Die Lehmanns hatten Siripong und Su schon ein paar Mal nach Bang Pa In eingeladen. Einmal hatten sie alle gemeinsam den dortigen königlichen Schlosspark besucht, wo Su ihnen den schönen Palast zeigte, den die chinesischen Kaufleute, darunter auch ihre Vorfahren, vor hundert Jahren dem König geschenkt hatten. „Heute würde man so etwas Korruption nennen“, sagte sie etwas verlegen. Die jungen Leute hatten das rüstige und lebenslustige alte Ehepaar schätzen gelernt. Sie wussten, dass sie die beiden als nächstes zu sich einladen mussten, aber wie die meisten Thais scheuten sie sich, in ihrem Haus Gäste zu empfangen.
Wolf Lehmann war genau der richtige Tipp, und Siripong dankte seiner Frau für die gute Idee. Schon am nächsten Tag war der Deutsche bei ihm im Büro und erläuterte ihm die Schaltbilder auf dem Monitor mit den vier auf der ganzen Welt ähnlichen Netzebenen:
1 das vermaschte 230-kV-Transportnetz mit den Kraftwerken und den großen Umspannstationen,
2 die teils vermascht, teils strahlenförmig geschalteten 69-kV-Übertragungsnetze mit den vielen Umspannstationen zur Mittelspannung und einer Reihe von Großkunden,
3 die strahlenförmig betriebenen 11-kV-Mittelspannungsnetze auf den Straßen für die meisten größeren Kunden und zu den Netztransformatoren,
4 die von diesen gespeisten kleinen Niederspannungsnetze zur Versorgung von Kleingewerbe und Haushalten.
Die Struktur des Bangkoker Netzes war ihm weniger geläufig. Er erkannte den 230-kV-Ring der Erzeugungs-und Transportgesellschaft Transco mit zwei Kraftwerken und zahlreichen Einspeisungen von außen und das davon gespeiste, kräftige Übertragungsnetz in der Stadt.
„Wo würden Sie ansetzen, um einen Blackout zu bewirken?“, fragte Siripong ganz direkt. „Lokal oder in der ganzen Stadt?“, war Wolfs Gegenfrage „Lassen Sie uns beides betrachten“, meinte Siripong. „Wenn man lokal etwas erreichen will, muss man das Mittelspannungsnetz in der betreffenden Umspannstation angreifen“, begann Wolf zu dozieren. „Das geht sehr lokal über den betreffenden Abzweig, also recht einfach mit einem Stück Draht über die Leitung auf der Straße. Für einen größeren Bezirk muss man den speisenden Transformator auslösen. Dazu muss man in die Umspannstation einbrechen und einen Draht über die Anschlussschienen werfen oder ihn direkt über den Schutz ausschalten. Doch die Landesgesellschaft hat Personal in allen Stationen.“ „Was heißt ,Schutz’?“, wollte Siripong wissen.
„Jede Netzkomponente, ob Leitung, Transformator oder Sammelschiene ist mit einem elektronischen Gerät ausgestattet, das sie bei einem Kurzschluss allseitig ausschaltet, genau so wie bei Ihnen zu Hause die Sicherung. Aber man kann auch ohne Fehler von hier aus eine Auslösung herbeiführen.“ Siripong hatte schon eine neue Frage: „Was ist eine Sammelschiene?“ „Schauen Sie, Khun Siripong“, antwortete Wolf geduldig und zeigte auf eine waagerechte Linie im Netzbild, von der viele senkrechte Linien abgingen, „überall wo viele Leitungen und Transformatorenseiten zusammen kommen, entstehen Knotenpunkte im Netz. Und weil dort die Energie sozusagen gesammelt wird, heißen diese Knoten, die immer in Stationen sind, ,Sammelschienen’. Ich habe bewusst Transformatoren- seiten gesagt, denn Transformatoren verbinden stets zwei Sammelschienen verschiedener Spannungen.
Aber nun zur ganzen Stadt. Wenn ich mir diesen kräftigen 230-kV-Ring ansehe, bezweifle ich, dass ein Blackout in ganz Bangkok machbar ist. Man müsste mindestens alle zehn Einspeisungen von außen auslösen oder in allen fünf Stationen mit Einspeisungen beide Sammelschienen totlegen. Die beiden Kraftwerke würden dann wohl wegen Überlastung ausfallen. Ich glaube, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.“ „Ginge es über den Schutz?“ „Sicher, wenn Sie in allen Stationen Leute an den Schutz stellen, die zur selben Zeit ein Aus-Kommando geben.“ Er hatte noch die alten analogen Schutzrelais aus seiner aktiven Zeit im Kopf. „Etwas kommt noch hinzu: Das 230-kV-Netz kann vollständig von der Lastverteilung beim Kraftwerk Nord ferngesteuert werden, und alle Stationen sind mit Schaltpersonal besetzt. Man kann also im Fall eines Fehlers die Versorgung schnell wieder aufnehmen.“ Siripong wusste zunächst Bescheid und bedankte sich mit einer Einladung zum Mittagessen am nächsten Sonntag in ihrem Haus.
