Nach dem Telefonat mit Deng umarmte Siripong seine Frau und küsste sie zärtlich. „Ich habe zwar vor dem Minister den starken Mann markiert, als er mir die Aufgabe erläuterte, aber innerlich war mir gar nicht wohl dabei. Du hast mir sehr geholfen mit deinen klaren Gedanken“, sagte er leise, wenn seine Lippen einmal für kurze Zeit frei waren. Und verliebt streichelte er ihre Brust unter dem leichten chinesischen Hauskleid, das sie gerne trug, wenn sie allein waren, mit nichts darunter als dem Amulett. Doch Su nahm ihn an der Hand und führte ihn in ihr gemeinsames kleines Arbeitszimmer. Dort hatten sie ihren PC stehen, den vor allem Su häufig für Entwürfe benutzte. Darüber stand auf einer Konsole an der Wand eine große Jadefigur von Kuan Jin. Sie trug einen weiten Mantel, dessen Kapuze ihre Krone überdeckte. In der linken Hand hielt sie ein Fläschchen, aus dem Wasser des Lebens floss. Die Rechte war zum Segen erhoben. Beide liebten dieses Hochzeitsgeschenk von Su’s Vater, weil ihnen der Gedanke einer weiblichen Gottheit angenehm war in diesen patriarchalisch geprägten Religionen um sie herum. Doch Deng hatte sie aufgeklärt, dass Kuan Jin keine Göttin sei, sondern nur ein Bodhisattva, so etwas wie eine Heilige.
Sie knieten vor der Statue nieder, berührten mit der Stirn den Boden und baten sie im stillen Gebet um Unterstützung bei Siripongs schwieriger Aufgabe. Als Su nach dem Gebet aufblickte, fielen ihr wieder die beiden großen Poster neben der Statue ins Auge, die sie während ihrer wenigen Europabesuche bei Siripong fotografiert hatte. Eines zeigte den Parthenon-Tempel auf der Akropolis in Athen, das andere die Kirche Sacre Cœur in Paris. Sie hatten nie Bedenken gehabt, diese beiden heiligen Bauwerke anderer Religionen neben ihre „Göttin“ zu hängen.
„Ihr müsst unbedingt Paris besuchen, wenn ihr in Europa seid, es ist eine zauberhafte, eine verzaubernde Stadt“, hatte Siripongs Mutter, eine trotz ihrer 51 Jahre schöne und elegante Frau ihnen geraten, und ihre Augen leuchteten dabei in ganz eigenartigem Glanz. Als Frau eines Flugkapitäns hatte sie ihren Mann um die ganze Welt begleiten können. Und wirklich hatten die beiden in Paris, wo Siripong drei Monate bei der Sûreté mitarbeitete, neben allen kulturellen Eindrücken die wundervollste, leidenschaftlichste Nacht ihrer jungen Ehe erlebt, obwohl sie schon ein halbes Jahr verheiratet und vor der Ehe auch nicht prüde miteinander waren. „Es muss an der Stadt liegen“, sagte Siripong versonnen beim späten Frühstück, „meine Mutter hat sehr vorsichtig einmal angedeutet, mit meinem Vater ähnliches erlebt zu haben.“
Für einen Tag hatten sie noch einen Ausflug an die Loire eingelegt. Su hatte im Flugzeug einen Artikel über das Schloss Chenonceau und seine Geschichte gelesen. Bewegt standen sie im ehemaligen Schlafzimmer Dianes von Poitier. „Hier hat sie sich also mit Henri II geliebt“, dachte jeder für sich. Nach allen Berichten war Diane nicht nur eine schöne, sondern auch kluge und gütige Frau gewesen, und der König hatte sie sehr geliebt, bis er bei einem Turnier versehentlich getötet wurde und seine Witwe die Geliebte trotz ihres Eigentumsrechts aus dem Schloss warf, um es selbst zu bewohnen.
„Was sagst du als Ehefrau zu diesem Verhältnis?“, fragte Siripong, als er seine Frau in einem kleinen Mietboot auf dem Cher unter den Bögen des Brückenbaues hindurchruderte. Su überlegte eine Weile: „Ich habe auch schon darüber nachgedacht: Eigentlich müsste ich sie verurteilen. Aber ich kann es nicht, denn große Liebe darf man nicht verurteilen. Außerdem dürfte Heinrichs Ehe mit Katharina von Medici wohl bestenfalls eine Zweckheirat gewesen sein.“ „Ich danke dir für deine ehrliche Antwort“, erwiderte Siripong, „und ich verspreche Dir, deine Großmut nicht auszunutzen.“ Das Boot wäre beinahe gekentert, als Su aufsprang, um ihm mit einem Kuss zu danken.
