»Ich muss weg!«, rief er noch Sally zu, die ihn entgeistert ansah. »Aber das holen wir nach!«
Schon war er aus der Tür. Dass er dabei den Zettel verlor, bekam er nicht mit. Sally hob ihn auf, strich ihn glatt und versuchte, ihn zu entziffern, was ihr nicht leicht fiel. Sie konnte nur wenig lesen und schreiben.
»Sofort zum Treffpunkt«, entzifferte sie. »Ärger mit der Ladung, teilweise verdorben.«
Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber sie ahnte, dass ihr Herr mehr als schlecht gelaunt sein würde, wenn er wieder nach Hause käme.
In gemütlichem Tempo rollte die kleine Kutsche den hügeligen Weg entlang. Horatio lenkte das Pferd, ließ aber Sarah nicht aus den Augen. Andrew hatte ihn förmlich dazu gezwungen, eine Ausfahrt mit seiner Geliebten zu machen, aber sie schien sich nicht recht daran freuen zu können, sprach nicht und starrte gedankenverloren in die Ferne.
»Woran denkst du?«
Sarah zuckte zusammen, als habe Horatio sie aus dem Schlaf gerissen. Ein wenig verwirrt sah sie ihn an, winkte ab.
»Ach … nichts.«
»Sarah!«
Sein Seufzen sprach Bände.
»Ich kenne dich gut und lange genug, um zu wissen, dass du nie an nichts denkst! Schon gar nicht, wenn du so schweigsam bist!«
Sie musste unwillkürlich lächeln.
»Du hast Recht. Ich denke ans Heim. An diesen Besuchstag. Ich weiß einfach nicht, ob ich das gut oder schrecklich finden soll, Horatio! Stell dir das doch vor! Die Mädchen sitzen in diesem trostlosen Bau und warten, ob vielleicht jemand von ihrer Familie kommt und sie mit zurück nach Hause nimmt. Oder ob irgendein reicher Gönner sie dort herausholt und ihnen Arbeit gibt. Oder Gott weiß was mit ihnen macht. Da ginge es ihnen im Heim vielleicht noch besser! Sie sitzen dort und werden begafft wie Zootiere! Ein Albtraum!«
Ihre eigenen Albträume erwähnte sie nicht. Sarah wusste, dass ihr Vater und Margret sich schon genug Sorgen machten, weil sie bleich war, erschöpft, übernächtigt. Die Träume waren schlimmer geworden, kamen mittlerweile fast jede Nacht. Entweder besuchte Isabella sie, winkte Sarah, mitzukommen, damit sie ihr etwas zeigen konnte, oder Babygeschrei holte sie aus dem Bett.
Mehr als einmal war Sarah in einem anderen Raum des Gutshauses als ihrem eigenen Zimmer aufgewacht, aber immer war es still, wenn der Traum endete. Sie hörte kein Baby mehr, wenn sie wach war. Das machte es allerdings nicht weniger beängstigend! Sie hatte nie zu Albträumen geneigt, nicht einmal, nachdem sie in London die Prostituierten getötet hatte. Auch von Ruth hatte sie nicht ein einziges Mal geträumt. Aber eine Frau, die sie nie im Leben getroffen hatte, suchte sie in der Nacht heim. Es musste irgendetwas bedeuten! Etwas war faul, und ihr Unterbewusstsein versuchte, ihr auf diese nervenzerreißende Art und Weise mitzuteilen, was es war!
»Da kommen sie!«
Horatios Stimme klang düster, und Sarah schreckte erneut aus ihren Gedanken. Sie wusste gleich, was er meinte - eine lange Reihe von Kutschen rollte den Weg zum Heim hinauf. Die Vorhänge waren vor die Fenster gezogen, damit man nicht hineinschauen konnte. Sarah verzog angeekelt das Gesicht. Die Familien der Mädchen schämten sich so für sie, dass sie nicht gesehen werden wollten. Es war widerlich. Immer mehr Kutschen kamen an, fuhren durch das Tor und verschwanden im Innenhof. Sarah hatte nicht gedacht, dass der Besuchstag so stark frequentiert sein würde.
Horatio legte ihr eine Hand auf die Schulter.
»Lass uns heimfahren.«
Die junge Frau schüttelte ihre rote Mähne.
»Noch nicht. Elsie hat mich heute Morgen gebeten, nach ihrer Mutter zu sehen, und das werde ich tun. Fahr mich zum Doherty-Hof.«
Andrew kämpfte sich wieder einmal durch die Unterlagen, die sein Onkel hinterlassen hatte. Die Arbeit war unverändert mühsam, aber heute konnte er sich noch weniger als die Male zuvor darauf konzentrieren.
