„Wir verhaften dich im Namen des Kurfürsten, auf, dass es dir so ergehe wie jenen, denen du Tag für Tag Geständnisse entlocken musst.“
„Wessen bezichtigt Ihr mich, oh Herr? Ich bin ein untergebener Diener deines Herrn!“
„Ein Lump bist du, ein verdammter Dieb! Du hast den Herrn bestohlen. Du hast ihn einer seiner teuersten Schätze beraubt. Dafür sollst du büßen. Aber erst, wenn du uns verraten hat, wo du das Diebesgut versteckt hast.“
„Sie werden mich umbringen“, dachte der Foltermeister. „Ein Pardon gibt es in dieser Zeit nicht. Sie werden sagen, ich hätte es auf Befehl des Teufels getan. Mein Leben habe ich verwirkt, so oder so. Ich werde also leugnen. Wenn ich Hoffnung auf ein weiteres Leben haben will, dann nur, wenn ich leugne. Niemand kann mir etwas nachweisen. Niemand! Und wenn ich dann wieder ein freier Mann sein sollte, werde ich reich sein. Unendlich reich. Nein, ich werde schweigen.“
„Ich weiß nichts von einem Diebesgut, ich habe nichts Unrechtes getan! Ihr müsst mir glauben!“, flehte der Foltermeister und Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Ich werde doch meinen Herrn nicht bestehlen. Würde ich eine solch frevelhafte Tat begangen haben, der Tod solle mir gewiss sein.“
„Er wird dir gewiss sein, verlasse dich darauf!“
Der Mann nickte den bewaffneten Männern zu, die den sich wehrenden Foltermeister packten und dem Ausgang zu schleppten.
Ich werde schweigen und abstreiten, dachte der bei sich. Sie müssen mir glauben. Sie werden mir nichts beweisen können. Und finden werden sie erst recht nichts. Der Schatz gehört mir!
Sibelius legte den Hörer auf. Was sein Freund und langjähriger Wegbegleiter ihm soeben angedeutet hatte, weckte alle Neugier in ihm. Woran arbeitete Armin Kottelkamp derzeit eigentlich? fragte er sich, doch Sibelius wusste es nicht. Dass Armin stets auf der Suche nach Sensationen war, nach Unerforschtem aus vergangenen Tagen, war ihm schon bekannt. Daraus hatte sein Freund nie einen Hehl gemacht. Dennoch, er hielt Armin für einen Fantasten, immer auf der Suche nach dem Nichterreichbaren. Sein Verhalten heute jedoch ihm gegenüber war anders als sonst. War seine Arbeit von Erfolg gekrönt worden? Was hatte er denn so Wichtiges gefunden? Zu Übertreibungen hatte Kottelkamp eigentlich nie geneigt, wenn er auch oft einem Phantom hinterherjagte.
Sibelius schaute auf die Uhr. Die zwei Stunden waren nahezu verstrichen. Kottelkamp müsste jeden Moment bei ihm auftauchen. Doch nun schlug seine Neugier in Ungeduld um. Nach mehreren Blicken auf seine Armbanduhr entschloss er sich, außerhalb seiner Wohnung auf Armin zu warten. Etwas frische Luft würde ihm guttun. Der nahende Sommer weckte bei ihm mehr und mehr die in der Winzerzeit in den Hintergrund getretenen Wünsche nach Bewegung und so warf er sich eine dünne, aber dennoch gefütterte Jacke über die Schultern und begab sich aus seiner Wohnung im dritten Stock gemächlich Stufe für Stufe, nach unten.
Mit 65 Jahren war er auch nicht mehr der Jüngste und die rechte Hüfte bereitete ihm seit einem halben Jahr erhebliche Probleme. Um eine Operation würde er wohl nicht herumkommen, doch er verschob dieses Vorhaben immer wieder. Andere Dinge hatten für ihn Vorrang.
Draußen war es verhältnismäßig still. Sibelius wohnte abseits der verkehrsträchtigen Straßen am Stadtrand, ebenso wie Armin Kottelkamp es jenseits am anderen Ende der Stadt tat und die Anzahl der vorbeifahrenden Fahrzeuge hielt sich deshalb in Grenzen. Jetzt, da sich der Tag dem Abend zuneigte, hatten auch diese Fahrzeuge ihre Strecken hinter sich gebracht, die Insassen waren nach getaner Arbeit zu Hause bei ihren Familien.
Es war doch kühler als Sibelius es noch vorhin geglaubt hatte und so schlüpfte er in die Ärmel seiner Jacke, zog den Reißverschluss über dem kleinen Bauchansatz zu und schlug den Kragen hoch.
