„In meiner Brusttasche … schnell ...!“
„Du darfst dich nicht bewegen, Armin, gleich kommt Hilfe. Es wird alles gut!“
„Meine Briefmappe … der Zettel … schnell! Nimm sie an dich … ehe es zu spät ist!“
Kottelkamp hustete, sein Gesicht wurde auf einmal fahl und blass. Seine Augen schauten Sibelius an, doch sie sahen ihn nicht mehr.
„Leb wohl, mein Freund“, kam es ihm mit Tränen in den Augen über die Lippen, doch dann dachte er an Armins Worte. Während er in der Ferne die Sirenen von Polizei und Krankenwagen vernahm, fasste er in die Innentasche des Jacketts, nahm die Brieftasche seines Freundes an sich und schob sie mit unbewegtem Kopf, nur die Augen nach beiden Seiten bewegend, unter seinen Hosengürtel und zog seine Jacke darüber. Er war sich sicher, dass ihn niemand dabei beobachtet hatte. Dennoch oder gerade deswegen kam er sich vor wie ein Dieb, der soeben seinen besten Freund bestohlen hatte.
Dann wurde er plötzlich unsanft zur Seite geschoben und als er aufsah, konnte er die Leute des Rettungsdienstes in ihren rot-weißen Kleidungen erkennen, die sich um Armin Kottelkamp zu kümmern begannen. Er hatte sie in seinem Schmerz nicht kommen hören, es spielte auch keine Rolle mehr. Sibelius wusste, dass es zu spät war, dass es keine Hilfe mehr für seinen Freund geben würde. Er drehte sich um und wollte gerade mit gesenktem Kopf durch die sich inzwischen angesammelte Menschenmenge zurück zu seiner Wohnung gehen, als er eine Hand auf seiner rechten Schulter spürte.
„Sie kannten den Toten?“ Die Hand gehörte einem Mann in den Fünfzigern, der ihn mit großen blauen Augen fragend ansah. Sein grauer Mantel, in der Taille gebunden mit einem Gürtel derselben Farbe und sein grauer Hut erweckte in Sibelius Erinnerungen an Humphrey Bogart, nur, dass der vor ihm stehende gut einen Kopf größer war. Sibelius wusste gleich, dass es sich nur um einen Polizisten handeln konnte, einen Kriminalbeamten und er wurde in dieser Ansicht auch sofort bestätigt.
„Entschuldigen Sie! Meyfarth, Kriminalhauptkommissar Werner Meyfarth, Kripo Trier. Sie kannten den Mann?“, wiederholte er und sah Sibelius direkt an, wobei er ihm kurz seine Dienstmarke unter die Nase hielt.
Sibelius nickte.
„Mein Name ist Sibelius, Peter Sibelius. Er war mein Freund“, sagte er. „Mein einziger Freund. Wer hat das getan? Warum?“
„Sie haben neben dem Toten gekniet. Ich habe sie beobachtet. Waren sie zusammen, als es geschah? Er wurde erschossen, das kann man deutlich sehen. Meine Kollegen vom Erkennungsdienst werden es mir gleich bestätigen.“ Meyfahrt zeigte zu der Gruppe Männer, die in gebückter Stellung in weißen Overalls dabei waren, den Tatort aufzunehmen. Der Rettungstrupp und der Notarzt hatten sich inzwischen zurückgezogen.
„Er war auf dem Weg zu mir. Wir hatten eine Verabredung.“
Sibelius antwortete knapp. Was sollte er seinem Gegenüber sagen? Sollte er ihm gestehen, dass er die Briefmappe von Kottelkamp eingesteckt hatte? Der würde sich spätestens dann wundern, wenn er deren Fehlen feststelle, beziehungsweise von seinen Kollegen erfahren würde, dass der Tote ungewöhnlicherweise ohne Papiere und Bargeld unterwegs gewesen war. Von ihm jedenfalls würde er in dieser Hinsicht nichts erfahren, noch nicht. Vielleicht später, wenn er die seltsame Botschaft, die Kottelkamp ihm angedeutet hatte, beiseitegeschafft hatte.
Meyfarths Fragen rissen ihn aus seinen Gedanken. „Dann haben Sie etwas gesehen? Erzählen Sie! Überlegen Sie genau! Jede Kleinigkeit ist von Bedeutung.“
Sibelius sah in die Richtung, wo sein Freund lag und wo sich die Kriminalbeamten mit ihm beschäftigten. Ein Leichenwagen fuhr vor, doch einer der Beamten winkte ab. Sie waren offensichtlich mit ihrer Arbeit noch nicht so weit.
