Sarah war es, als nähme man ihr eine Zentnerlast von den Schultern, als sie endlich aus dem trostlosen Gebäude trat. Hinter ihr machte Solomon das quietschende Tor zu und schloss ab. Zeit für die Nachtruhe.
Für einen Moment geriet Sarah bei dem Geräusch beinahe in Panik. Sie wusste, wäre sie nun innerhalb der Mauern, sie wäre durchgedreht. Ein paar tiefe Atemzüge nehmend bekam sie sich wieder unter Kontrolle und setzte sich in Bewegung, eine Gänsehaut im Nacken. Sie drehte sich noch einmal um und war nicht einmal überrascht, Solomon am Tor stehen und ihr nachblicken zu sehen. Unwillkürlich ging Sarah schneller, als befürchtete sie, er könne ihr plötzlich nachkommen, sie zurückholen und nicht mehr hinaus lassen. Erst, als sie eine kleine Senke durchquert hatte und das Heim nicht mehr sehen konnte, atmete die junge Frau auf und verlangsamte ihre Schritte. Es war ein herrlicher Tag, zwar kalt, aber klar, und die Sonne berührte gerade blutrot gefärbt den Horizont. Sarah ließ sich Zeit, schlenderte gemächlich zum Gut zurück und ließ die Schönheit des Augenblicks auf sich wirken. Es hätte so wundervoll hier sein können, wenn sie nicht permanent das Gefühl gehabt hätte, eine Bedrohung hinge über ihren Köpfen wie Gewitterwolken.
Horatio war mittlerweile wieder auf dem Gut angekommen. Den ganzen Tag war er unterwegs gewesen, hatte mit einigen Leuten gesprochen und auch etwas erfahren, das er Sarah unbedingt erzählen wollte.
Die Gelegenheit ergab sich beim Abendessen. Sie sah müde und erschöpft aus, fand er. Sie erzählte von dem, was im Heim los war. Als Horatio ›Besuchstag‹ hörte, spitzte er die Ohren.
Er hatte auch davon gehört. Vor allem, dass sich sehr viele Fremde an diesem Tag dort einzufinden schienen. Das musste er noch genauer untersuchen.
»Ach, Sarah, hast du gewusst, dass Eleanor Lynch in Dublin ist? Sie bekommt wohl ein Kind.«
Sarah sah ihn verständnislos an. Andrew verschluckte sich fast.
»Die Schwiegertochter von Horace? Davon hab ich ja gar nichts gewusst«, brummte er.
»Das ist ja das Seltsame«, erwiderte Horatio. »Bis gestern schien kein Mensch hier etwas davon gewusst zu haben. Heute Morgen jedenfalls ist Cyril rumgelaufen wie ein aufgescheuchtes Huhn.«
Sarah schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie verstand nicht, wieso Eleanor ihr nie etwas gesagt hatte oder zu einer Untersuchung gekommen war. Irgendwie traf diese Nachricht sie ganz persönlich.
Um den Mädchen im Heim zu helfen, die keine andere Wahl hatten, war sie gut genug, aber die Menschen im Dorf trauten ihnen nicht. Immerhin waren die Lynchs auch nicht zu ihrem Vater gekommen, der ausgebildeter Arzt war!
»Eleanor Lynch … sie hat nie ausgesehen, als sei sie schwanger!«, rief sie aus und schüttelte den Kopf, konnte es immer noch nicht glauben.
Auch Margret wirkte verblüfft, lenkte aber dann ein.
»Allerdings war sie auch nur zweimal hier zum Sonntagsessen und hatte immer diese weiten Kleider an …«
Sarah zuckte mit den Achseln.
»Vielleicht wollte sie nicht, dass jemand davon weiß, bevor die Geburt bevorsteht. Wie ich mitbekommen habe, hat Horace sie ziemlich unter Druck gesetzt. Sie wollte sicher nicht als Versagerin dastehen, falls sie das Kind verloren hätte.«
Andrew und Margret nickten zustimmend, aber Sarah war mit ihrer eigenen Erklärung nicht zufrieden. Sie nahm sich fest vor, der Mutter bei Gelegenheit einen Besuch abzustatten.
Frank Ryan lief unruhig am Strand umher. Immer wieder hob er Steine auf und warf sie mit aller Kraft ins Wasser. Die Neumondnacht steckte ihm in den Knochen. Und nicht nur da. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
»Das nicht! Das geht nicht. Ich kann das einfach nicht mehr«, murmelte er unentwegt vor sich hin.
Sein Schuldenberg, der sich immer höher aufgetürmt hatte, war zwar zum ersten Mal geschrumpft, aber er wusste nicht, ob er noch einmal die Kraft aufbringen würde, das zu tun, wozu sie ihn gezwungen hatten.