Plötzlich glaubte er, einen Schatten an der Hauswand der Straße auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung wahrgenommen zu haben. Er strengte seine Augen an, um deutlicher sehen zu können, denn seine Brille hatte er in der Eile in seiner Wohnung gelassen.
Ich habe mich getäuscht, lächelte er in sich hinein. Armin wird sich ja wohl nicht vor mir verstecken wollen.
Dann ging ihm ein Licht auf. Er will nicht gesehen werden, so wichtig scheint ihm das zu sein, was er mir nicht vorenthalten will.
Die Spannung in Sibelius stieg. Was Armin entdeckt hatte, konnte nur mit der Zeit der Inquisition des späten Mittelalters zusammenhängen. Ihnen beiden, ihm und seinem Freund, hatte es die Zeit der Hexenverfolgung angetan, mit dem kleinen Unterschied, dass sich Sibelius immer noch damit befasste, Prozess um Prozess ans Licht zu bringen und sie auszuwerten, insbesondere, was seinen heimatlichen Bereich betraf.
Alleine aus seiner Heimatstadt hatte er über 15 hingerichtete Personen ermittelt und sie den heute noch lebenden Familien zugeordnet. Eine genaue Recherche der Verfolgung im Kurfürstentum Trier war ihm durch den fast völligen Verlust der Gerichtsakten, die vermutlich zu einem großen Teil einer gezielten Vernichtungsaktion am Ende der Verfolgungsperiode zum Opfer gefallen waren, nicht mehr möglich gewesen. Aber allein das Verzeichnis des Amtmannes Claudius Musiel wies für den Zeitraum von 1588 bis 1594 die Hinrichtung von ca. 400 Personen aus rund 36 Dörfern der Abtei St. Maximin bei Trier und weiteren umliegenden Orten, darunter auch solche mit kurtrierischer Zugehörigkeit, aus.
Sibelius blickte nach allen Seiten die Straßen entlang, die von der Kreuzung vor seinem Haus wegführten, eine in die Innenstadt, zwei weitere aus der Stadt hinaus. Er kniff seine Augen zusammen, doch er sah Armin Kottelkamp nicht.
Dann fiel ein Schuss!
Und dann noch einer!
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, in der Einmündung einer Gasse auf die Kreuzung zu, stand sein Freund Armin. Offensichtlich hatte er die Passage des kleinen Kaufhauses benutzt, um den Weg über die Straße zu vermeiden.
Sibelius hob die Hand, um Kottelkamp zuzuwinken, ihn auf sich aufmerksam zu machen, ihm mitzuteilen, dass er sich die Treppe zu seiner Wohnung ersparen könne, doch er hielt mitten in der Bewegung inne. Sibelius stand wie angewurzelt, den Arm in halb erhobener Position und beobachtete, wie sein Freund, fast wie in Zeitlupe erst auf die Knie, dann nach vorne über mit dem Gesicht auf den Erdboden schlug und sich nicht mehr rührte.
Sibelius rannte über die Straße, über die Kreuzung, so schnell es seine lädierte Hüfte zuließ, den Namen seines Freundes laut rufend. Fast hätte er dabei eine Person umgerannt, die mit gesenktem Kopf, ebenfalls aus Kottelkamps Richtung kommend, einen Haken schlug und in Richtung Stadtmitte davonrannte. Es war offensichtlich ein Mann, der die Wollmütze tief in die Stirn gezogen hatte und damit die Erkennung seines Gesichts unmöglich machte.
Sibelius schaute nur kurz in seine Richtung, während der Hauch eines extrem maskulinen After Shaves an ihm vorbeiwehte.
Dann stand er vor Sibelius und beugte sich zu ihm herab. Armin Kottelkamp atmete, er lebte noch. Auf seinem Rücken hatten sich Blutflecken um zwei Einschusslöcher gebildet, die sich rasch ausbreiteten.
„Einen Notarzt, rufen Sie einen Notarzt!“, schrie er den herbeieilenden Leuten, zu. Offensichtlich war die gesamte Nachbarschaft durch die Schüsse aufgescheucht worden und witterte nun eine Sensation, an der sie zumindest als Gaffer teilhaben wollten.
„Du wirst das schaffen, Armin, es kommt gleich Hilfe!“, sprach er zu seinem Freund, während er ihn vorsichtig aus seiner Bauchlage auf die Seite drehte und sein Gesicht aus dem Straßenstaub entfernte.
Sibelius sah, dass Kottelkamp die blutverschmierten Finger seiner Hand mehrfach krümmte, als wolle er ihn zu sich herab winken und beugte sich aus seiner knienden Haltung zu ihm hinunter.
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