Vorsichtig ließ Sibelius sich auf dem Sessel nieder, als könne er ihn beschädigen, wobei er sich zuerst mit den Handflächen abstützte, nicht ohne vorher prüfend mit der flachen Hand über das weiche Polster gestrichen zu haben. Doch er verharrte auf der vorderen Kante des Sessels, nicht in der Absicht diesem keinen Schaden zufügen zu wollen. Nein, seine Absicht war es, seinem Gegenüber nahe zu sein seine Mitteilung dem Professor leise mitzuteilen.
Wernecke füllte zwei Gläser mit Portwein und reichte eines davon Sibelius.
„Trinken Sie das! Das wird Ihnen guttun. Und dann erzählen Sie mir in aller Ruhe, was Sie auf dem Herzen haben.“
„Haben Sie heute schon die Nachrichten gesehen oder gehört?“, fragte Sibelius und als der Professor dies kopfschüttelnd verneinte, raffte er alle seine Kraft zusammen und erzählte von seinem beabsichtigten Treffen mit Armin Kottelkamp und den Schüssen, die in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung fielen.
„Sie wissen, warum man Ihren Freund umgebracht hat?“ Der Professor neigte seinen Kopf zu Sibelius, denn der hatte seine Stimme um ein Erhebliches gesenkt und sich weiter in die Richtung Werneckes gebeugt, dass dieser bereits Bedenken hatte, Sibelius würde mit dem Sessel nach vorne überkippen.
„Armin hat mir in seinem Telefonanruf mitgeteilt, dass er einen sensationellen Fund gemacht hat. Sie müssen wissen, Armin und ich, wir sind beide Hobbyhistoriker und interessieren uns insbesondere für die Zeit der Inquisition im späten Mittelalter, also besonders für die Zeit um 1500 und danach. Armin wollte mir den Fund persönlich vorbeibringen, doch man hat ihn ermordet, ehe er bei mir in meiner Wohnung ankam. Nur dem Umstand, dass ich nach draußen ging, um ihm entgegen zu eilen, verdanken wir es, dass dieser Fund jetzt in meinem Besitz ist.“
Sibelius erzählte von der unbekannten Person, die ihn fast überrannt hatte und die Vermutung, dass es der Mörder offensichtlich auf den Fund von Armin Kottelkamp abgesehen hatte.
„Vielleicht hat der Mörder von der Durchsuchung des Toten Abstand genommen, weil ich so schnell bei ihm war. Damit konnte er nicht rechnen. Wenn ich es mir genau überlege, hätte der Mann mich doch auch erschießen können.“
„Vielleicht wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht, wer Sie sind. Darüber würde ich mir erst einmal keine Sorgen machen. Haben Sie den … Fund dabei?“
Wernecke schien aufgeregt.
„Wissen Sie eigentlich, dass ich den gleichen Interessen verfallen bin wie Sie und Ihr Freund?“, fragte er.
„Ja, das weiß ich. Das ist auch der Grund, warum ich mich an Sie wende. Sie sind der Einzige, den ich kenne, der die Möglichkeiten hat, dem Hinweis nachzugehen.“
„Dem Hinweis? Welchen Hinweis meinen Sie?“
„Bei dem Fund handelt es sich um einen Zettel, offensichtlich geschrieben im Jahr 1587, ich vermute, von einem der Gerichtsschreiber der damaligen Hexenprozesse. Der Zettel …“
Wernecke unterbrach Sibelius.
„Haben Sie diesen … Zettel dabei? Kann ich ihn sehen?“
„Nein.“
Sibelius witterte nach allen Seiten, und, obwohl er sich in der Wohnung des Professors aufhielt, fühlte er sich äußerst unwohl.
„Ich habe ihn in meiner Wohnung versteckt“, sagte er schließlich. „Aber ich habe den Wortlaut auswendig gelernt.“
Der Professor griff nach einem Blatt Papier und einem Stift.
„Legen Sie los!“, rief er ermunternd. „Mal sehen, was …!“
Ein lauter Knall und das Brechen und Splittern von Glas unterbrach jäh die fast lautlose Unterhaltung und als Wernecke zu Tode erschrocken den Kopf hob und in Richtung des Fensters schaute, sah er, wie die fast sechs Quadratmeter große Fensterscheibe in sich zusammenfiel und ihre Scherben sich nach dem Aufschlag auf die steinernen Fliesen durch die große Wucht im gesamten Wohnzimmer verteilten.
„Verdammte Sauerei!“, rief er und sprang auf.
„Das sind keine Scherze mehr“, schrie er vor sich hin, während er zum Fenster lief und durch die eben entstandene Öffnung nach draußen sah.
