Michael Schatten - Das Geflüster der Raben

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Die Kriegswaise Alora führt ein gutes Lebens als Bedienstete der Königsfamilie Worgu. Als eine Hochzeit naht wird sie in Konflikte hineingezogen, die ihr junges naives Weltbild für immer verändern werden. In den Fängen des Kriegsveteranen Serox lernt sie die Grausamkeit der Welt kennen und wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während dieser Reise erwacht eine alte vergessen geglaubte Macht und wird die Welt ins Chaos stürzen.

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„Das wirst du bereuen“, sabberte Hollu mit blutverschmierten Händen und Gesicht.

„Geh Hollu, bitte“, erwiderte Alora, während sie Hollu ignorierend in ihre Kammer ging und die Tür hinter sich in schloss fallen ließ.

Erst jetzt wurde Alora klar, was da gerade draußen im Gang passiert war. Sie starrte auf ihre zitternde Hand die immer noch pochte und langsam blau anlief. Plötzlich wurde ihr schlecht und sie musste sich setzen. Was war da eben mit ihr geschehen? So kannte sie sich gar nicht, niemand kannte sie so. Das Zittern hatte sich von der Hand in ihren ganzen Körper ausgebreitet, wobei sich der Schmerz in der Hand noch zurückhielt. Aufregung schoss durch ihren Körper und ließ jedes andere Gefühl verstummen. Wortlos sah sie auf ihre Hand und bewegte langsam die knallroten Finger.

„War das wirklich ich?“, stammelte sie und sah durch das Fenster zum Horizont. Große weiße Wolken kündigten weiteren Schneefall an. „Ich muss mich umziehen“, sagte sie wie in Trance und suchte oberflächlich nach sauberen Kleidern. Die Aufregung ließ langsam nach und tauschte seine Rolle mit dem aufkommenden Schmerz, und diese Rolle spielte der Schmerz kompromisslos und gut.

Eilig stürmte sie Richtung Thronsaal. Mit jedem Schritt pochte ihre Hand stärker und bläulicher. Es würde nicht lange dauern und ihre Hand würde ähnlich Bunt leuchten wie ihr Kleid. Alora hatte sich das erstbeste Kleid geschnappt, das sie gefunden hatte und halbwegs sauber war. Zwar mochte sie das viel zu bunte Kleid nicht, aber ihr fehlte die Zeit schon wieder in den Wäschebergen zu wühlen bis sie das passende gefunden hätte. Luca war wütend genug, da wollte sie möglichst nicht noch mehr unnötige Zeit verschwenden.

Angekommen im Thronsaal war es nach dem durcheinander der Zünfte nun vergleichsweise ruhig geworden. Nur noch wenige Handwerker waren unterwegs, um kleinere Feinheiten zu erledigen, kein Vergleich zu dem durcheinander am Mittag.

Am anderen Ende der Tafel konnte sie Lady Luca erkennen, die wie ein Habicht den Thronsaal im Auge hatte und nach kleinsten Fehlern suchte, um sofort einen der Handwerker darauf anzusetzen.

„Lady Luca. Hier bin ich wieder.“

„Götter, Kind. Gerade noch rechtzeitig. Laut den Meldereitern werden die Cent binnen der nächsten Hand eintreffen.“ Luca stutzte kurz und musterte Alora genau, oder vielmehr ihre Kleidung. „Ein wenig bunt für meinen Geschmack, aber es wird schon reichen“, sagte Luca, während sie einzelne Falten zurechtzupfte, die Alora übersehen hatte. „Bei den Göttern, Kind. Was ist mit deiner Hand geschehen?“ Ungewöhnlich sanft berührte sie die bunte Hand und streichelte über die Regenbogenfarben.

Hollu hatte also tatsächlich noch nicht gepetzt. Kurz war Alora verwundert, bis ihr klar wurde, dass der einzige Grund dafür wohl war, dass dem zweiten Zimmermädchen noch eine passende Lüge fehlte, die erklärte warum Alora sie grundlos geschlagen hätte. Lange würde es aber sicher nicht mehr dauern. Da war es nur von Vorteil, dass sie als erstes lügen konnte.

„Ich war in Eile und die Tür fiel schneller zu als ich dachte. Ist aber nicht weiter schlimm“, log sie wie einstudiert und lächelte.

„Irgendwann wirst du deinen Kopf irgendwo verlieren Kind!“, sah Luca sie streng an und ließ ihre Hand los.

„MyLady. Ich bitte im Verzeihung für mein Benehmen.“, wollte sie Luca und damit dem Ärger zuvorkommen. Vielleicht konnte sie die Mätresse so etwas besänftigen und aus dem aufziehenden Sturm ein laues Lüftchen machen.

