Andrew schwieg, und er sah so verzweifelt aus, dass Margret ihn in die Arme nehmen musste. Das war genau der Moment, in dem im ersten Stock eine Tür aufging. Margret und Andrew erstarrten. Obwohl die Scharniere nicht quietschten, schien das Geräusch ohrenbetäubend laut.
Sekunden später knarrte die Treppe, als jemand hinunter ging. Die kurze Hoffnung, dass es sich um Beatrice auf dem Weg zu einem Mitternachtssnack handeln könnte, wurde je zerstört, als Sarahs Stimme wie ein Hauch durch den Raum schwebte.
»Ich komme. Ich höre dich.«
Margret versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber in diesem Moment standen ihr alle Haare zu Berge, und als sie unter der Treppe hervorkam und Sarah mit ihrem weißen Nachthemd und dem leeren Blick in die Halle treten sah, war es ein fast geisterhafter Anblick. Einen Moment lang verschlug es Margret die Sprache, und auch Andrew stand nur mit kreidebleichem Gesicht neben der Treppe und starrte seine Tochter an.
Als sie jedoch die Hand zum Türgriff der Eingangstür ausstreckte, riss ihre Tante sich zusammen und rief ihren Namen. Verwundert drehte Sarah sich um. Es war nicht ersichtlich, in welchem Moment genau sie aufgewacht war, und sie schien es selbst nicht bemerkt zu haben.
»Tante Margret. Papa. Was macht ihr hier?«
»Wo willst du denn hin, Kind?« Margrets Stimme war ungewohnt sanft. »Es ist mitten in der Nacht.«
Sarah wollte etwas antworten, schloss den Mund aber wieder und schien einen Moment lang angestrengt zu lauschen. Dann schüttelte sie brüsk den Kopf.
»Nirgendwo, ich … ich dachte, ich hätte etwas gehört. Ich habe mich geirrt. Gute Nacht.«
Ohne ein weiteres Wort stieg sie die Treppen wieder hinauf und schloss ihre Zimmertür.
Andrew blickte Margret an, und es war ihm anzusehen, dass er erschüttert war bis ins Mark.
»Was können wir nur tun?«
Margret ging am Ufer spazieren. Bei ihr war Samuel, der ihr nicht mehr von der Seite wich. Einerseits, weil er diese Frau wirklich sehr verehrte, andererseits aber auch, weil er spürte, dass sie ihn brauchte. Schweigend gingen sie nebeneinander her, dick eingepackt, um sich gegen den schneidenden Wind, der stetig blies, zu schützen.
»Ich weiß nicht, was hier los ist«, sinnierte Margret. »Ich habe gehofft, dass wir endlich Ruhe und Frieden finden würden.«
Sie hatte dem schweigsamen Mann alles erzählt, was sich in der letzten Nacht zugetragen hatte. Margret hätte es nie für möglich gehalten, aber der Schäfer war für sie jemand geworden, der ihr Halt gab, der sie stützte. Und sie musste sich selber eingestehen, dass auch sie, der immer der Fels in der Brandung gewesen war, jemanden brauchte, der ihr Kraft gab.
Samuel nickte. Er kannte mittlerweile die Geschichte von Sarah und Horatio und was sich in Ägypten zugetragen hatte.
»Ich würde es euch allen gönnen«, brummelte er. »Glaub mir, im Grunde genommen ist es hier friedlich.«
»Friedlich? DAS nennst du friedlich? Dieses seltsame Heim, dann die Albträume meiner Sarah. Und in der kurzen Zeit, in der wir hier sind, sind schon zwei Menschen unter ungeklärten Umständen gestorben. Das sind zwei zu viel, wenn du mich fragst …«
Sie stutzte, betrachtete die Wellen, die am Strand ausliefen und sich in weißer Gischt in der Ferne an den Klippen brachen.
»Was ist denn, meine Liebe?«, fragte Samuel und folgte ihrem Blick und der Hand, die sie ausstreckte.
»Samuel … sag mir, dass ich halluziniere. Ich glaube, da liegt schon wieder eine Leiche.«
»Was? WO?«
Dann sah er es auch. Nur wenige Schritte vor ihnen lag ein Körper im Sand, der immer wieder von den Wogen überspült wurde.
»Du bleibst hier!«, sagte er bestimmt und eilte zu dem, was er für einen Leichnam hielt, beugte sich über ihn und drehte ihn um.
»Ich kenne diesen Kerl!«, rief Margret, die sich trotz Samuels Anweisung genähert hatte.
