Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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Duk entzündete währenddessen die Fackeln an der Wand und erzeugte so ein wenig Licht im dunklen Raum. Er bemerkte wie Alora auf die Karte schaute und ging zu ihr.

„Kannst du sie lesen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

„Die breite schwarze Linie hier.“ Er zeigte auf die gewundene Linie, die zwischen Felsental und Joglu zu sehen war. „Das ist die Grenze nach Joglu. Hier endet Worgu und Joglu beginnt.“

„Und die dünnen grünen Linien hier am Rand?“

„Die Grenze des Felsentals.“

„Grenze? Ich dachte das Felsental gehört zu Worgu.“

„Tut es auch. Sonst würde ich nicht bald dorthin reiten.“ Er grinste Leicht. „Aber das Felsental ist kein Lehen. Kein Baron herrscht dort, nur der König. Nicht viel anders als in den restlichen nördlichen Provinzen. Auf den Karten des restlichen Reiches wäre es bei den Lehen nicht anders. Auch dort gibt es Grenzen, die die Ländereien der Barone trennen. Aber trotzdem gehören sie alle zu Worgu.“

„Verstehe“, lächelte sie.

„Du bist aber nicht hier, um über Karten zu reden oder?“, sagte Duk und rollte die Karte behutsam zusammen.

„Nein, nein.“ sagte Alora. „Wegen der Cents. Luca hat mir aufgetragen, dass ich mich um die Töchter des Imperators kümmern soll.“

„Mhm. Perfekte Aufgabe für dich“, erwiderte er scheinbar abwesend und verstaute die Karte vorsichtig in einer der Schubladen des Schreibtisches.

„Danke.“ Sie war nicht sicher, ob er ihr zuhörte oder nicht.

„Und was willst du wissen?“, las er scheinbar ihre Gedanken und schaute sie fragend an.

„Ähm, entschuldige.“ Alora räusperte und spielte mit einer Schreibfeder herum, die sie vom Schrank genommen hatte.

„Kennst du Cents? Ich habe noch nie einen getroffen, und es gibt viele Gerüchte über den Imperator und seine Familie oder über die Menschen von Cent.“

Duk sagte nichts, weshalb sie weiterredete.

„Ich konnte die Drachenköpfe einmal belauschen. Wie sie über die Cents geredet haben. Dass sie Kriegsgefangene häuten und in eroberten Dörfern jeden lebendig verbrennen, der sich ihnen entgegenstellt und…“

„Stopp, Stopp“, unterbrach Duk ihre Aufzählung der kursierenden Gerüchte, „du weiß, was im großen Krieg passiert ist? Vor sechzig Wintern?“

„Nun ja. Das was in den Aufzeichnungen steht und mir von den Gelehrten beigebracht wurde. Das was jeder weiß eben.“

„Natürlich. Die Aufzeichnungen.“ Duk setzte sich auf den alten Stuhl, um wie von Zauberhand eine gestopfte lange Holzpfeife aus einer Schublade seines Tisches zu ziehen. „Worgu und Cent haben eine - sagen wir mal - bewegte Geschichte. Vor hunderten Wintern gab es den unausgesprochenen Pakt zwischen Worgu und Cent, dass die Cent südlich der Arka bleiben und die Worgu nördlich. Der Fluss sollte die klare Grenze zwischen den Reichen ziehen.“

Er lehnte sich zurück, entzündete den Tabak und zog an der Pfeife. Die Glut erleuchtete sein Gesicht und ließ ihn wie einen Barden wirken der in einem Gasthaus neugierigen Besuchern eine Geschichte erzählte. Mit unüberhörbaren Genuss blies er Rauch aus seinem Mund und schloss kurz die Augen.

Alora mochte den Geruch des Tabaks. Er erinnerte sie an ihre Kindheit, als sie noch mehr Zeit mit Duk verbringen konnte und von Luca noch nicht so eingespannt wurde wie heute. Die Sommerabende, die sie gemeinsam verbracht hatten, auf den Mauern der Feste den Sonnenuntergang bewundert und in die Ferne gesehen hatten. Sie vermissten diese Zeiten.

