Duk hatte sich mit seinen Offizieren neben genauso einem Ofen gestellt und merkte schnell die Hitze, die von dem großen steinernen Quadrat ausging. Auch die Männer um ihn herum entledigten sich schnell der Decken, die ihnen eben noch im Kampf gegen den Wind Schutz geboten hatten. Alle waren bereits in Kampfmontur gekleidet, die typische Lederrüstung der Leichten Kavallerie, einfach und funktional. Nur der Leutnant der zweiten Schweren Hundertschaft hatte schon seine massive Stahlrüstung angelegt und wirkte wie ein Koloss aus Stahl.
„Meine Herren. Ihr wisst was uns bevorsteht“, begann Duk ohne Umschweife, und auch um einen Gespräch über den Prinzen und der zweiten Schweren Hundertschaft aus dem Weg zu gehen.
„Irgendwer oder irgendwas wütet im Felsental. Und ich muss euch nicht erklären, wie wichtig das Felsental ist. Nicht nur für das Militär, sondern auch für die gesamte Wirtschaft Worgus.“ Zustimmendes Gemurmel war unter den Leutnants zu vernehmen.
Einer der Leutnants räusperte sich und richtete sich neugierig an ihn. „Herr Marschall?“ Seine Stimme war wie sein Gesicht - jung und unerfahren, voll mit falschem Tatendrang.
Duk blickte zum Leutnant und sah ihn fragend an.
„Entschuldigt, Herr Marschall“, der Leutnant schien sich nicht daran zu stören, seinen Marschall unterbrochen zu haben, „glaubt Ihr, dass es sich um Joglu handeln könnte, wie damals?“
Duk führte die Pfeife zu seinem Mund und lies die Augen, während eines langen Zugs über den Leutnant wandern. Er erkannte einen sehr jungen Leutnant. Wahrscheinlich gerade erst aus der Ausbildung und direkt ein hoher Rang. Es musste sich also um den Sohn eines Adeligen handeln. Ohne Zweifel musste der Vater des Jungen den König persönlich kennen und seinem Sohn so den hohen Posten besorgt haben. Sonst, da war Duk sicher, würde er sich an den Jungen erinnern.
„Wie ist euer Name Junge?“, wich er einer klaren Antwort aus.
„Hunner, Herr Marschall.“
„Wie lange seid Ihr schon Leutnant? Der dritten Hundertschaft, wie ich sehe.“
„Herr Marschall?“, der Leutnant schien verwirrt und schaute hilfesuchend zu den anderen Leutnants, die ihm aber keine Hilfe waren. „Seit dem Sommer, Herr Marschall“, antwortete er schließlich.
„Seit dem Sommer also“, nahm Duk einen Zug und hauchte langsam den Rauch aus. Er erkannte die abschätzenden Blicke der anderen Leutnants, die keinen Zweifel daran ließen, dass sie mit Hunner alles andere als zufrieden waren.
„Wenn die Götter uns gnädig sind, werden es keine Joglu sein“, beantwortete er schließlich die Frage.
„Und wenn es welche sind, werden wir sie daran erinnern, was beim letzten Mal geschah als sie Worgu angriffen!“, klatsche Hunner in die Hände.
„Herr Leutnant, etwas mehr Anstand“, zügelte Werop den übereifrigen Jungen.
„Verzeiht, Herr Major. Aber ich brenne darauf, endlich einen Kampf zu erleben. Wir werden schließlich nicht ausgebildet, um hier in der Kaserne zu versauern“, lächelte Hunner begeistert.
„Sicher“, winkte Duk ab, wendete sich wieder Werop zu und ignorierte den jungen Leutnant. „Werop? Sind die fünf Hundertschaften bereit zum Ausritt?“
Kurz erkannte er Trotz in Hunners Gesichtszügen. Der Leutnant rang mit sich, ruhig zu bleiben und nicht weiter nachzubohren. Er schien es nicht zu kennen, dass man ihn ignorierte. Nicht im Mittelpunkt zu stehen, war ihm unbekannt. Ohne Zweifel der Erstgeborene irgendeines Barons oder Herzogs, der jetzt nach Ruhm und Ehre gierte, um dann irgendwann später den Platz seines Vaters einzunehmen als gefeierter Kriegsheld. Duk hielt nicht viel von solchen Emporkömmlingen, im Gegenteil. Er hielt sie für die Männer und vor allem für sich selbst Gefährlich. Jeder wollte mit dem Kopf durch die Wand und hatte kein Gespür für Gefahr. Die Männer um sie herum waren nur namenlose Körper, die in der Schlacht verbrannt werden konnten.
