Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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Mit einem lauten Knall setzten die Burschen den schweren neuen Thron ab und wischten sich den Schweiß von der Stirn. Alora seufzte und schaute sich um. Sollte sie tatsächlich Lucas Anordnung ignorieren und den Thronsaal verlassen?

„Verzeih mir, Luca“, entschied sie sich und zog ihr Kleid zurecht. Möglichst schnell versuchte sie sich durch das Gewusel im Thronsaal zu winden. Obwohl es bei den anwesenden Zünften so leicht aussah, nicht mit jedem zweiten zusammenzustoßen und somit einen Streit zu provozieren, war es das in Wirklichkeit absolut nicht. Die vielen Schultern stellten für das zierlich gebaute Mädchen unausweichliche Hindernisse da. Wenn sie einer Schulter versuchte auszuweichen, traf sie dafür eine andere plötzlich aus dem Nichts auftauchende Schulter. Zwar entschuldigte sie sich immer höflich, erntete jedoch immer wieder aufs Neue böse Blicke und hin und wieder polterte ihr sogar eine Beleidigung entgegen. Mit Pirouetten und blitzschnellen Ausweichmanövern, die eher kläglich gelangen, erreichte Alora dann doch ihr Ziel und verschwand durch die weit offenstehenden Tore aus dem Thronsaal.

Den prunkvollen Gang erreicht, bemerkte sie schnell, dass auch hier ähnlich viel Trubel herrschte wie im Thronsaal. Im Gang herrschte ebenso ein reger Durchlauf der Zünfte, jedoch deutlich geordneter. Die Drachenköpfe sorgten mit großer Sorgfalt dafür, dass es zu keinem Chaos kam und verhinderten, dass womöglich noch die reichen Verzierungen beschädigt wurden. Sogar den prachtvollen Teppich hatten sie beiseite gerollt, um Beschädigungen durch die großen dreckigen Wagenräder zur verhindern.

Alora nutzte die Ordnung aus und ging schnellen Schrittes ohne weitere Rempeleien zum großen Ausgang in den Hof der Feste.

„Es schneit nicht mehr“, stellte Alora abwesend für sich selbst fest, während sie die Stufen des Kronensaals hinabstieg und den dunklen Stein des Innenhofs erreichte. Die hohen Türme der Feste ragten vor ihr wie die Finger eines Riesen in die Luft und deren Kuppen verschwanden im aufgezogenen tiefhängenden Winternebel der die Sonne vom Morgen gänzlich verdrängt hatte und aus der Welt aussperren wollte. Das schwache Licht hatte kaum genug Kraft den Nebel zu durchbrechen und hüllte den Innenhof in ein dunkles trübes Licht. Sogar die Tore der Feste, die gute fünfhundert Schritte vom Eingang des Kronensaals lagen, waren nur schemenhaft zu erkennen.

Ohne langsamer zu werden eilte sie weiter über den Hof und ignorierte die endlosen Schlangen an vollbeladenen Wagen und bis zum Rand gefüllten Schubkarren, die weiter Material aus der Stadt in die Feste brachten. Es war ein seltsamer Anblick für sie. Ein seltsamer Anblick für alle Bewohner der Feste. An normalen Tagen beherrschten die Soldaten des Reichs den Hof. Zwischen den hohen Mauern und noch höheren Türmen wurden junge Rekruten geschliffen und ausgebildet. Sie lernten den ersten Umgang mit Schwert und Schild und schlugen wie die Berserker auf die extra dafür aufgestellten Strohpuppen ein. Sogar Bogenschützen hatten zwischen den Mauern Platz und übten direkt neben den Pikenieren die mit ihren überlangen Piken die perfekte Phalanx einstudierten. Nur waren es keine normalen Tage mehr. Die Rekruten waren den Zelten gewichen, die über den letzten Mond hinweg langsam aber sicher wie Unkraut den Hof überwuchert hatten. Es gab große Zelte, kleine Zelte und noch größere Pavillons. Manche waren rot, die anderen einfach nur grau und wieder welche bunt wie eine Sommerwiese. Es war ein kleines Dorf, das mitten im Herzen der Feste erbaut worden und für die Männer aus Cent und Worgu gedacht war, die nicht das Glück hatten eine Stube in der Feste zu ergattern.

Durch den Winter würden es sicher keine angenehmen Nächte werden, dachte Alora, während sie im Vorbeigehen flüchtige Blicke in die Zelte warf.

