Zum Tanzabend mit den »Egerländer Heidjern« bin ich dann wieder fit. »Danz op de Deel« mit Bratwurst, Schnaps und Bier – für viele im Dorf ist das der Höhepunkt einer jeden Feier, und wenn schon Einheit , wo sonst sollte sie so intensiv und körperlich erlebt werden wie an der Theke und auf der Tanzfläche? Klar, dass Maren und ich nachher dabei sein werden! Ich nehme mir fest vor, heute Abend weniger zu trinken als etwa beim Maibaumpflanzen. Damals, am ersten Mai, begleitete meinen peinlichen Absturz dieselbe Band.
*
Mit einem Teller heißer Erbsensuppe auf dem Schoß sitzen Maren und ich auf einer Bank mit Blick auf Kirche und Wiese am Tagungshaus. Es ist wegen des Windes nicht besonders warm, aber die Sonne scheint. Ein »goldener Oktober« hat uns begrüßt. Kalte Nächte, sonnige Tage. Die Birken verlieren bereits ihre Blätter, das Grün der anderen Bäume verwandelt sich in gelb, rot und braun. Nur die Eichen trotzen noch dem herbstlichen Wandel.
Auf der Wiese wuseln Kinder herum. Sechs Jugendliche nutzen den Volleyballplatz und pritschen oder baggern einen hellroten Ball über das Netz. Familien belagern die aufgestellten Biertischgarnituren und löffeln wie wir ihre Suppe. Einige ältere Damen bilden einen Halbkreis, stützen sich auf ihre Gehhilfen und beobachten das Treiben vor sich. Es sind Bewohnerinnen der kleinen Seniorenresidenz in unserem Dorf. Fast jeden Tag spazieren sie mit ihren Rollatoren im Dorf herum.
Maren isst ihre Suppe und klönt nebenbei mit zwei Frauen vom Kindergottesdienstteam. Wegen des Nachmittags gibt es noch manches zu verabreden.
Ich beobachte die Menschen um mich herum. Das mache ich gerne, erzählen sie mir doch allein durch ihr Aussehen und Verhalten manch interessante Geschichte. Durch die lichten Büsche sehe ich viele PKW, abgestellt rund um die Kirche. Endlich mal wieder volle Parkplätze! An Sonntagen in Coronazeiten standen hier nur einzelne Autos, wenn überhaupt.
Am Haus gegenüber der Kirche hält ein hellgrauer Mercedes. Er fällt mir auf, weil ich selbst einmal eine solche Limousine der E-Klasse gefahren bin. Die Beifahrertür öffnet sich und ein Mann steigt aus. Er passt nicht richtig zum Publikum dieser kirchlichen Veranstaltung. Der etwa Dreißigjährige ist klein, drahtig und entweder sportlich oder militärisch durchtrainiert. Er trägt eine enge Jeans, ein offenes gelbes Hemd und eine schwarze Lederjacke.
Sich suchend umsehend kommt der Mann über die Straße auf das Gelände vom Tagungshaus. Jetzt bewegt er sich er in meine Richtung. Haare und Bart des Mannes wirken gepflegt. Er trägt eine goldene Kette um den Hals und eine Tätowierung auf beiden Handrücken. Es wirkt, als suche der Mann jemanden. Zweimal spricht er Gäste an. Beide schütteln mit dem Kopf.
Allerdings scheint sich der Mann nicht besonders wohl zu fühlen. Nach kurzer Zeit verschwindet er wieder in Richtung Mercedes. Er öffnet die Beifahrertür, spricht mit dem Fahrer, steigt ein und der Mercedes fährt davon. Ich überlege, ob ich die beiden Gäste, mit denen der Mann geredet hat, frage, worum es ging. Aber Maren stößt mich an.
»Jens, bringst du bitte die leeren Teller weg? Ich muss gleich zum Kinderprogramm.«
Klar doch. Besonders Journalisten kümmern sich ums schmutzige Geschirr der Gesellschaft! Ich sammle noch die Teller bei der Rollatortruppe ein und bringe den Stapel zur Küche. Dari, eine von zwei Auszubildenden, schaut zögernd aus der Tür, so als wolle sie nicht hinaus. Ich drücke ihr den Stapel Teller in die Hand und bedanke mich.
»Ihr macht einen echt guten Job!«, rufe ich ihr zu. Sie nickt und verschwindet in der Spülküche. Seltsam. Normalerweise ist Dari zwar still, wirkt dabei aber fröhlich und selbstbewusst. Nun jedoch scheint ihr etwas auf dem Herzen zu liegen – oder sie ist einfach nur müde und gestresst.
*
Inzwischen »boxt der Papst«, wie Enno es gerne ausdrückt. Enno ist Chef der Freiwilligen Feuerwehr von Himmelstal. Er löscht Brände. Heute geht es um einen besonders lebensbedrohlichen Brand. »Durst« nennen wir ihn. Gemeinsam gehen wir ans Werk: Enno Diekmann und Gerd Meyer von der Feuerwehr, unser Nachbar Gerald Tönnies, Sportwart Axel Kuhlmann, Tagungshausleiter Theo Beyer und ich, Jens Jahnke, Journalist und Reporter vom Käseblatt.
