Böse feixte Gror. Seine Augen waren geschlossen, sein Geist fixiert auf das zu vollbringende Werk. Er hielt sich nicht lange mit der Gestaltung seines Landes auf und verschwendete lediglich wenige ungenaue Gedanken daran. Es war ihm egal wie das Land aussehen würde. Er wollte nur eines: riesige Wesen, voller Kraft und Brutalität. Hass, so unnachgiebig wie grundlos, Mordlust und Gier nach Fleisch, sollten ihr einfaches Denken bestimmen. Hier konnte er mächtig sein. Durch seine Kreaturen konnte er Gewalt und Morde begehen, die seinen Hass befriedigen würden. Seine Brüder würden ihn verachten, für das was er ihrer gemeinsamen Welt antat. Ein herrlicher Gedanke, war Verachtung doch viel leichter zu ertragen als das Mitleid das sie, die Gesunden, für ihn, den Geschundenen, empfinden mussten. Nach getanem Werk sah er auf, und blickte seine Brüder und seinen Vater an. Sie würden ihm heute zum letzten Mal mit Mitleid begegnen.
Naar brütete die ganze Zeit in seinem Geist über allen möglichen Unfug, den er in diesem Spiel vollbringen konnte. Seine Brüder hatten ihre Gedanken gewirkt. Nur noch er war übrig. Er überlegte, kam jedoch zu keiner Entscheidung. Wahrlich, längst war Zeit genug verronnen, um sein Volk zu ersinnen. Dennoch war er zum Zeitpunkt, an dem er seine Gedanken wirken sollte, so weit wie er war, als Gott seine Söhne um sich sammelte und ihnen zum ersten Mal von der zweiten Welt berichtet hatte. Das Bild der ersten Welt erschien vor seinem inneren Auge. Naar sah die Bäume, die Menschen und den ganzen Planeten vor sich. Er wollte manche Elemente daraus entnehmen und in sein eigenes Land einbauen. Wollte sie mit irgendwelchen lustigen Dingen ergänzen, wollte Menschen mit riesigen Nasen und Ohren ersinnen, oder mit viel zu kurzen Beinen, oder sonst irgendwas. Wollte er in ihren Geist irgendwelche Flausen pflanzen, oder sie doch nur blöd grinsend durch die Welt toben lassen? Naar konnte sich nicht entscheiden. So sann er hin und her und mehr zurück als vor. Irgendwann vernahm er dumpf in seinem Geist Arans Stimme. Sie war sorgenschwer und mahnte ihn zur Eile. Gott konnte diesen riesigen Energiefluss nicht ewig aufrechterhalten. Das war sogar Naar verständlich, wiewohl es in seinem Leben wenig Verständliches gab.
Hektik befiel ihn. Panik. Mit dem Bild der ersten Welt in seinem Geist, riss er die Augen auf, um zu sehen ob mit seinem Vater alles in Ordnung war. Sein kindgleicher Geist, so unbedacht wie emotionsgeladen, beschwor die Katastrophe hervor. Gott schrie auf und sackte auf die Knie, während gewaltige Energien durch ihn auf die zweite Welt niederfuhren, um sie nach Naars Gedanken zu gestalten. Viel zu klein war das Land, viel zu riesig die Kopie der ersten Welt. Gewaltige Erdmassen bildeten sich. Berge, Seen, Sümpfe und unendliche Risse in der Erde. Mit brachialer Gewalt zerrütteten Erdbeben die sich bildenden Landmassen. Menschen sprudelten wie Regentropfen auf die im Entstehen begriffene, aber schon gebrochene Welt nieder. Viele schon tot, oder lebend, nur um den Naturgewalten zu unterliegen und qualvoll zu sterben. Das alles geschah innerhalb kürzester Zeit. Naars Land war im Bestehen begriffen, doch plötzlich hörte die Schöpfung auf. Nichts bildete sich mehr. Nur die Erdbeben verwüsteten weiterhin die Landmassen. Die Energie wich aus Gottes Körper. Wenige Augenblicke kniete er noch da, mit weit aufgerissenen Augen, leblos, ausgehöhlt durch die Macht, welche er nicht mehr in der Lage war, zu lenken. Dann klappte er nach vorne, schlug mit dem Gesicht auf.
Stille.
Naar wimmerte lautlos. Er verstand nicht, was passiert war. Sogar Gror blickte verdutzt und stumm auf die Leiche seines Vaters. Rache war süß, aber das hatte er niemals erwartet. Er musste erst noch begreifen, dass er einen Sieg errungen hatte. So krank und grotesk dieser auch sein mochte. Aran zerriss das Schweigen, schluchzte und weinte um seinen Vater. Er ging zu ihm, drehte ihn auf den Rücken, nahm seinen Kopf in die Hände, klagte um ihn und um sich selbst. Gomod blieb ruhig. Er war schon die ganze Zeit über verwirrt, nun halb paralysiert. Jetzt sah er Gott an. Sah seinen Mund so weit offen wie seine Augen, wie er auf und ab wiegte in Arans flehenden Händen.