An den Toren angekommen schnaubten ihr die zweidutzend mit buschigem Fell besetzten Ochsen zu, die zum Öffnen und Schließen der Tore genutzt wurden. Ohne die Tiere hätten die Tore sich auch kaum bewegen lassen. Selbst Alora konnte unschwer erkennen, dass die mannsdicken und Baumhohen aus massiven Stahl geschmiedeten Tore unglaublich schwer sein mussten. Darum waren an normalen Tagen die Tore auch nicht geöffnet. Selbst mit den Ochsen dauerte es gute zwei Finger, bis die Tore geschlossen oder geöffnet waren. Eine Prozedur, die niemand mehrfach am Tag über sich ergehen lassen wollte. Aus diesem Grund gab es in einem der Tore eine kleine eingelassene Tür. Auch aus Stahl und auch deutlich zu schwer war es für eine Handvoll Drachenköpfe aber möglich, Besuchern Einlass zu gewähren, ohne zwei Finger warten zu müssen. Aber heute hätte die kleine Tür nicht ausgereicht. Zu groß war der Ansturm der Zünfte, zu groß waren die Wagen, als dass das kleine Tor ausgereicht hätte.

Vorbei an den Gardisten, die jeden Wagen, der in die Feste wollte, genaustens durchsuchten, vorbei an fluchenden Schreinern, die zum wiederholten Male durchsucht wurden betrat Alora die gepflasterte nasse Straße und blickte hinab in das Tal Worgus. So hoffte sie. Aber der Nebel war zu dicht und lag zu tief. Heute konnte sie keinen Blick auf die dunklen Dächer der Stadt Worgu werfen, die sich am Fluss entlang ausbreitete und die an hellen Tagen wie ein gigantisches Spinnennetz wirkte. Sie konnte keinen Blick auf die fünf Tempel der Götter werfen, die das Zentrum der Stadt dominierten, oder auf die Bergkette hinter der Stadt mit ihren immer grünen Nadelwäldern. Alles wirkte trist und leblos, verschlungen vom Winter und dessen Atem. Nur die Kasernen direkt vor den Mauern der Feste waren klar und deutlich zu erkennen. Und ihr Äußeres passte für Alora zum tristen Nebel des Winters. Große vollkommen ohne jegliche Schönheit gebaute viereckige Klötze mit flachen Dächern, kleinen Fenster und großen Türen. Die Mauern aus grauen Ziegeln gemauert und die Dächer mit schwarzen Schindeln bedeckt. Äußerlich sicher passend zur Feste. Aber ohne auch nur einen Hauch ihrer Wucht und Bedrohlichkeit. In ihr lebten die Männer von zwei Worgunischen Divisionen. Zu ihrer rechten die Ersten Landwehr-Division, im Volksmund auch die Eiserne Faust, genannt. Fünftausend Kopf stark und seit den Worgunischen Eroberungskriegen immer das Zentrum der Worgunischen Schlachtlinien. Und zu ihrer linken die deutlich größeren Kasernen der Erstem Reiterdivision. Die legendäre Division, welche in den Nordkriegen die Speerspitze gegen die Joglu geformt hatte. Eintausend berittene Soldaten, die binnen weniger Hände bereit für den Kampf waren und Worgu bis zum Aufmarschieren des restlichen Heeres schützen sollten. Insgesamt standen dem Reich so, auch in Friedenszeiten, sechstausend Männer zur Verfügung. Alle geführt von einem Mann, der nur dem König selbst unterstand. Dem Marschall. Duk. Und da Duk auf Befehl des Königs in den Norden reiten sollte, konnte es nur einen Ort geben an dem Alora suchen musste. Die Kaserne der Reiterdivision.

Eine fast zwanzig Schritt breite Straße führte, wie mit dem Lot gezogen, den Hügel hinab und verband als Kreuzung die beiden Divisionslager, über denen im kalten Wind hastig die Banner Worgus wehten. Der Wind erreichte außerhalb der Mauern auch Alora und ließ sie die Arme eng um sich schlingen.

„Götter, ist das kalt“, bibberte sie und ging weiter.

Durch das große offene Tor der rechten Kaserne konnte sie sehen, dass auch die Landwehrdivision aufgrund des bevorstehenden Besuchs alle Hände voll zu tun hatte. Mehrere Kompanien standen in Formation in ihren auf Hochglanz polierten Rüstungen in Reih und Glied. Vor den Reihen gingen die Leutnants auf und ab und tadelten einzelne Männer, die in ihren Augen irgendetwas falsch gemacht hatten. Sei es ein wenig Dreck auf der Rüstung oder eine falsche Bewegung. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Das Worgunische Militär sollte sich von seiner besten Seite zeigen.

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