„Da sehen Sie, dass auch ich manchen Leuten hier in der kleinen Stadt ein Dorn im Auge bin“, keuchte er und sah zu Sibelius, der jedoch nicht mehr auf der Kante des Ledersessels saß.
Sibelius lag auf dem Boden, mit dem Gesicht nach unten. Aus einer faustgroßen Wunde in seinem Rücken quoll Blut und färbte mehr und mehr seinen Rücken, bis es schließlich in einem kleinen Rinnsal zwischen seinem Körper und dem rechten Arm auf den Boden lief.
Fassungslos und keiner Regung mächtig stand der Professor vor dem Mann, für den es keine Rettung mehr gab, das sah er sofort. Es war eine Einschussstelle, die einer äußerst großkalibrigen Waffe. Nur eine solche war in der Lage, ein Fester zu zertrümmern und eine solch riesige Wunde in einem Menschen zu verursachen.
Als Wernecke sich gefasst hatte, griff er zum Telefon und verständigte den Notruf. Rettungswagen und Polizei würden gleich eintreffen, sagte man ihm zu, nachdem er seinen Namen und Wohnort angegeben hatte.
Er sah auf Sibelius nieder.
„Was zum Teufel steht nur auf dem Zettel, das Menschen veranlasst, Morde zu begehen? Was bezwecken diese Leute mit diesen Morden?“
Doch die Antwort auf seine Frage gab er sich selbst.
„Man will um alles in der Welt diesen Zettel haben. Dafür räumt man jedes störende Menschenleben aus dem Weg. Was ist das bloß für eine Mitteilung aus der Vergangenheit, die Menschen in der Gegenwart dem Tode weiht?“
Die noch recht kühle Frühlingsluft breitete sich durch die künstlich hervorgerufene Fensteröffnung im Wohnzimmer aus und der Professor fror. Er fror vor Kälte und er fror vor Angst. Wenn bisher zwei Menschen wegen dieses gottverdammten Zettels dran glauben mussten, dann hatte man es unter Umständen auch auf ihn abgesehen, jetzt, da er Mitwisser war. Zumindest musste das die andere Seite nach dem Besuch von Sibelius in seinem Haus glauben.
Wernecke ging zum Wohnzimmerschrank und öffnete eine Doppeltür. Zum Vorschein kam eine Getränke-Bar. Er nahm eine Flasche Cognac heraus, schenkte sich ein großes Glas ein und leerte es in einem Zug. Er spürte, wie sich der scharfe Alkohol den Weg durch seine Kehle bahnte, er fühlte die wohlige Wärme in seinem Körperinneren aufkommen und wie das Rasen seines Herzen langsam abebbte.
Hauptkommissar Werner Meyfarth lehnte über seinem Schreibtisch aus Buchenimitat im Kommissariat des Polizeipräsidiums in Trier. Er brütete über den Akten, die sich bereits über den Mord an Achim Kottelkamp angehäuft hatten und stützte nach einer Weile seinen Kopf in beide Hände. Er ließ den Fall noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren, doch es wollte sich kein Motiv für das Verbrechen ergeben. Und Spuren am Tatort? Bisher konnte er einzig und alleine auf die Projektile der benutzen Waffe zurückgreifen, doch auch deren Auswertung bei den Ballistikern dauerte noch an. Sie würden die Geschosse mit denen anderer Tatorte vergleichen und ob sich da ein Erfolg einstellen würde, wagte Meyfarth zu bezweifeln.
Erst einmal musste er sich auf die mündliche Aussage des Zeugen Peter Sibelius verlassen und er hoffte, dass er in der formellen Zeugenvernehmung –er schaute auf die Uhr- in einer Stunde vielleicht doch mehr erfahren würde, denn dass Sibelius mehr wusste, als er ihm gesagt hatte, das war für ihn offensichtlich.
Meyfarth war ein Menschenkenner, so wie es die meisten Polizisten waren, die ihr Leben lang mit Leuten aller Gesellschaftsklassen, darunter zahlreiche Straftäter, vor denen auch die Etikette nicht Halt machte, zu tun hatte.
Er hatte Sibelius kniend bei dem Toten vorgefunden und es war durchaus nicht abwegig, dass Kottelkamp ihm noch etwas mitteilen konnte.
Meyfahrth schüttelte den Kopf, als wolle er schlechte Gedanken loswerden. Aber wahrscheinlich irrte er sich ja auch. Sibelius hatte einen Freund verloren. Sein Verhalten ihm gegenüber war verständlich. Wenn er jedoch nichts zu verbergen hatte, musste er zumindest versuchen, sich zu erinnern! Auf Meyfarths Stirn zeigten sich Sorgenfalten. Er brauchte eine Beschreibung des Täters, und das bald. Sibelius würde sich gefälligst zusammenreißen müssen und seine Erinnerungen bemühen.
Читать дальше