Ohne es zu wollen, hat sich dieser erlauchte Kreis Gleichgesinnter an einem runden Stehtisch vor der Theke eingefunden. Unsere Frauen sitzen mit anderen Frauen am Tisch und sprechen über ... na, ich vermute Kinder, Männer und Klamotten. Wobei das natürlich ein Klischee ist. Meine liebe Maren diskutiert auch gerne über alles, was mit Menschen, Beziehungen und Gesundheit zu tun hat – und was hat nicht damit zu tun? Bei uns in der Männerrunde geht es um Autos, die große Weltpolitik und, man staune, um die Kirche. Theo hatte soeben ganz nebenbei gemeint, dieser Tag mache ja deutlich, dass die Kirche mitten im Leben steht.
»Wir beten, wir sprechen über Lebensträume, es gibt gut zu Essen, wir kümmern uns um die Kinder, hören flotte Musik und jetzt wird gefeiert, bis der Morgen graut. Dieser Tag ist doch Beweis genug! Wir von der Kirche verstehen etwas vom Leben!« Theos blaue Augen strahlen. Der Mittvierziger reibt sich den Dreitagebart, schmunzelt und prostet uns zu.
Gerd brummt irgendetwas vor sich hin.
»Gerd, sag’s ruhig laut. Wir von der Kirche sind Kritik gewohnt. Selbst Jesus musste sich schon manches anhören.«
Der kurz vor der Rente stehende KfZ-Mechaniker lässt sich das nicht zweimal sagen.
»Mag sein, dass ihr hier irgendwie aus dem kirchlichen Rahmen fallt und anders seid. Aber schau doch deine Kirche mal kritisch an. Ihr predigt und fuchtelt mit dem moralischen Zeigefinger herum wie mit einem Schwert, aber die Aufarbeitung von Missbrauch verhindert ihr. Und die Pfarrer lassen den Gutmenschen heraushängen. Wie viel Geld unserer Kirchensteuern ihr in Aktienpakete, überflüssiges Personal und Gebäude steckt, statt den Armen zu helfen, will ich gar nicht wissen. Vom Papst mal ganz abgesehen ...«
Je länger er redet, desto mehr regt sich Feuerwehrmann Gerd auf. Er hat schon jetzt ein paar Brände zu viel gelöscht.
Theo kontert wie erwartet: »Du verwechselst da was. Wir hier sind nicht katholisch. Wir sind evangelisch. Seit der Reformation vor über fünfhundert Jahren gibt es bei uns keinen Papst und auch kein Zölibat.«
»Aber Missbrauch hat es in evangelischen Heimen und sogenannten Erziehungsanstalten auch gegeben.« Enno nimmt Gerd in Schutz. Feuerwehrkameraden halten eben zusammen. Wobei auch Theo in der Feuerwehr aktiv ist. Er hat sich sogar in diversen Fortbildungen besonders qualifiziert und wird von den Kameraden deshalb hochgeachtet.
»Stimmt«, gibt er nun zu, »auch bei uns passiert eine Menge Mist. Kirche ist eben immer auch eine Institution mit eigenen Regeln und starren Gewohnheiten. Aber Martin Luther hat uns damals doch auf eine andere Spur gesetzt.«
»Die Spur der großen Worte, Predigt und so. Das ‚Wort’ als Gottes scharfes Schwert. Ein Konfirmandenunterricht, wo man mehr auswendig lernen muss als während der gesamten Schulzeit, nein danke. Viel besser als die katholische ist die evangelische Kirche auch nicht!«
Ich staune, befasst sich doch Enno mit dem Thema Kirche offenbar heute nicht das erste Mal. Er weiß gut Bescheid und scheint sich sogar mit der Reformation auseinandergesetzt zu haben. Theos Argumentation muss er allerdings oft zustimmen. Der Leiter des Tagungshauses ist uns allen in theologischen Fragen überlegen.
»Wenn man die Reformation auf die Trennung von der katholischen Kirche reduziert, hat man sie nicht verstanden. Luther ging es zuerst um die innere Befreiung des Menschen und um unser Gottesbild. Erst als Konsequenz daraus hat er in seinen 95 Thesen Veränderungen in der Kirche gefordert.«
»Das mag ja stimmen. Trotzdem ist die Trennung der Konfessionen ein längst überholtes Relikt aus dem Mittelalter. Was damals unbedingt nötig war, macht heute aus meiner Sicht die Christen unglaubwürdig.« Enno lacht jetzt triumphierend. »Das hat doch unser Pastor vorhin auch gesagt! Und mal ehrlich, wenn sogar die deutsche Einheit möglich war und immer besser funktioniert, dann müssten wir Christen es mit der Einheit von Kirche doch auch langsam auf die Reihe kriegen!«
Читать дальше