„Ja, Herr Marschall. Die Dritte Hundertschaft ersetzt die Schwere Hundertschaft, die Prinz Catel…“, er stoppte kurz und vollführte eine abschätzige Geste, „benötigte.“
„Bestens“, ignorierte Duk die Anspielung auf den Prinzen. „Wir reiten heute noch los! Hart wie Stahl.“
„Und unaufhaltsam!“, war die gemeinsame Antwort aller anwesenden Männer.
„Mädchen, kannst du mir bei den Raben verraten, wo du gesteckt hast?“
„Lady Luca? Ich war bei... ich war bei…“, stammelte die überrumpelte Alora vor sich hin.
Aloras kurze Freude darüber, dass niemand ihren kurzen Ausflug in die Kaserne bemerkt hatte, hatte sich schnell in Luft ausgelöst. Mit verschränkten Armen und nervös, oder vielmehr vor Wut, mit dem Fuß am Boden zitternd stand Luca aus dem Nichts vor ihr. Lucas Blick nach zu urteilen suchte die Mätresse sie schon länger, was ihrer Laune absolut nicht zuträglich war. Lucas eisiger Blick ließ Alora das Blut in den Adern gefrieren und die Stille, die seit wenigen Augenblicken herrschte machte es nicht besser. Luca war sauer. Direkt hinter der Mätresse konnte Alora Hollu erkennen, die ohne Scham ihr gehässigstes Grinsen aufgesetzt hatte und den Fehltritt ihrer Intimfeindin ausgiebig genoss.
„Keine Ausflüchte, Alora!“, brach Luca die kurze Stille. „Ich hatte dir eine einfache Aufgabe gegeben: Beaufsichtige die Zünfte! Dank den Göttern, dass alles zur Zufriedenheit des Königs fertiggestellt wurde. Und holen mich die Raben, wie siehst du aus?“
Alora zuckte zusammen, sah an sich hinab und bemerkte erst jetzt die dunkelbraunen Spritzer am Saum ihres Kleides. Pferdemist.
„Deine ganzen Schuhe voller Mist und Matsch! Mädchen, wo hast du dich rumgetrieben? Die Cents werden vor dem Sonnenuntergang hier eintreffen und du siehst aus wie ein Bauer und riechst auch so! Bei allen Göttern!“
So aufgebracht hatte Alora die Mätresse schon lange nicht mehr erlebt, nicht seitdem sie damals das Badewasser zu heiß eingelassen hatte und Luca so beinahe gekocht hatte. Rot wie ein Krebs war die Mätresse damals aus der Wanne gestiegen und hatte nicht nur innerlich vor Wut gekocht. Alora war sich bis heute nicht sicher, ob der Dampf, der damals von Luca ausgegangen war, nicht durch die Wut auf sie entstanden war.
„Ich werde mich sofort umkleiden, Lady Luca. Ich bitte vielmals um Verzeihung.“
„Spar dir das. Ich bin maßlos enttäuscht, Mädchen. Geh dich umkleiden und komm dann sofort wieder her. Du kennst deine Aufgabe!“
„Lady Luca.“ Da war sie wieder. Hollus unnatürlich piepsige Stimme, die gar nicht zu ihrem dicken Hals und auch der sonstigen Körperfülle passen wollte. „Ich könnte Komirs Töchter doch empfangen und versorgen. Das schaffe ich. Alora ist dazu allen Anschein nach nicht imstande zu.“ Sie warf Alora einen tödlichen Blick zu und setzte ihr hässlichstes und breitestes Lächeln auf. Alora formte in ihrem Geiste schon allerlei Beleidigungen gegen Hollu und wollte zum vernichtenden Gegenschlag ausholen, wurde aber von der Mätresse in ihrem Vorhaben gestört.
„Hollu, ich glaube du bist vollkommen mit deinen Aufgaben ausgelastet.“
„Lady Luca, ich hätte noch genügend Zeit. Das wäre…“
„Hast du mich nicht verstanden?“, fiel Luca Hollu giftig ins Wort. „Alora erledigt diese Aufgabe, und nicht du. Verstanden?“ Hollus Miene veränderte sich schlagartig. Ihr triumphaler Sieg wenige Augenblick zuvor hatte sich in eine schmachvolle Niederlage gewandelt.
„Natürlich, Lady Luca.“, flüsterte Hollu leise und senkte ihren Kopf so, dass sich ein zweites und sogar drittes Kinn bildeten.
„Worauf wartest du noch Hollu? Los, los!“, preschte Luca nochmals Richtung Hollu hervor, die sich ohne weitere Worte auf den Weg zu den Gemächern machte. Ein kräftiges Grinsen konnte Alora sich nicht verkneifen.
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