»Was sagt deine Schwester?«
Samuel zuckte mit den Schultern.
»Sie weiß auch nicht mehr, aber sie hat ein Auge auf sie.«
James grübelte.
»Und was hat das mit uns zu tun?«, warf Norman ein.
»Ganz einfach: Wir sind immer noch darauf angewiesen, dass wir unauffällig bleiben. Nicht nur wir, sondern auch alle, die hier leben. Wenn Gerüchte über Howth breitgetreten werden, dann kann es passieren, dass die Polizei hier auftaucht. Und dann wird es gefährlich. Gerade nach der letzten Aktion.«
»Das ist wohl wahr«, brummte Joseph O´Connor. »Wir haben die Waffen zwar gut versteckt, aber wenn auf einmal zu viele Polizisten oder gar noch Soldaten hier rumlaufen, dann ist es eine Frage der Zeit, bis auch das beste Versteck gefunden wird.«
»Was unternehmen wir?«, fragte Bertie. »Ich meine, Andrew gehört mittlerweile zu uns, behaupte ich mal. Aber was mit diesem Horatio ist, das ist mir noch schleierhaft. Und was war eigentlich mit dieser Reise nach London?«
»Soweit ich weiß, hat das was mit Horatio und einem Erbe zu tun, mehr hat auch Josephine nicht verraten. Entweder weiß sie es nicht, weil Andrew es ihr noch nicht gesagt hat, oder aber sie kann oder will es nicht sagen, was bedeuten könnte, dass es unwichtig ist für uns.«
»Oder sie hält mehr zu dem Arzt als zu uns«, brummte Ida.
Samuel sprang auf.
»Wenn du meine Schwester beleidigst, beleidigst du auch mich! Und ich kann dir sagen, dass die O´Learys wunderbare, ehrliche Menschen sind.«
»Das sagst du nur, weil du um diese Tante Margret herumtanzt wie ein liebestoller Kater!«
»AUFHÖREN!« James fuhr dazwischen. »Ich stimme Samuel zu. Ich glaube nicht, dass Andrew oder Margret oder sonst jemand der Familie oder gar Josephine sich gegen uns stellt. Samuel«, er sah den Schäfer an, der immer noch vor Wut zitterte, »du musst mit deiner Schwester reden. Wir müssen wissen, was genau Sarah gehört oder gesehen zu haben glaubt.«
»In Ordnung.«
Samuel warf Ida einen letzten wütenden Blick zu.
»Am nächsten Wochenende treffen wir uns wieder. Oh, ein letzter Punkt: Hat in den vergangenen Tagen jemand Frank gesehen?«
Allgemeines Kopfschütteln am Tisch.
»Warum fragst du?«
Der Tierarzt war verwirrt. Frank Ryan war ein Fischergehilfe, der nicht zu ihnen gehörte. Und dass er ab und zu krumme Dinger drehte, war ihnen allen bekannt, aber diese trugen sich zumeist in Dublin zu. Solange er nicht erwischt wurde und es sich nur um Taschendiebstähle handelte, wurde es toleriert.
»Es war mir aufgefallen, dass ich ihn seit einigen Tagen nicht mehr gesehen habe. Auch auf dem Boot von Charles nicht. Ich habe ihn gefragt, aber keine Antwort erhalten.«
»Der wird wohl mal wieder in Dublin sein. Vielleicht hat er nen guten Fang dort gemacht und bringt ihn gerade mal wieder mit ein paar Nutten durch, bevor er wieder bettelnd bei Charles auftaucht.«
James zuckte mit den Achseln.
»Ich weiß nicht. Aber gut, das sollte uns nicht weiter stören. Auch, wenn er für immer verschwunden sein sollte. Er weiß nichts und kann uns nicht schaden.«
Nach und nach verließen die Männer den Pub. Samuel nahm sich vor, mit Margret noch einmal über Sarah zu reden.
Dezember 1891
John Berkley saß an seinem Schreibtisch und rechnete. Der letzte Monat war nicht schlecht gewesen, stellte er fest. Die Einnahmen, die ihm sein Schiff bescherte, waren so gut, dass er daran dachte, sich ein zweites zuzulegen. Das Problem war nur, das geeignete Objekt zu finden.