»Ja, ich auch«, erwiderte der bärtige Mann. »Das ist Frank Ryan, einer der Fischergehilfen. Er ist schon seit ein paar Tagen verschwunden. Wahrscheinlich vom Schiff gefallen und ertrunken.«
»Dieser Kerl hat versucht, mir in Dublin meine Geldbörse zu klauen.«
Sie berichtete ihm von dem Vorfall auf dem Markt und dass sie immer wieder geglaubt hatte, ihn in Howth gesehen zu haben. Samuel kratzte sich am Kopf.
»Was machen wir? Einer müsste Andrew holen oder die Polizei. Aber ich kann dich weder hierlassen noch dich alleine losschicken.«
Samuel war in einem Dilemma. In diesem Moment hörte er das Schnauben eines Pferdes vom Weg oberhalb des Strands und blickte nach oben.
»Ist das …?
»Ja! MR. GORDON!«, brüllte Tante Margret.
Horatio, der mit Sarah von den Dohertys kam, wo er sie mittlerweile täglich hinbrachte, damit sie nach Frances sehen konnte, hielt die Kutsche an. Sarah richtete sich auf und sah zum Strand herunter.
»Mr. Kennedy? Tante Margret? Ist etwas passiert?«
»Kommt schnell her!« Tante Margret winkte hektisch.
Horatio sprang vom Kutschbock und rannte nach unten. Sarah folgte ihm auf dem Fuße.
»Was ist passiert?«, fragte sie. »Hast du dich verletzt?«
»Schon wieder eine Leiche!«, sagte Samuel leise. »Ich denke, er ist ertrunken.«
»Was? Nein!«
Horatio sah sich um, während Sarah sich die Hände vor den Mund hielt.
»Doch. Dort.«
Horatio betrachtete den Toten. Als er den Schnitt sah, der sich quer durch den Hals zog, zuckte er zusammen. Er kannte diese Wunden und warf Sarah einen schnellen Blick zu.
»Ihr bleibt hier, ich hole Andrew. Der ist nicht ertrunken.«
Samuel kam wieder näher.
»Wieso?«
Horatio zeigte den Schnitt.
»Dem wurde der Hals durchgeschnitten. Das war weder ein Unfall noch Selbstmord.«
»Wir müssen die Polizei holen!«, warf Sarah ein.
Horatio sah sie lange an.
»Sicher? Es werden viele Fragen gestellt werden.«
»Dazu sind doch diese Sesselfurzer da!«, zischte jetzt Tante Margret.
Margret vergaß immer mehr ihre gute Erziehung. Aber Horatio war nicht wohl dabei, die Polizei zu rufen. Er hatte den Mann auch erkannt, ebenso wie Sarah, die zu zittern begann. Es war der Gleiche, der ihr erst vor kurzem an die Wäsche gewollt hatte. Und nun lag er da, mit durchgeschnittener Kehle. Horatio hoffte, dass er sich irrte. Aber alles sprach dafür, dass der Tote ein Opfer des Rippers geworden war.
»Ich hole Andrew. Dann sehen wir weiter. Komm, Sarah, du kannst hier nichts mehr tun.«
In Wahrheit wollte er nur allein mit ihr reden. Der schreckliche Verdacht nahm ihm fast die Luft zum Atmen. Als sie auf dem Kutschbock saßen und er in Richtung Gut fuhr, warf er ihr einen langen Blick zu. Sie sah ihn störrisch an.
»Egal, was du denkst. Ich war es nicht.«
»Sarah … wenn du es doch warst, dann sag es mir bitte.«
»Was denkst du dir eigentlich?«, fuhr sie ihn an. »Ich habe ihn nicht umgebracht! Wenn ich jedem Mann den Hals durchschneiden wollte, der sich mir ungehörig nähert, hätte ich schon ganze Landstriche entvölkert!«
Er sah sie lange an, las in ihren Augen. War das noch Sarah oder war es wieder die Frau, die des Nachts durch London geschlichen war und Menschen getötet hatte? Sie schien jedoch ehrlich empört. Er seufzte.
»Ich glaube dir. Aber dass das Probleme aufwerfen wird, das ist dir hoffentlich klar.«
Das musste er ihr nicht erklären. Der dritte Tote, den man fand, und wieder hatte jemand aus ihrer Familie ihn gefunden.
Als Andrew später zurückkehrte, bestürmte Sarah ihn.
»Was hat der Inspektor gesagt? Wird er den Fall dieses Mal untersuchen oder ist er der Meinung, dass dieser Frank Ryan sich selber die Kehle durchgeschnitten hat und dann in die See gesprungen ist?«
Sie konnte ihre Verachtung für den Polizisten kaum verbergen. Zu stark waren die Erinnerungen an die Ausflüchte des Inspektors, der bei den letzten Toten die Leichenschau verweigert hatte und alles als Unfall oder Selbstmord bezeichnete. Andrew runzelte die Stirn.
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