Der Anblick Sarahs beim Frühstück ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er erkannte sie kaum noch als seine Tochter! Seine Sarah war stets fröhlich, voller Tatendrang und Energie. Das Mädchen auf der anderen Seite des Tisches war totenbleich gewesen, mit tiefen Ringen unter den Augen, völlig erschöpft und übermüdet und ohne jeden Elan. Er hatte sie schon einmal so erlebt - damals, als sie geglaubt hatte, Horatio hätte sich umgebracht.
Andrew wusste, dass die Situation der Frauen im Magdalenenheim und die Tatsache, dass sie sich immer noch nicht zu Horatio bekennen durfte, Sarah schwer zu schaffen machte, aber dass es sie derartig auslaugte, das konnte der Arzt sich nur schwer vorstellen. Sie war schon vorher mit widrigsten Umständen konfrontiert worden, und hatte immer mit Leidenschaft versucht, Probleme zu lösen statt an ihnen zu verzweifeln. Was war diesmal anders?
Ein Räuspern schreckte Andrew aus seinen Gedanken, und er hob den Kopf. Ronald Murray stand im Türrahmen und drehte seine Mütze in den Händen. Ein Anblick, den Andrew mittlerweile schon kannte. Es bedeutete, dass der Verwalter ein Gespräch mit ihm führen wollte, das ihm unangenehm war.
»Dr. O’Leary, kann ich Sie einen Moment sprechen?«
Andrew schob den Papierstapel, durch den er sich gerade grub, beiseite.
»Natürlich, Mr. Murray. Kommen Sie herein.«
Der Verwalter gehorchte und schloss die Tür hinter sich. Das nun verwunderte Andrew. Bei vergangenen Gesprächen hatte Murray die Tür stets offengelassen, als ob er sichergehen wollte, bei Bedarf schnell flüchten zu können.
Auch der Aufforderung, sich zu setzen, kam der Mann nach, schien dann erst einmal nicht zu wissen, wie er beginnen sollte. Schließlich sah er Andrew in die Augen.
»Dr. O’Leary, es gibt da etwas, das Sie wissen müssen. Im Dorf spricht man nicht darüber, aber die Leute dort sehen auch nicht, was ich sehe! Wenn man noch etwas retten kann, dann nur, wenn Sie Bescheid wissen!«
Andrew runzelte die Stirn.
»Was reden Sie da, Mr. Murray? Bitte, keine mysteriösen Andeutungen! Kommen Sie zum Punkt!«
Wieder begann der Verwalter, seine Mütze zu drehen.
»Die Albträume Ihrer Tochter, Sir. Ihr Schlafwandeln. Dass sie glaubt, Babygeschrei zu hören. Das ist schon einmal vorgekommen. Isabella hat sich ganz genauso verhalten! Und dann hat sie sich von der Klippe gestürzt!«
Andrew glaubte, sich verhört zu haben.
»Wie bitte? Man hat mir gesagt, es sei ein Unfall gewesen!«
»Dieses Dorf ist voll von Katholiken, was glauben Sie denn?«, schnarrte Murray. »Wenn auch nur der Hauch eines Verdachts laut geworden wäre, dass sie sich umgebracht hat, hätte sie nicht einmal in geweihter Erde bestattet werden können, vom Skandal ganz zu schweigen! Der alte O’Leary hat jedem mit ernsten Konsequenzen gedroht, der das Wort Selbstmord auch nur dachte! Aber es war kein Unfall! Ein paar Fischer haben sie stürzen sehen, und an dieser Stelle gibt es keinen Pfad. Es gab keinen Grund für sie, dort zu sein! Und jetzt verhält Sarah sich genauso wie sie!«
»Unsinn!« Ärgerlich winkte Andrew ab. »Sarah bedrückt einfach nur die Situation im Magdalenenheim, das ist alles! Sie steht unter großem Stress, darum hat sie Albträume, aber sie wandelt nicht Schlaf! Und das Babygeschrei … ich vermute, es ist die Art, wie der Wind ums Haus heult. Das kann schon einmal täuschen!«
»So, meinen Sie!« Ronald Murray verzog das Gesicht zu einem freudlosen Grinsen und erhob sich. »Legen Sie sich doch nachts einmal auf die Lauer, dann werden Sie schnell sehen, wie Ihre Tochter nicht schlafwandelt! Wenn Sie die Augen vor den Tatsachen verschließen wollen, dann tun Sie das. Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt! Ich bin kein Fachmann für sowas, der Arzt sind Sie, aber ist es nicht richtig, dass es Wahnvorstellungen gibt, bei denen Babygeschrei gehört wird? Ich bin nicht der Einzige, der denkt, dass Sarah Isabella sehr ähnlich sieht! Die Familienähnlichkeit ist verblüffend!«
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