Denn neben den normalen Laderäumen benötigte er zusätzlichen Raum, der durch die Zollbeamten oder Polizisten nicht so leicht zu finden war. Es würde ohne Umbauten nicht gehen, das war ihm klar, aber je mehr Männer davon wussten, umso größer war die Gefahr, dass jemand plaudern würde. Und das war etwas, was er überhaupt nicht leiden konnte. Vor kurzem erst hatte er jemanden aus dem Weg räumen müssen, der zur Gefahr zu werden drohte. Nach außen hin verkörperte John einen biederen Geschäftsmann, was bei seiner Statur nicht gerade einfach war. Er war kräftig, fast schon korpulent, mit einem verschlagenen Gesicht und stechenden Augen. Am schlimmsten jedoch war seine Stimme, die wie rostiges Eisen klang, das man mit einer Drahtbürste bearbeitete. Doch all das hielt ihn nicht davon ab, gute Geschäfte mit den Engländern zu machen. Seine Nebeneinkünfte verschwieg er allerdings, und das aus gutem Grund. Transportierte er doch alles, was Geld brachte. Und es war ihm egal, was es war. Ob Gewürze, Waffen oder auch Menschen, die er versteckte und dorthin brachte, wo sie hinsollten. Er stellte keine Fragen und beantwortete auch keine. Als man ihn vor einiger Zeit dafür rekrutiert hatte, erschien es ihm wie ein Glücksfall. Schnelles, leicht verdientes Geld, beinahe risikofrei. Er wusste zwar nicht, wer sich hinter den seltsamen Gestalten verbarg, die ihm sagten, wann er was zu transportieren hatte, aber solange der Profit in Ordnung war, interessierte es ihn nicht.
Und er war skrupellos. Diesen Ruf hatte er sich in den Spielhöllen und Bordellen in Dublin und Belfast erworben. Er war schnell mit Krediten bei der Hand, aber genauso schnell trieb er sie wieder ein. Es spielte für ihn keine Rolle, wie sie bezahlt wurden. So manche Tochter war auf diese Weise durch ihren Vater in eines seiner Bordelle geraten, so mancher Mann musste sich auf seinem Schiff im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode schuften. James Berkley sorgte dafür, dass sie immer weiter und immer tiefer in die Abhängigkeit gerieten, aus der es kein Entkommen gab. Vor allem während der Hungersnot hatte er gute Geschäfte gemacht. Die war zwar vorbei, aber durch seine neuen Auftraggeber waren seine Einkünfte sogar noch gestiegen. Gelegentlich musste ein Exempel statuiert werden. Meist geschah es dergestalt, dass alle wussten, von wem es kam, aber niemand auch nur ein Wort darüber fallen ließ aus Angst, er könnte der nächste sein, den man mit ausgestochenen Augen, herausgeschnittener Zunge oder anderen Verletzungen, die in der Summe zum Tode führten, irgendwo fand. Bei Frank allerdings hatte er sich dafür entschieden, ihn einfach verschwinden zu lassen. Es gab niemanden, der dem kleinen Gauner nahe stand. Und der Trupp, mit dem er von Howth aus operierte, war absolut zuverlässig. Das hatte Charles Smith bewiesen, als er ihm darüber berichtet hatte, dass Frank womöglich auspacken wollte.
»Dieser Narr. Hoffentlich mögen ihn die Fische«, grinste der Reeder. Ein Klopfen ließ ihn aufschrecken. »Herein«, brummte er.
Sally, eines der Mädchen, die er beschäftigte, öffnete schüchtern die Tür. Sie war klein und zierlich, gerade mal fünfzehn Jahre alt, aber mit dem Gesicht einer Frau, die alle Höllen der Erde erlebt hatte. Und ihr persönlicher Teufel saß auf der anderen Seite des Schreibtisches, zu dem sie trat. Auch ihr Vater war ihm in die Falle gegangen und nun musste das Kind die Schulden bei ihm abarbeiten, was ihr niemals gelingen würde. Bald schon musste er sie ersetzen, das wurde ihm klar, als er sie sah. Aber für ein Bordell am anderen Ende der Welt würde sie noch genügen.
»Entschuldigen Sie, aber das wurde gerade durch einen Boten abgegeben«, flüsterte sie und reichte ihm einen Briefumschlag, auf dem nur ›Berkley‹ stand.
John grinste böse.
»Gut, Sally. Und jetzt ab mit dir und mach dich ordentlich sauber.«
Das Mädchen zuckte zusammen. Sie wusste, was das hieß, und auch, dass Widerworte oder eine Weigerung nur Schlimmeres nach sich ziehen würden. Sie knickste und verschwand. John riss den Umschlag auf, zog einen Zettel hervor, las ihn und brüllte auf vor Wut.
»VERDAMMT!!«
Er knüllte den Zettel zusammen, wuchtete sich hoch, raste aus dem Büro, griff sich seinen Mantel und seinen Hut und eilte zur Tür.
Читать дальше