In der Nacht wachte er auf und konnte nicht gleich einschlafen. Das war nach Interkontinentalflügen normal, und er ließ in Gedanken den Tag Revue passieren. Als er an den Stromausfall dachte, kam ihm eine Idee: „Ohne den Diesel hätte es in der vollen Hotelhalle eine Panik gegeben. Wenn es gelänge, während der Ausstellung in der ganzen Stadt die Stromversorgung lahm zu legen und an den wichtigen Stellen die Diesel zu blockieren, würde ein fürchterliches Chaos ausbrechen, bei dem unsere Leute nicht nur im Tower und auf der Verkaufsmesse, sondern auch an anderen lukrativen Stellen leichte Arbeit hätten.“ Gleich am Morgen gab er den Auftrag, Unterlagen über die Stromversorgung der Stadt zu beschaffen. Doch was seine Leute ihm etwas später berichteten, ließ ihm für einen Moment das Blut in den Adern gefrieren: Der japanische Gangsterboss war am Morgen zum Gems and Jewelry Tower gegangen. Als er das Gebäude betreten wollte, hatten ihn zwei Männer, anscheinend Kriminalbeamte, angehalten und zum Hotel zurück gebracht, wo er seine Sachen packen musste. Dann wurde er zum Flughafen gebracht und in die nächste Maschine nach Tokio gesetzt. Einer seiner beiden Begleiter war ein schon länger gesuchter einheimischer Gangster, gegen den anderen Thai lag nichts vor, aber er wurde erkennungsdienstlich behandelt und war damit für die Organisation "verbrannt". S.
„Woher kannte Bangkoks Polizei den Japaner so genau?“, fragte Andy sich irritiert. Natürlich, das Phantombildprogramm! War er vielleicht auch schon darin erfasst? Hektisch versuchte er, die Datenbasis des Programms zu öffnen, in der die Namen abgelegt sind, aber dazu fehlte ihm das Passwort. So setzte er sich vor den Spiegel und gab sein eigenes Bild ein. Soviel er auch probierte, immer war die Antwort „unknown“. Entweder war er zu aufgeregt, um genau zu arbeiten oder noch nicht drin. Vorsorglich wies er die Zentrale in Chicago an, umgehend das nächste update zu beschaffen. Doch wie stand es um Kato Nishimuro, den japanischen Mitarbeiter? Aus dem Gedächtnis fügte er dessen Physiognomie zusammen. Er dachte noch über ein Detail nach, als der Bildschirm schon den Namen und den Code der „Company“ ausgab. Andy fühlte sich plötzlich hundeelend. Er hatte sich in Tokio ganz offen mit Kato getroffen, der augenscheinlich der japanischen Polizei bestens bekannt war. Auf jeden Fall würde er sich den Besuch des Kriegsschauplatzes verkneifen müssen.
Da ihm die Lust vergangen war, überhaupt auf die Straße zu gehen, aß er im Hotel zu Mittag. Und wie immer beim Essen lichteten sich seine Gedanken wieder. Einen Vorteil hatte das Ganze immerhin: Die japanische Organisation war zunächst aus dem Rennen. Als ihm dann am Nachmittag seine beiden ranghöchsten Mitarbeiter im Lande die gewünschten Informationen brachten, hatte er schon die alte Kampfkraft wieder gewonnen. Chavalit Virunvesachakul, der dickwanstige Boss der als Reinigungsunternehmen getarnten Filiale ihrer „Company“, hatte gerade durch ein Tiefpreisangebot den Auftrag für die tägliche Säuberung des Ausstellungssaales im Gems and Jewelry Tower an Land gezogen. Sein Begleiter, Phaitchit Wathanawe hatte wichtige Einzelheiten über die Stromversorgung der Stadt zusammengestellt. Dieser schlanke Mann von knapp 40 Jahren war vor der Wirtschaftskrise ein bekannter Finanzmakler gewesen und hatte durch gutmütige Kredite an befreundete Unternehmen sein ganzes Vermögen verloren. Weil er im normalen Geschäftsleben vorläufig nicht akzeptabel war, hatte er sich der „Company“ angeschlossen. Er war intelligent, einsatzbereit und kannte Gott und die Welt. Seine Frau hatte schon bei den Finanzgeschäften mit ihm zusammen gearbeitet und beteiligte sich auch jetzt gelegentlich an den Aktivitäten für die „Company“.