»Und das nur, weil diese blöde Kuh auf dem Gut ihr Geld nicht mehr in der Börse hatte!«, schimpfte er leise. Er gab Margret die Schuld an seinem Elend. Wäre diese nicht so gewitzt gewesen, ihn eine fast leere Geldbörse stehlen zu lassen, hätte er seine Schulden bezahlt und wäre ein freier Mann.
Aber wer sagte, dass er das nicht ändern könnte? Die Polizei würde mit Sicherheit Interesse an dem haben, was er zu erzählen hatte. Und dann würde diese ganze Bande hinter Schloss und Riegel sitzen und er, Frank Ryan, wäre seine Sorgen los. Er musste nur aufpassen, dass niemand es mitbekam.
Er machte sich an den Aufstieg, wollte auf sein Zimmer, um in Ruhe die weitere Vorgehensweise zu planen. Als er den steilen Pfad die Klippen hinauf erklommen hatte, sah er Sarah O´Leary, die gerade mit ihrer Arzttasche in der Hand den Weg vom Gut hinabschlenderte. Er leckte sich die Lippen. Dieses Weib, so dachte er sich, wäre genau das Richtige, um seine trüben Gedanken endgültig zu vergessen und die Wende seiner Situation einzuläuten. Schon seitdem er sie das erste Mal gesehen hatte, malte er sich aus, was er alles mit ihr anstellen würde. Und er hielt sich für den am besten aussehenden Mann in Howth.
Er kam gar nicht auf die Idee, dass Sarah einen Mann oder Geliebten haben könnte, hielt die Gerüchte für Unsinn. Hier würde sie außer ihm keinen finden. Er wartete, bis sie nahe genug heran war.
»Hallo, Miss O´Leary.«
Sarah blieb stehen und musterte ihn. Etwas an ihm löste Unruhe in ihr aus. Vielleicht sein Blick? Irgendwie wirkte er lauernd, verschlagen. Sie war Frank Ryan ein paarmal begegnet, aber sie hatten bisher kaum mehr als Floskeln ausgetauscht, und von Ellen wusste sie lediglich, dass der Mann ein Saison-Fischer war und nicht aus Howth stammte.
»Mr. Ryan, richtig?«
Er verbeugte sich leicht.
»Stets zu Diensten«, grinste er sie an, trat einen Schritt näher. »Wohin wollen Sie denn?«, fragte er sie scheinheilig. Er war sich sicher, wäre er erst nahe genug, dann würde er sie sich schnappen können. Und nach einigen Küssen wäre sie Wachs in seinen Händen.
Sarah schürzte die Lippen. Dass er näher kam, war ihr unangenehm.
»Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht.«
Mittlerweile war er bis auf einen Schritt an sie herangetreten.
»Oh, Miss O´Leary. Ich denke, wir beide sollten uns etwas unterhalten. Ich dachte, Sie würden gerne mit mir kommen. Ich habe da eine gute Flasche auf meinem Zimmer, die nur auf die richtige Gelegenheit wartet und …«
In diesem Moment näherte sich Hufschlag und eine Kutsche kam den Weg hinauf. Auf dem Kutschbock saß Horatio, der sich Sorgen um Sarah gemacht und sie nicht alleine hatte herumlaufen lassen wollen. Als er anhielt, hatte er mit einem Blick die Situation erfasst. Die Körpersprache sowohl Frank Ryans als auch Sarahs sprachen Bände. Er sah Ryan vom Kutschbock herab lange an, dann blickte er zu Sarah.
»Gibt es Schwierigkeiten, Miss Sarah?«
Er drehte sich wieder zu Frank um. Diesem Burschen würde er nicht den Rücken zuwenden. Die Sorte Mann kannte er noch von früher aus London! Meist hatte sie ein Messer im Hemd. Horatio erkannte Gier in Ryans Augen und ihm war klar, was er im Sinn gehabt hatte.
»Ich denke nicht, Mr. Gordon«, erwiderte Sarah ruhig und förmlich und stieg ohne großes Aufsehen zu ihm auf den Kutschbock. »Aber ich bin froh, dass Sie vorbeikommen. Mir ist gerade eingefallen, dass ich noch einige Besorgungen machen muss. Ihnen einen schönen Tag, Mr. Ryan!«
Frank sah der Kutsche nach.
»Hol mich der Teufel«, brummte er. »Muss dieser verdammte Pferdeknecht hier auftauchen?« Er hob einen Stein auf und pfefferte ihn in Richtung Strand, drehte sich um und wollte zurück auf sein Zimmer. »Dann leere ich die Flasche eben alleine«, murmelte er.
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