Meisterlich war verwirrt. Das war doch keine Frage. Oder verstand er sie nur nicht? Unbehagen machte sich in ihm breit. Wie sollte er reagieren? Sollte er überhaupt reagieren? Nein, beschloss er. Was sollte er auch sagen? Das Beste war, still zu sein. Zrak ging noch eine Weile neben dem Wagen her und stierte auf Meisterlich. Irgendwann jedoch verstand er, dass er hier keine Antwort bekommen würde. So begab er sich in die Mitte des Trupps, marschierte jedoch für sich allein weiter. Mit erleichtertem Aufatmen sackten die Schultern des alten Händlers ein wenig ab, als er sich aus dieser unangenehmen Situation befreit sah.
Im Laufe des Vormittags wurde der Wind ein wenig stärker, die Luft rauer. Die Straße blieb unverändert. Immer wieder knarrte der Wagen, als er einen Stein überwand. Als die Sonne ihren Zenit erreicht hatte, trat Mauran Falkenflug an Garantors Seite.
Bei ihm angekommen, richtete er seinen Blick nach unten, hin zum Zwerg. „Seht“, sagte der gut gekleidete Mann und zeigte mit der Rechten in nordöstliche Richtung.
„Hmmm ...“, erwiderte Garantor, während er den Horizont in der angegebenen Richtung mit den Augen absuchte. Schnell hatten seine scharfen Zwergenaugen das Ziel ausgemacht. In der tiefen Stimme Garantors schwang ein leicht besorgter Unterton mit, als er sprach: „Verdammt ... das ist Brand. Er rennt in unsere Richtung und hat kein Wild bei sich. Das könnte Ärger bedeuten.“
Mauran antwortete: „Ich kann ihn noch kaum erkennen, doch in der Tat, dieser unstete Lauf mag von Unannehmlichkeiten künden …“
Brand hatte schon viele Mondwechsel gezählt, war aber noch immer erstaunlich behände. Bald hatte er das Lager erreicht. Der Trupp blieb stehen, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Ein wenig außer Atem, fing er an zu berichten: „Direkt auf der Straße ... ein Trupp Menschen nähert sich. Sie haben mich nicht gesehen. Es sind mindestens dreißig Mann, alle bewaffnet.“
Mauran wandte sich knapp an Garantor: „Ein Risiko! Was obliegt uns zu tun?“
Der Zwerg strich sich mit der Hand über den Bart und blinzelte nach Norden. „Kann sie noch nicht erkennen. Sind wahrscheinlich eh Händler.“
Mauran erwiderte: „Bedenkt die Möglichkeit einer Falle. So mancher Räubertrupp bedient sich derlei Spielereien.“
Mit dem üblichen Geschepper trat Cebrid vor und ergriff das Wort: „Reicht die Zeit für einen Umweg?“
Brand schüttelte den Kopf. Gleichzeitig brüllte Brube von hinten: „Ach, mein kleiner Bruder wieder, hehe. Brauchst keine Angst zu haben! Ich pass‘ ja auf dich auf.“ Der Riese grinste breit bei dieser Spöttelei, schnallte seine Hellebarde vom Rücken und marschierte demonstrativ zu seinem Bruder. Cebrid kniff nach Brubes Aussage Augen und Mund zusammen, um seinen Bruder nicht beleidigt anzuschreien.
„Ruhe!!“, wetterte Garantor. „Verdammt ... wenn ich wen brauche der den Chef spielt, meld‘ ich mich!“, schrie er dann im selben Tonfall.
Meisterlich saß unruhig auf seinem Kutschbock und beobachtete angespannt die Ereignisse.
Garantor kam in Fahrt und brüllte mit der vollen Wucht seiner Befehlsgewalt mitten in den Trupp hinein: „Kampfformation! Aber keiner killt irgendwen oder irgendwas, bevor ich es befehle! Ist das klar?! Das ist eine reine Sicherheitsmaßnahme, also dreht hier nicht durch!“
Augenblicklich brachte sich der Trupp in Gefechtsstellung.
Jeder war sich über seine Aufgabe im Klaren. Alles ging schnell und reibungslos vonstatten.
