gestört wurde. Endlich ein wenig Ruhe genießen und Kraft sammeln, bevor die Cent eintrafen. Sogar ein wenig wärmer war es im Thronsaal geworden. Die Kohlejungen hatten alle zwölf großen Kamine entzündet und große Feuer prasselten vor sich hin. So war es auch unbeweglich in einer Ecke des Thronsaals durchweg aushaltbar und nicht mehr ganz so eisig wie noch vor ein paar Händen. Denn viel zu beaufsichtigen hatte Alora ehrlich gesagt ohnehin nicht. Die jeweiligen Zünfte beherrschten ihre Handwerke bestens und die Arbeiten standen kurz vor der Vollendung. Selbst die von ihr bemängelte Unordnung wurde von den Handwerkern entfernt und die Tafel sauber hinterlassen. Sie wippte von einem Bein auf das andere. Langsam aber sicher schmerzten ihre Knie dank der Untätigkeit, zu der sie verdammt war. Zumindest störte es ausnahmsweise niemanden, dass sie in ihren Gedanken versunken war und so träumte sie vor sich hin und ignorierte die Dutzenden Menschen um sie herum. Sie nutzte die Zeit und malte in ihrem Kopf aus, wie die nächsten Tage oder Monde aussehen würden.
Verantwortlich für die Töchter des Imperators, eine große Aufgabe, die sie keinesfalls vermasseln wollte. Sie repräsentierte Worgu gewissermaßen, Fehler durfte sie keine machen. Damit würde sie nicht nur sich selbst blamieren, sondern auch Luca oder gar das ganze Königreich. Viel Druck lastete auf ihren dürren Schultern und sie spürte, wie ihr Magen bei dem Gedanken daran leicht anfing zu rebellieren.
„Das gefällt mir nicht“, flüsterte sie sich selbst zu.
Wie sie wohl sein würden, die edlen Prinzessinnen aus dem Süden? Wie würden die Cent überhaupt sein? So sehr sie auch nachdachte, sie hatte noch keinen Cent gesehen. Wie waren die fremden Menschen aus dem Land südlich von Worgu wohl? Es gab natürlich viele Gerüchte darüber, aber Gerüchte waren eben nur Gerüchte, was sollte sie davon glauben? Hochnäsig und arrogant bezeichnete man die Cent oft in der Feste und wollte am liebsten nichts mit ihnen zu tun haben. Die Wunden des großen Krieges waren noch zu tief und verheilten nur äußerst langsam. Vielleicht würde die Hochzeit tatsächlich helfen, diese alten Wunden zu schließen und eine tiefe Verbundenheit zwischen den Reichen aufbauen.
Es nagte an Alora. Sie musste mehr wissen, aber wen sollte sie Fragen? Luca war mit der Königin in die Vorbereitungen vertieft und sie sollte im Thronsaal alles beisammenhalten. Möglicherweise könnte Duk ihr helfen. Auch wenn er sicherlich mitten in den Vorbereitungen für den Ritt in den Norden war. Ein wenig Zeit für sie könnte er vielleicht aufbringen und ihr Fragen beantworten. Sie würde ihn auch nicht lange stören. So oft hatte er ihr schon die Angst vor großen Aufgaben, die Luca ihr aufgebrummt hatte genommen und ihr immer mit Rat zur Seite gestanden. Sie hoffte, dass er dieses Wunder auch diesmal vollbringen könnte. Wenn sie aber nun zu Duk gehen würde, würde sie gegen Lucas Anweisungen verstoßen - schon wieder. Die Mätresse hatte sich unmissverständlich ausgedrückt, dass sie im Thronsaal bleiben solle.
Aber wofür , fragte sie sich.
Die Handwerker nahmen sie sowieso nicht ernst und die Arbeiten standen kurz vor der Vollendung. Der langen Tafel wurde der letzte Schliff verpasst und letzte Dekorationen wurden genauestens berechnet platziert. Blumengestecke, Kerzen und kleine Statuetten zierten die Mitte der großen Tafel und zogen sich von einem Ende zum anderen. Die Zimmerleute hingen die letzten Banner an die vorgesehenen Orte und neben Refles Thron wuchteten kräftige Burschen einen massiven schwarz gebeizten Holzthron auf das Podest. Ohne Zweifel würde dort der Imperator Cents während seines Besuchs sitzen. Direkt neben dem König Worgus zu sitzen war natürlich eine große Ehre für einen fremden Herrscher und ganz klar ein weiterer Schritt zur Versöhnung der Reiche. Neben dem imposanten Thron des Worgunischen Königs verblasste der extra für den Imperator aufgestellte Thron jedoch. Gold-silbern glänzte der Thron Refles in allen Regenbogenfarben und sah mit seiner zweimannshohen Lehne aus wie der Stuhl eines Riesen. In die Lehne war das Zeichen der Götter mit glänzenden Edelsteinen eingelassen und sollte so den König und damit das gesamte Königreich gegen die Raben beschützen.
Die Raben waren das Gegenstück der Götter. Dämonen aus einer anderen Welt, die nur dafür geschaffen waren, Böses zu tun. Die Priester der Götter predigten schon immer, dass die Raben schuld seien, wenn Dürren kamen oder wenn wieder ein strenger Winter länger dauerte als normal. Die Raben waren es Schuld. In der gesamten bekannten Welt waren die Raben ein Synonym für Unglück und Pech. Ob es nun tatsächliche Unglücke waren oder einfach nur ein umgestoßenes Glas. Die Raben wurden dafür verflucht.
Wieso auch nicht? Laut den Schriften der Götter wurden die Raben in der ersten und größten Schlacht der Geschichte von dem jungen Göttergeschlecht der Karbons, oder wenn die Priester Südlich der Arka gefragt wurden, von den Ahnen der Götter, den Devons, vernichtet und für immer in die Unterwelt verbannt. Es gab also eigentlich nichts zu befürchten. Wie sollten verbannte Dämonen die auf ewig in der Unterwelt gefangen waren auch für Unglücke verantwortlich sein? Dies war nur einer der vielen Punkte, die Alora bei der ganzen Religion nicht ganz schlüssig erschienen und weshalb sie nicht zu den gläubigsten Bewohnern der Feste zählte.
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