„Nur wie es dann so häufig ist, sind für manche Menschen Pakte nichts wert. Vor allem Pakte, die nicht offiziell ausgesprochen wurden. Ein junger Imperator Cents wollte Land nördlich der Arka und eroberte eine der damaligen noch freien Provinzen, kam Worgu also zu vor. Was das bedeutet hat, muss ich dir sicher nicht erklären. Der damalige König Worgus befahl der Armee sofort nach Süden zu marschieren und die Cent zu vernichten. Das war der Beginn des ersten von bisher sechs Kriegen zwischen Worgu und Cent. Der letzte dann vor etwa sechzig Wintern. Refles Vater hatte es sich in den Kopf gesetzt Cent zu erobern und zog in den Krieg. Er ließ die Männer in Boote steigen und über die Arka setzen. Ich will dich nicht mit Militärtheorie langweilen. Aber es gibt nur wenige leichtere Ziele als ein vollbesetztes Boot. Die Cent wussten das und haben diesen Vorteil genutzt. Tausende Männer fielen, noch bevor sei einen Fuß auf das andere Ufer gesetzt hatten. Die Kämpfe danach waren sogar noch brutaler. Der Krieg dauerte zwei Winter und endete wie die Kriege zuvor als Patt. Die Cent verloren kein Land und wir zogen uns zurück. Seitdem ist das Verhältnis zwischen Cent und Worgu, nennen wir es angespannt. Der Handel stockt und an der Grenze kommt es immer wieder zu kleineren Auseinandersetzungen. Das soll nun aber ein Ende haben.“

Er inhalierte erneut den Rauch der Pfeife und hustete kurz aber heftig auf. Sein ganzer Körper schüttelte sich während des kurzen Anfalls.

„Du solltest die Pfeife sein lassen“, riet Alora ihm und lächelte dabei freundlich.

„Wenn es nicht so gut schmecken würde“, antwortet er gewitzt und legte die rauchende Pfeife zur Seite. „Um zu deiner Frage zurückzukommen. Es reicht, wenn du weißt, dass Gerüchte eben Gerüchte sind. Die Cents waren unsere Feinde, und werden jetzt unsere Freunde. Der Handel soll florieren und Komir persönlich kommt zu Besuch. Du wirst sicherlich klarkommen.“ Er lächelte. „Ich kann mir niemanden vorstellen, der sich besser um die Prinzessinnen kümmern wird als du. Du schaffst das. Und lass die Drachenköpfe reden. Die Soldaten aus Cent werden sicherlich ähnliche Geschichten haben.“

„Danke“, nickte Alora beruhigt und blickte dem Marschall in die alten Augen. „Wann wirst du wiederkommen?“, fragte sie und wechselte damit zum nächsten Thema, das sie brennend interessierte.

„So schnell wie möglich. Wenn alles so verläuft wie geplant in vielleicht zwei Monden, hoffe ich.“

„Glaubst du, der Hohepriester hat Recht und es sind Joglu? Wieder abtrünnige wie damals?“

„Eher nicht“, antwortete er ungewohnt er und wirkte wieder abwesend. „Eher nicht“, wiederholte er.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Alora mit leiser Stimme, während der Marschall abwesend vor sich hinschaute. „Duk…?“

„Entschuldige.“ Sein Blick wurde wieder klarer. „Ich bin in Gedanken schon in an der Grenze mit meinen Männern. Es ist immer gefährlich, in den Kampf zu reiten. Etwas gesunde Furcht gehört dazu. Das hilft einem, am Leben zu bleiben.“

Alora lächelte ihn an. „Und du hast die Macht der Ersten Reiterdivision auf deiner Seite. Ungeschlagen im Feld.“

„So ist es.“ Er stand wieder auf und ging um den Tisch herum. Die Pfeife ließ er im gläsernen Aschenbecher liegen. „Nun muss ich dich bitten, zu gehen. Ich muss die Hundertschaften noch umplanen. Entgegen meiner Planung reiten wir nur mit einer Schweren Hundertschaft los. Da muss ich noch ein wenig vorbereiten.“

Alora stutzte kurz. Sogar sie wusste, dass die Schweren Hundertschaften, oder auch Panzerreiter genannt, die gefürchtetste Waffe des Worgunischen Militärs waren. Sie waren es, die die feindlichen Linien durchbrachen und den Weg für ihre Kameraden ebneten.

„Wieso nur eine? Wenn du tatsächlich auf Feinde triffst, brauchst du die volle Stärke der Division.“

Duk packte ihre Schulter und tätschelte sie leicht. „Danke für deine Sorge Kind. Aber selbst mit nur einer Schweren Hundertschaft werden wir mit allem fertig. Vertrau mir.“

Sie zögerte kurz, bevor sie aufstand und langsam Richtung Tür ging. „Pass auf dich auf. Versprich es mir“

„Keine Sorge, Kind. Banditen vermute ich, mehr nicht. Damit werden wir spielend fertig“, nickte Duk beruhigend. „Wir sehen uns in wenigen Monden. Und jetzt los. Luca wird dich sicher schon suchen.“

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