Wir werden unterbrochen. Maren zieht mich am Arm.
»Komm, Jens, wir wollen tanzen!«
Ich ignoriere die Vereinnahmung durch das »wir« und lasse mich auf die hölzerne Tanzfläche ziehen. Spätestens nach zwei Discofox bin ich raus aus dem Thema »Kirche«. Der zweite ist eigentlich ein Salsa, aber diesen flotten Tanz beherrsche ich nicht mehr. Maren meckert mit mir und erinnert mich an den Tanzkurs, den wir zu Beginn unserer Beziehung gemeinsam besucht haben. Schon damals war ich leider vor allem linksfüßig unterwegs. Wir haben keine Lust mehr und ersparen uns den Quickstepp, den die Band nun präsentiert.
Ach ja, die Band. Nicht nur der Name, auch die Typen passen zur Musik. Der Keyboarder mit Schlapphut und im Lodenmantel ist gekleidet wie ein Schäfer aus der Heide, der Gitarrist mit Tirolerhut und Lederhose wie ein bayrischer Jodelkönig und die Schlagzeugerin mit Heidekranz auf dem Kopf und einem böhmischen Trachtenkleid symbolisiert die Verbindung vom Egerland im tschechischen Grenzgebiet und Lüneburger Heide. »Egerländer Heidjer«, international in Sachen Schlager und Volksmusik aufgestellt, könnte man sagen.
Am Stehtisch schenkt mir Axel sofort einen Korn ein.
»Komm, Kumpel, stärke dich erst einmal. Hast eben einen etwas geschwächten Eindruck gemacht.«
Das Thema »Kirche« ist während meiner kurzen Abwesenheit ad acta gelegt worden. Nun geht es um das verheerende Hochwasser in West- und Süddeutschland. Niemand glaubt, dass so etwas auch hier bei uns in der Heide passieren kann.
»Allerdings könnten uns extrem lange und heiße Dürrephasen treffen, Starkregen kann viele Ackerflächen samt Getreide wegspülen und Tornados können ganze Dörfer und Städte zerstören. Also sagt nicht, bei uns kann nichts passieren!«
Enno hat damit sicher recht. Am Ende einer längeren Diskussion einigen wir uns darauf, dass es wohl doch am bereits erwärmten Klima liegt. Wir wollen auf weitere Bratwürste verzichten, lästern über Gerds SUV und meinen uralten Golf und kommen dann auf das Thema Photovoltaik, die Windräder, viel zu große gelbe Tonnen für Plastikmüll und völlig überflüssige Reisen nach Mallorca.
Die Tanzphase ist inzwischen vorbei, die »Egerländer Heidjer« machen immer längere Pausen und die Hälfte der Feiernden ist bereits gegangen. Gerade verhandeln wir das Thema Elektromobilität. Axel kann das Wort allerdings inzwischen nicht mehr richtig aussprechen. Er spricht, nein er lallt, deshalb etwas von »Stromautos« und »Stromkrise«. Er steht eben unter Strom.
Im Augenwinkel bemerke ich bereits etwas länger, dass ein junger Mann immer wieder zu unserem Tisch herüberschaut. Ich kenne ihn vom Sehen. Er arbeitet auf einem Gutshof ganz in der Nähe. Auch er hat inzwischen diverse Bier und Korn intus, scheint aber recht trinkfest zu sein. Zwei seiner Kumpels am Tisch grölen lautstark mit: »Ein Bett im Kornfeld ...« Vielleicht lieben besonders Landwirte diese Bierzelthymne.
Der Jungbauer indes steht still da. Irgendetwas blockiert ihn, in die Trinklieder seiner Freunde einzustimmen.
Überraschend taucht Maren plötzlich neben mir auf. Zeitgleich stößt Geralds Frau ihrem Mann in die Rippen.
»Männer, es ist Zeit. Wir gehen.«
An besagtem ersten Mai dieses Jahres haben wir Männer unseren Abgang zu genau diesem Zeitpunkt verpasst. Es gab später mächtig Ärger. Folglich habe zumindest ich beschlossen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Nun ist das nächste Mal. Maren schmiegt sich an meine Schulter.
»Jens. Ich will nach Hause. Es ist fast ein Uhr.«
Ich nicke. »Nur noch eben das Bier austrinken.«
Sie bleibt neben mir stehen. Auch Gerald löscht seinen letzten Brand unter ehelicher Kontrolle. Wir verabschieden uns von den anderen.
»Aber ihr wollt doch noch nicht gehen? Wir haben ja gerade eben erst vorgeglüht!«, lallt Axel.