Abends erzählte er seiner Frau verlegen von der Einladung, weil er sie nicht vorher mit ihr abgesprochen hatte. Doch sie sagte nur: „Das war ohnehin längst fällig. Ich werde aber nicht kochen, sondern wir nehmen hier nur einen Aperitif und fahren dann ins Salathai. Danach können wir bis zum Abend bei uns sitzen, wenn sie so lange bleiben wollen.“.
Interessiert sahen sich die beiden Deutschen am nächsten Sonntag in dem liebevoll eingerichteten Wohnzimmer um, als Siripong ihnen einen Whisky Soda anbot. „Es ist gemütlich bei Ihnen“, sagte Wolf schließlich, „ein Ausdruck, den ich nicht übersetzen kann. Die europäischen Elemente passen gut zu dem Thai-Stil.“ Su nickte, sie hatte den größten Anteil an der Einrichtung. „Wir sind ja beide in ganz verschiedenen Wohnstilen aufgewachsen und haben deshalb aus beiden die am besten geeigneten Elemente übernommen. Dazu haben wir einiges aus Europa mitgebracht, was uns gefallen hat. Unsere Eltern haben dagegen ihre völlig unterschiedlichen strengen Stile beibehalten und nennen unsere Wohnung nur das ,Sammelsurium’. Aber wir fühlen uns hier wohl.“
Die Unterhaltung zwischen den beiden Paaren war immer eine Mischung aus Englisch, Thai und Deutsch. Die beiden Alten hatten ganz brauchbar die Landessprache gelernt, wenn sie auch noch oft ein Wort falsch betonten. Und die Jungen bemühten sich, schwierige oder seltene Wörter gleich englisch zu sprechen. „Ich habe Ihnen als oberstem Hüter der ,Diamond 2000’ ein Gedicht von Heinrich Heine mitgebracht, das sich ein wenig mit Diamanten beschäftigt“, sagte Wolf lächelnd und überreichte Siripong ein Blatt mit kunstvoll gedruckter Schrift:
Du hast Diamanten und Perlen,
Hast alles, was Menschenbegehr,
Und hast die schönsten Augen –
Mein Liebchen, was willst du mehr?
Auf deine schönen Augen
Hab ich ein ganzes Heer
Von ewigen Liedern gedichtet –
Mein Liebchen, was willst du mehr?
Mit deinen schönen Augen
Hast du mich gequält so sehr,
Und hast mich zu Grunde gerichtet –
Mein Liebchen, was willst du mehr?
„Das ist ja recht traurig“, meinte Siripong und gab das Blatt seiner Frau zu lesen. „Ich erinnere mich aber, dass das meiste von ihm so hintergründig ist. Sehr gut hat mir sein Satz gefallen: ,In Deutschland ist der Sommer ein grün angestrichener Winter.’ Den konnte ich voll unterschreiben.“ „Was meinen Sie, weshalb wir wenigstens den Winter in Ihrem schönen warmen Land verbringen?“, lachte Wolf und seine Frau stimmte ein.
Auf dem Wege zum Restaurant fuhren sie an einer Umspann-Station der Transco vorbei und Wolf zeigte Siripong und der ebenso interessierten Su durch den Zaun hindurch, was er ihm neulich auf dem Schaltbild erläutert hatte: Da waren die großen einspeisenden 230-kV-Leitungen, die auf den Sammelschienen zusammen liefen, die gewaltigen Transformatoren, die 69-kV Sammelschienen und die von ihnen abgehenden Leitungen in die Stadt. „Wozu braucht man so verschiedene Spannungen?“, fragte Su. „Leistung ist das Produkt aus Spannung und Strom“, erläuterte Wolf, „dadurch kann man bei höherer Spannung über den gleichen Leiterquerschnitt mehr Leistung übertragen. Man muss nur die Isolierung erhöhen, was sie an dem größeren Abstand der Leiterseile erkennen, denn Freileitungen werden durch Luft isoliert.“
Das Salathai ist ein schönes Gartenrestaurant im Thai-Stil am Khlong Phra Kanong, das sonntags viele Thai-Familien besuchen. Su bestellte viele sorgfältig und geschmackvoll zubereitete Thai-Spezialitäten, von denen jeder nehmen konnte. Dazu gab es Klebereis, eine wohlschmeckende Spezialität aus dem Norden, die man klumpenweise mit den Fingern isst. Wolf bot vorsichtig an, den Wein zu bestellen und Siripong stimmte erleichtert zu. Das wäre etwas über seine Verhältnisse gegangen. Als Nachtisch aßen sie gemischte frische Früchte, Ananas, Melone, Pomelo, Mango, Papaya und Farang mit dem üblichen Schälchen voll Zucker, Salz und Chilipulver.
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