„Das Werk ist vollbracht!“, sprach er stockend, fast emotionslos und fragte sich gleichzeitig, was er damit eigentlich sagen wollte.
Der Händler und seine Söldner
Kapitel 1
Die letzten wärmenden Strahlen des Tages legten sich über das saftige Gras der Hügel, nördlich von Naars Zweifel. Gesunde, vor Kraft strotzende Pappeln säumten den einfachen Fuhrweg zur Linken, in den Blättern schon den ersten orangen Schimmer des Herbstes. Die nördlichsten Getreidefelder der Menschenstadt verschwanden gerade hinter der zuletzt überwundenen Anhöhe. Ein ängstliches Feldkaninchen huschte zur Seite, als es dem sich nähernden Lärm gewahr wurde. Das konstante, monotone Rasseln von Kettenhemden, Plattenpanzern und klirrenden Waffen erfüllte die Luft rund um den Trupp von gut fünfundzwanzig Mann, die müde vor sich hin marschierten. In ihrer Mitte fuhr ein Wagen, quietschend und knarrend. Zwei Maultiere zogen schwer schnaufend das Gefährt.
Der Wagen selbst war aus einfachem, wenn auch solidem Eichenholz gefertigt. Der Händler Meisterlich saß auf dem Kutschbock und stierte ins Nichts, auch er müde vom langen Tag. Er drehte sich kurz um und schaute auf die offene Ladefläche. Die wertvolle Ladung war immer noch dort, wo er sie vor zwei Tagen in Naars Zweifel verstaut, mit Wolfsfellen bedeckt und mit geflochtenen Kuhlederbändern festgezurrt hatte. Es war schon fast zu einem Ritual geworden, sich umzudrehen. Meisterlich versicherte sich andauernd vom Vorhandensein seiner Fracht. Die grauen Haare wehten ihm in die Augen. Er strich sie stets mit der Linken zur Seite. Meisterlich war alt geworden und diese anstrengende Reise ließ ihn noch älter wirken. Vor gut zwei Mondwechseln war er von Naars Zweifel aus nach Westen in Richtung Rekars Ehr aufgebrochen. Der angeheuerte Söldnertrupp brachte ihn sicher zu den Zwergen. Dort machte er gute Geschäfte, denn er erwarb eine beträchtliche Anzahl an feinsten Schwertern und Äxten aus hartem Zwergenstahl. Auch die Rückreise nach Naars Zweifel verlief gut. Fast zu gut. Dies war Meisterlichs letzte Handelsreise. Er wollte nach Hause, nach Salzheim. Er wollte endlich seine Frau, seine Tochter und seine Freunde wiedersehen.
Es gab bis jetzt nur einen einzigen Überfall. Nichts wirklich Bedrohliches. Ein kleiner Trupp schlecht bewaffneter Räuber hatte ihnen aufgelauert und war wenige Augenblicke später geflüchtet. Noch nicht einmal einen Oger hatte er in den vergangenen drei Mondwechseln gesehen. Und das, obwohl er mitten durch die Toten Sümpfe gezogen war. Dies war nicht nur die letzte, sondern auch die wichtigste Handelsreise seines Lebens. Noch nie waren so viele Goldmünzen im Spiel wie dieses Mal. Die Vorstellung, dass alles so einfach verlaufen würde, machte ihn unruhig. So einfach konnte es nicht sein. Nicht in diesen Zeiten.
Durch eine leichte Linkskurve wollte der Weg nun um eine kleine Anhöhe herumführen. Die Schatten wurden immer länger. Die Nacht würde bald hereinbrechen. Der Zwerg, ein äußerst ruhiger, gleichwohl besonnener Mann, welcher den Trupp anführte, hob die Hand ohne sich umzudrehen und rief: „Halt!“
Verwundert knurrend kamen die Männer zum Stehen. Meisterlich hielt seinen Wagen an und blickte auf. Mit zusammengekniffenen Augen sah er nach vorne, konnte aber nicht mehr erkennen, als dass sich sein besoldeter Anführer mit einem seiner Gefolgsleute unterhielt. Wenig wurde gesagt, dann kurz genickt. Der Zwerg drehte sich zu seinen Männern und brüllte mit tiefer Stimme: „Wir lagern auf dem Hügel. Scheint der sicherste Platz weit und breit. Alle an ihre Aufgaben, und das nicht zu langsam! Cebrid! Warte! Nimm dir zwei Mann und hilf dem Händler, seinen Wagen auf den Hügel zu bringen. Die Maultiere haben genug geschunden.“
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