Luca seufzte. „Du musst endlich wach werden, Kind. Ich werde nicht ewig deine Fehler ausbügeln können oder deinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Ich hatte dir befohlen im Thronsaal zu bleiben, und wo warst du als ich kam? Weg.“

Verlegen schaute Alora zu Boden. „Ich wollte mich von Duk verabschieden. Verzeiht, MyLady, aber er ist für Monde fort, da dachte ich…“

„Du hättest fragen können! Götter, Kind! Ich weiß, was Duk dir bedeutet, wir hätten bestimmt eine Möglichkeit gefunden.“

„Daran habe ich nicht gedacht. Verzeiht mir.“ Sie verneigte sich.

„Hör auf mit dem Quatsch“, gab Luca ihr einen kleinen Stups an den Kopf und lächelte. „Versprich mir lieber, dass du in Zukunft ein wenig mehr nachdenkst."

„Werde ich“, antwortete Alora.

„Da bin ich ja mal gespannt“, sagte Luca mit ihrem undeutbaren Blick und ging um die Tafel herum los.

Alora folgte ohne Aufforderung und blieb dicht an der Mätresse.

„Hier an der Spitze werden der König und der Imperator sitzen.“ Luca zeigte auf zwei große Stühle am Kopf der langen Tafel. „Ein weiteres Zeichen der Freundschaft. Direkt daneben Catel und die Prinzessin. Sie sind schließlich der Grund für den Besuch, da gebietet es der Anstand, dass sie ebenfalls am Kopf der Tafel sitzen.“

Gespannt hörte Alora Luca zu. Sie wollte es auf jeden Fall vermeiden, schon wieder in ihren Gedanken zu versinken und alles zu verpassen, was Luca ihr gerade erklärte. Selbst die wunderschönen Blumengestecke und die verzierten Kerzenständer, die auf der Tafel standen ignorierte sie und folgte weiter der Mätresse.

„Aus diesem Grund werden die anderen Töchter Komirs, wie auch sein Erstgeborener nicht, vor Kopf sitzen können. Aber da Chestaine und ich ebenfalls an der Längsseite sitzen werden, werden sie es nicht als Beleidigung auffassen.“

Beide Frauen gingen weiter die lange Tafel entlang. Luca schaute sich jeden gedeckten Platz genauestens an und fand überall Kleinigkeiten zum Verbessern. Sei es eine Gabel, die etwas schief auf der Serviette lag, oder ein Krug der nicht genau mittig stand. Alles musste perfekt sein.

„Lady Luca?“, kam ein Mann auf sie und Luca zu und verbeugte sich hastig.

Es war Ploras. Alora kannte den Mann schon länger. Damals, als sie noch in der Küche als Aushilfe gearbeitet hatte, war er ihr Meier. Ähnlich wie Hollu hatte er nie einen Geheimnis daraus gemacht, was er von einem Bauernmädchen hielt, das plötzlich in der Feste auftauchte und dort auch arbeiten sollte.

„Alora“, nickte er kurz, als er sie sah und dann sofort ignorierte.

Noch mehr als die Tatsache, dass ein Bauernmädchen plötzlich in seiner Küche arbeitete, störte es ihn, dass genau dieses Mädchen plötzlich das Zimmermädchen der Mätresse wurde und damit sogar noch im Rang über ihm stand.

„Ploras“, lächelte Alora zurück. Es war nicht mal gestellt.

„Ah, Ploras. Ist alles bereit?“, begrüßte Luca den hakennasigen Mann.

„Selbstverständlich, MyLady. Zur Versorgung der hohen Gäste haben wir das Beste aufgeboten, was die Lager hergaben.“ Alora hatte die eingebildete nasale Stimme des Küchenchefs noch nie gemocht. „Zwanzig Fässer Bier und Wein wurden aus den Kellergewölben nach oben geschafft und warten nur darauf angestochen zu werden. Für das leibliche Wohl haben die Schlachter zwei Rinder, drei Schweine und zehn Gänse geschlachtet, die kurz vor der Vollendung stehen.“

„Und für die Männer, die draußen im Hof feiern werden?“, fragte Luca weiter.

„Heiße dicke Eintöpfe und Unmengen an Bier und billigem Wein.“

„Bestens,“ schenkte Luca dem Küchenchef eines ihres seltenen Lächeln. „Ihr könnt dann gehen.“

„MyLady,“, verneigte er sich. „Alora“, nickte er nur wieder kurz, drehte sich und verschwand aus dem Thronsaal.

„Damit scheint alles fertig zu sein. Knapp, aber wir haben es Geschafft“, sagte Luca und atmete erleichtert durch. „Dann wollen wir mal zu schwierigen Teil übergehen.“ Ihr Lächeln war wieder verschwunden.

„MyLady?“, schaute Alora die Mätresse fragend an.

„Nichts, nichts“, winkte diese ab.

„Verzeiht MyLady“, kam ein Drachenkopf durch den Thronsaal gerannt und blieb atemlos vor Luca stehen. „Die Cent sind da. Euer Gnaden König Refle wünscht Eure Anwesenheit im Hof der Feste.“

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