Nach dem Frankreichbesuch war es für beide von Interesse gewesen, die kulturellen Quellen Europas mit eigenen Augen zu erkunden. Deshalb hatten sie bei Su’s nächstem Besuch den Mittelmeerraum besucht. Über Rom und Etrurien, Athen und den Peloponnes, die Westtürkei und Zypern, Santorin und Kreta waren sie nach Ägypten gekommen, wo sie aber wegen der politischen Verhältnisse nicht lange blieben. Trotzdem hatten ihnen Abu Simbel, Luxor, Gizeh und die Schätze im Kairoer Museum einen ausreichenden Eindruck von dieser Jahrtausende alten Hochkultur gegeben, die nach Meinung der Fachleute die griechische und damit die europäische Kultur maßgeblich beeinflusst hatte.
Ganz besonders hatten es ihnen die griechischen Tempel angetan. „Diese kühne und leichte Architektur, diese handwerkliche Vollkommenheit findest du nirgendwo auf der ganzen Erde“, sagte Su bewundernd. „Selbst der einzigartige Angkor Wat in Kambodscha, das Prunkstück unserer Kultur, verblasst gegen diese Bauwerke, abgesehen davon, dass er nicht halb so alt ist wie sie.“ „Ja, du hast Recht“, antwortete ihr Mann versonnen, „als Buddha in unserer Region sein großes Werk vollbrachte, waren diese Tempel hier schon im Bau.“ Tief beeindruckt waren sie von der Akropolis hinunter gestiegen und hatten unter der Umfassungsmauer in einem Gartenrestaurant bei einem Glas Wein zu Abend gegessen. Hand in Hand waren sie dann zum Hotel geschlendert, um immer noch bewegt von dem Gesehenen den Tag ausklingen zu lassen.
Die E-Mails, die sie sich während der langen Trennungszeiten zwischen den kurzen gemeinsamen Wochen schrieben, füllten ganze Festplatten. Deshalb waren sie Su’s Vater dankbar, dass er ihr die Europaflüge bezahlte. „Wenn ich dir schon deinen Mann für so lange Zeit abspenstig mache, muss ich doch wenigstens dafür sorgen, dass er seelisch nicht vor die Hunde geht“, sagte Deng lächelnd, als seine Tochter ihm beim ersten Flugschein um den Hals fiel. „Wenn er sich dort eine hübsche Europäerin anlacht, wird das viel teurer für uns alle.“ An diese beiden wunderbaren und doch so unterschiedlichen Nächte in Europa dachte Su beim Blick auf die Poster, und sie freute sich auf die kommende Nacht, als ihr Mann sie behutsam aufhob und ins Schlafzimmer trug.
Siripong war mit dem Kommunikationsleiter des Innenministeriums befreundet, der gerade das Intranetz aufbaute, ein außerordentlich fähiger Ingenieur namens Jumroen Prongfachan. Er bat den Minister ihm den Mann zur Verfügung stellen und nannte die von seiner Frau geschätzten Kosten von 50 Millionen Baht. Schweren Herzens genehmigte der Minister Siripongs Vorschläge und Jumroen ging ans Werk. Technisch war der Datenzugriff einfacher als Su befürchtet hatte, doch in vielen Köpfen stürzten Welten ein, weil man Informationen bisher mit niemandem teilte, sie waren ein Schatz, der Macht vermittelten. Nur die strenge Weisung des Ministers ermöglichte die Ausführung von Su’s Idee. In den nächsten Wochen schaltete Jumroen über polizei-eigene und zusätzliche von der Telecom gemietete Leitungen ein Netz durch ganz Bangkok, an das die Polizei, alle wichtigen Behörden und die staatlichen Verkehrs-, Versorgungs-und Telekommunikationsunternehmen angeschlossen waren. Da die vorhandenen Datenbanken alle unterschiedlich strukturiert waren, dauerte der Zugriff meist eine Weile, war aber doch bedeutend schneller, als wenn Siripong selbst die Behörden hätte kontaktieren müssen. Dank eines superschnellen Servers mit riesigem Speicherplatz funktionierte das so entstandene „Netz“ hinreichend, obwohl es ein Flickenteppich aus Hubs, Routern, Modems und Gateways mit digitalen und analogen Leitungen und unterschiedlichen Protokollen war. Als Krönung schuf er Siripong eine gesicherte Einwahlmöglichkeit von seinem privaten PC und vom Notebook über das Handy. Außerdem schaltete er direkte Verbindungen zu Interpol, dem FBI in Washington und dem zentralen japanischen Kriminalamt in Tokio. Damit war kein unmittelbarer Datenzugriff verbunden, aber sie konnten jederzeit und vor allem schnell Informationen erhalten.
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