Die Informationen über die Stromversorgung gliederten sich in einen organisatorischen und einen technischen Teil, und beide waren hochinteressant: Seit einem Jahr befanden sich Thailands Versorgungsunternehmen in einem gewaltigen Umbruch. Als der IMF in der Wirtschaftskrise mehr als 17 Milliarden Dollar bereitstellen musste, um das Land vor dem Bankrott zu bewahren, war seine Bedingung die Privatisierung der Staatsunternehmen gewesen. Neben der Elektroenergie gehörten dazu auch die Ölindustrie, die Wasserversorgung, der öffentliche Verkehr und die Telekommunikation. Das war eine gewaltige Aufgabe und hatte erbitterte Proteste in den Unternehmen zur Folge gehabt. Bisher waren sie alle wie staatliche Behörden organisiert, unterstanden verschiedenen Ministerien und hatten Unmengen von Mitarbeitern, die jetzt um ihre Privilegien fürchteten. Die Stromversorgung war in ein landesweites Erzeugungs-und Transportunternehmen und zwei Verteilungsgesellschaften gegliedert, eine für Bangkok und die andere für das gesamte übrige Land. Jede von ihnen erledigte alle internen Dienstleistungen selbst.
Die geplante Struktur sollte aussehen wie in den westlichen Industrieländern: Mehrere Erzeugungsgesellschaften beliefern ein Transportunternehmen, das aber nur als große Pipeline dient und keinen Gewinn macht. Daran angeschlossen sind eine Reihe von Verteilungsunternehmen, die die über das Transportnetz bereitgestellte Energie direkt von den Erzeugern kaufen und sowohl an Großkunden als auch an kleine lokale Vertreiber weiterverkaufen. Alle Aktivitäten, die nicht zu diesem Kerngeschäft gehören, wie Planung, Training, Konstruktion und Instandhaltung werden als unabhängige Unternehmen ausgegliedert. Das war teilweise schon geschehen, und um diese zwar rechtlich selbstständigen aber noch im Staatsbesitz befindlichen Firmen zu wirtschaftlichem Arbeiten zu erziehen, mussten alle Serviceleistungen öffentlich ausgeschrieben werden. Dieser Prozess war mitten im Gange und niemand in den betroffenen Unternehmen wusste genau, wo man eigentlich stand. Nur die für Thais normalerweise unübliche Arbeitsweise, über Hierarchie-und selbst Unternehmensgrenzen hinweg miteinander Vereinbarungen zu treffen, hatte bisher einen Zusammenbruch der Versorgung verhindert.
Das Netz war recht stabil und sicher aufgebaut. Ein Doppelring von 230-kV-Leitungen war schon vor 20 Jahren um den alten Stadtbereich von Bangkok gezogen worden. Zwei Kraftwerke und acht Umspannstationen waren die Knotenpunkte in diesem Ring. Da die Leistung der beiden Kraftwerke für den Bedarf von mittlerweile 9.000 Megawatt nicht ausreichte, wurden fünf Stationen des Ringes über zehn Leitungen zusätzlich von außen eingespeist,
In allen zehn Stationen standen große Transformatoren, die die Energie auf 69 kV (Kilovolt = 1.000 Volt) abspannten, und von denen Leitungen in die Stadt führten. Die eine oder zwei Verteilungsgesellschaften, die jetzt die Stadt versorgten (das alte Unternehmen wurde gerade aufgeteilt) besaßen im Stadtgebiet eigene Umspannstationen von 69 kV auf die Verteilungs-Mittelspannung 11 kV. Größere Kunden, wie Hotels und Bürogebäude wurden direkt aus diesen Netzen versorgt, kleinere über Verteilungstransformatoren mit Niederspannung 400/230 V. Nahezu alle Leitungen waren Freileitungen. Andy war sich von vornherein darüber klar, dass er am 230-kV-Ring ansetzen musste, wenn er die Versorgung der ganzen Stadt unterbrechen wollte. Zuerst dachte er daran, alle von außen einspeisenden Leitungen zu sprengen, dann würden die beiden Kraftwerke wegen Überlastung ausfallen. Doch dazu wäre ein irrer Aufwand nötig, den sie kaum zeitgleich bewältigen könnten. Und wieder kam der „Ingenieur“ in ihm durch:
Warum denn mit Gewalt, wenn es vielleicht auch auf die sanfte Tour ging? Er musste detaillierte Informationen über die in den Stationen des Ringes installierten Schutzeinrichtungen haben und außerdem wissen, wer für deren Instandhaltung zuständig war. Als er den Mitarbeitern seinen Plan erläuterte, staunten die beiden über seine Ideen. Chavalit schüttelte zweifelnd den Kopf, aber Phaitchit nickte verständnisvoll und stellte einige weitere Fragen, die sein rasches Begriffsvermögen zeigten. Andy beschloss, ihm mehr Verantwortung zu übertragen und bat ihn, die notwendigen Informationen zu beschaffen. Als er sie dann noch bat, neben dem Tower und der Verkaufsmesse sich Gedanken über mögliche weitere Einsatzstellen zu machen, protestierte Chavalit ganz entschieden. Sie hätten nicht genug fähige Leute, um noch andere Aktionen gleichzeitig durchzuführen. Andy sah Phaitchit an. Seine Augen signalisierten Zustimmung. So wies er die beiden an, den Angriff auf mindestens zehn weitere Objekte vorzubereiten.
Читать дальше