Mauran Falkenflug sammelte die ihm unterstellten Mannen um sich, und bildete den rechten Flügel. Er bezog mit ihnen Position, ungefähr zehn Schritt von Garantor entfernt und einige Schritt nach vorne versetzt. Cebrid formte mit seinen Leuten den linken Flügel. Auch dieser war zehn Schritte entfernt vom Zwerg und ein wenig weiter vorne. Waffen rasselten. Das Stampfen schwerer Stiefel erfüllte die Luft. Meisterlich drehte auf Anordnung Brands seinen Wagen nach Süden und stellte sich zu seinen Maultieren. Die Unruhe in ihm nahm rapide zu. Brand selbst begab sich mit drei Bogenschützen des Trupps auf die Ladefläche des Wagens. Dort knieten er und ein anderer Schütze namens Gaal sich nieder und fingen an, Pfeile vor sich auszubreiten. Die beiden anderen standen hinter jenen, die knieten. Die Köcher gefüllt mit Pfeilen, die Bögen fest in den Händen und den ersten Pfeil leicht aufgelegt. Garantor stand einfach da. Er hatte nichts mehr zu befehlen. Zu seiner Linken stand Brube. Der rammte den Schaft seiner mächtigen Stangenwaffe vor sich in den Boden, wohl nur, um überflüssige Energie abzubauen. Rechts von Garantor stand Zrak, eine schwere zweischneidige Streitaxt aus einfachem Stahl in der rechten Hand. Lautes Schnauben brach konstant aus seinen Nüstern. Des Öfteren trat er mit dem linken Huf hart auf das steinige Erdreich.
Hinter den dreien brachte sich Thef in Stellung. Seinen schwarzen Mantel legte er ruhig über die Schultern. Vom Hals bis zum Becken lief ein breiter Gürtel über seine schmale Brust. Eine hohe Anzahl feinster Wurfdolche aus Zwergenstahl war darin verborgen. Zwei einfache, gekrümmte Stahldolche hingen an der linken und rechten Hüfte.
Die Zeit wollte nicht recht verstreichen. Garantor brüllte über die Schulter hinweg: „Meisterlich! Holt eure Handelsflagge raus und hisst das Ding!“
Erschrocken reagierte der Händler: „Natürlich ... natürlich ...“, pflichtete er hastig bei.
Kurz darauf war der sich nähernde Trupp zu erkennen. Garantor ging zum Wagen und damit zu Meisterlich. Jener hatte seine grüne Flagge auf einem langen, dafür vorgesehenen Holzstock angebracht. „Gut“, sagte Garantor. Ohne weitere Worte nahm er das Banner aus Meisterlichs Händen und ging wieder nach vorne, an seine Position. Verhaltenes Schweigen und grimmige Gesichter prägten das Bild. Einige der unerfahrenen Rekruten fühlten sich sichtlich unwohl und warfen ihren Blick unsicher nach beiden Seiten. Der junge Bloj zitterte gar ein wenig. Er hielt sein Schwert krampfhaft in der Scheide umschlossen. Das konstante metallische Knacken von Schaft und Scheide verriet ihn. Bloj war im Flügel von Cebrid, und stand direkt neben ihm. Cebrid war ein Veteran vieler Schlachten. Väterlich legte er dem Jüngling die Hand auf die Schulter. Er drückte sie leicht, und gab Bloj zu verstehen, dass er nicht alleine war. Jener vergalt es mit einem dankbaren, wenn auch ein wenig gezwungen wirkendem Lächeln.
Der Zwerg brummte in seinen Bart. Zrak blickte ihn fragend an. Als keine Antwort kam, fragte er schließlich: „Nun?“
Garantor murrte erneut und antwortete dann: „Hmmm ... entweder die sehen uns nicht, oder sie wollen sich nicht als Händler ausweisen.“
Zrak schnaubte laut und entgegnete mit erstaunlicher Gelassenheit: „Gib ihnen Zeit. Sie verfügen nicht über die Schärfe deiner Augen.“ Für ihn schien es einerlei, ob es einen Kampf auf Leben und Tod geben würde, oder nicht.
Es dauerte nicht lange, bis alle den sich nähernden Trupp erkennen konnten. Meisterlich zitterte ein wenig, stand unruhig da und stierte nach vorne. Garantor drehte sich um und sprach bestimmt: „Sie haben die Handelsflagge gehisst!“
Entschlossen stand der Zwerg da. Nichts konnte ihn wirklich beunruhigen. Dafür hatte er schon viel zu viel erlebt. Auch Meisterlich hatte in den vielen Jahren als Händler so seine Erfahrungen gemacht. Dennoch stellte er nun das genaue Gegenteil zu dem entschlossenen Zwerg dar. Schnell atmend und zitternd ging er zu ihm und zusammen schritten sie nun aus, in Richtung des anderen Trupps. Langsam, ohne Hast.
Ihnen direkt gegenüber, näherten sich zwei Personen. Würde sich alles als korrekt herausstellen, waren es der Händler und der Söldnerführer des anderen Trupps.
„Alles klar?“, fragte Garantor seinen Auftraggeber, während er von den Lederschlaufen an seinen Schenkeln seine Kriegsaxt und den Streitkolben feinster zwergischer Machart löste. Der alte Händler zitterte immer noch, schaffte es jedoch, sich zu Garantor zu wenden und zu nicken.
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