»Du hast gut Reden, Axel. Wer wie du als Single lebt, kann selbst entscheiden. Die beiden sind aber mit ihren Frauen hier. Da hat die Nacht ein Ende!«
Enno provoziert mit seinen angeblich mitfühlenden Worten natürlich ganz bewusst unseren Widerstand.
»Blödsinn!«, meint Gerald. »Auch wenn man verheiratet ist, bestimmt man über sich und seine Zeit immer noch selbst!«
Ich merke, worauf er hinauswill. Für einen Moment erwäge auch ich meine männliche Gegenwehr zur weiblich verordneten Nachtruhe. Dann jedoch setzt sich mein zweites Ego durch. Ich habe keine Lust auf tagelanges Schmollen und immer wieder diesen Abend aufs Brot geschmiert zu bekommen.
Also zieht Geralds Frau an dem einen und ich an seinem anderen Arm.
»Komm, Gerald, denk’ an den Fehler von damals!«
»Welchen Fehler? Ach so ...« Vermutlich meint er eher den Kater vom letzten Mal. Mehrfach versichert er unseren Kumpeln, dass er nur ungern mitgeht, aber beim nächsten Mal zu ihnen steht. Dann sind wir draußen vor dem Zelt.
»Jens Jahnke?«
Der junge Mann vom Nachbartisch ist uns nachgegangen. Er ist ein schlanker, braungebrannter Typ, dem man ansieht, dass er auch schwere Arbeit nicht scheut. Seine blonden Haare trägt er lang, gekleidet ist er mit schwarzer Jeans, hellblauem Hemd und einem dunklen Leinensakko. Ein sympathischer Bursche.
»Ja.« Ich bleibe stehen und bremse unseren Tross aus.
»Sie sind doch der Reporter?«
»Ja, aber im Moment gewissermaßen außer Dienst.«
»Ich hatte gehofft, Sie haben noch etwas Zeit für mich.«
»Und Sie sind ...?«
»Oh, sorry. Ich bin der Sohn vom alten Heimfeld. Sie wissen vielleicht, der Hof im Nachbardorf, der mit den Eichen und der Feldsteinmauer.«
»Darf ich vorstellen«, lallt Gerald mit übertrieben charmanter Handbewegung, »Fabian von Heimfeld.«
Die Einheimischen kennen sich natürlich.
Fabian nickt. »Ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen.« Ich spüre ihm ab, dass ihn diese Bitte viel Mut kostet. Vielleicht hat er den ganzen Abend gebraucht, sich diesen Mut anzutrinken.
»Warum wollen Sie mich sprechen?«
»Weil, weil mir etwas geschehen ist, was Sie vielleicht auch gerne wissen wollen.« Er stottert etwas.
Maren und die anderen beiden sind bereits einige Schritte weitergegangen. Ich spüre, dass ich diesen jungen Mann jetzt nicht einfach abwimmeln sollte – selbst wenn es später Ärger gibt. In betrunkenem Zustand mit ihm reden will ich allerdings auch nicht. Doch er hat mich neugierig gemacht.
»Also haben Sie etwas für die Zeitung?«
»Vielleicht. Vor allem brauche ich Ihre Hilfe. Sie sind doch der Journalist, der damals Oliver Bender geholfen hat, und dieser jungen jüdischen Mutter und Kerstin und Jonas?«
Der Mann hat ganz offensichtlich intensiv verfolgt, was ich in den letzten Jahren so getrieben habe. Trotzdem sind weder er noch ich heute Nacht in der Lage, sein Anliegen zu klären.
»Sie haben sich über mich informiert?«
»Die Geschichten kennt hier jeder. Da muss man sich nicht informieren. Aber meine Geschichte kennt noch niemand, jedenfalls niemand, der mir glaubt.«
Ich werde immer neugieriger.
»Worum geht es denn?«
Er will noch nicht heraus mit der Sprache.
»Nur wenn Sie sich Zeit nehmen, kann ich alles erzählen.«
Ich entscheide mich. Vernunft gegen Neugier.
»Okay. Ich besuche Sie morgen Vormittag gegen zehn Uhr. Dann reden wir über alles, versprochen! Ich komme – aber Sie sagen mir schon jetzt, worum es geht.«
Er überlegt einen Moment.
»Gut. Ich vertraue Ihnen. Um es kurz zu machen: Ich habe einen Schatz gefunden, zwei Säcke mit Gold.«
Mir verschlägt es die Sprache. Der Mann hat zu viel getrunken. Oder ich.
»Sie haben einen Goldschatz gefunden? Ein Scherz, oder?«
»Leider nicht. Der Schatz ist wieder weg. Ich bin einfach nur ein Idiot!«
Nun kommt mir dieser Fabian doch ein wenig betrunken vor. Schatz hin und Gold her – wir reden morgen darüber.
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