„Es waren zwei Schüsse. Der Täter –ich glaube, es war der Täter- hat mich fast überrannt.“
„Sie haben den Täter gesehen?“
Meyfahrt blickte erstaunt und erwartungsvoll. „Beschreiben Sie den Mann! Ich werde eine Fahndung nach ihm veranlassen.“
„Es wird nicht reichen.“
„Was wird nicht reichen?“
Meyfahrt schien ungeduldig. „Machen Sie schon! Jede Minute ist kostbar.“
„Es wird nicht für eine Fahndung reichen. Die Person, ich glaube -hören Sie, ich glaube! - dass es ein Mann war, hatte eine Wollmütze auf und weil er mit gesenkten Kopf an mir vorüberlief, konnte ich sein Gesicht nicht sehen.“
„Was hatte er an?“
„Es ging alles so schnell. Ich habe mich auf meinen Freund konzentriert. Soweit ich mich erinnere, trug der Mann eine dunkle Jacke und eine dunkle Hose.“
„Und weiter? War er groß? War er klein? Dick oder dünn? Hinkte er? Wohin ist er gelaufen?“
Sibelius sah Meyfarth fast abwesend an. Die Fragen, die auf ihn einprasselten, erreichten ihn nur teilweise. Sein Blick wurde immer wieder wie von einem Magneten zu dem Toten hingezogen. Warum hatte man ihn ermordet? Hatte es etwas mit dem von Kottelkamp erwähnten Papier zu tun? Und wenn es so war? Plötzlich kam es ihm in den Sinn, dass auch er unter Umständen in großer Gefahr schwebte. Er war nun der Besitzer des ominösen Zettels. Wenn nun der Täter gesehen hatte, dass er bei seinem Freund kniete musste er doch davon ausgehen, dass Armin Kottelkamp auf dem Weg zu ihm war.
Sibelius begann zu zittern, vor Aufregung, aber vor allem vor Angst.
„Herr Sibelius, ist Ihnen nicht gut?“, hörte er wie aus weiter Ferne sein Gegenüber fragen. „Kommen Sie, ich begleite Sie in Ihre Wohnung.“
„Nein, danke, es ist nichts“, entgegnete Sibelius, der sich wieder gefangen hatte. „Eine kleine Schwäche. Ist gleich vorbei.“
„Hören Sie!“, sagte Meyfahrt und seine Stimme klang eindringlich. „Sie müssen mir nun erzählen, was Sie wissen. Wir müssen etwas unternehmen, sofort! Wir wollen die Chance nutzen, den Täter zu fassen. Das ist doch auch in Ihrem Sinne!“
„Er ist da rüber gelaufen.“
Sibelius zeigte in die Richtung, in die er glaubte, dass der Mann sich entfernt hatte. Er war sich selbst nicht mehr sicher.
„Doch, da fällt mir noch etwas ein. Als der Mann an mir vorüberlief, konnte ich sein After Shave riechen. Aufdringlich. Sehr aufdringlich. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Darf ich nun gehen?“
„Gehen Sie! Das After Shave ist ein schlechter Hinweis. Verwenden viele Männer.“
Meyfahrt wandte sich zum Gehen.
„Aber halten Sie sich zu meiner Verfügung! Ich brauche Ihre schriftliche Aussage. Sie hören von mir.“
Kurz darauf ließ sich Sibelius, vom Steigen der Stufen in seine Etage noch außer Atem, auf einen Stuhl in seiner kleinen Küche fallen und schnaufte erst ein paar Mal durch. Dann ging er zum Fenster, von wo aus er in einiger Entfernung die Türme des Doms, der Liebfrauenkirche und den von St. Gangolf sah. Aber von hier aus konnte er auch genau auf die Stelle sehen, wo es seinen Freund Armin Kottelkamp erwischt hatte.
Die Leichenbestatter hatten ihn offensichtlich eingesargt, denn sie trugen einen hölzernen Schrein und schoben diesen in das Heck des Leichenwagens. Dann brauste der schwarze Kombi mit den aufgemalten silbernen Palmblättern auf den Seitentüren davon. Auch die Polizei zog nun ab und die Gaffer entfernten sich, hier und dort miteinander diskutierend, in alle Richtungen.
Dann war der Platz leer. Genauso leer, wie er noch vor einer Stunde vor dem Vorfall war und nichts deutete darauf hin, dass vor kurzer Zeit genau an dieser Stelle ein Mensch sein Leben hatte lassen müssen.
Dort unten nahm die Welt ihren weiteren Lauf, doch in der kleinen Wohnung von Sibelius schien sie still zu stehen. Nachdem er sich von der Anstrengung des Treppensteigens erholt hatte, erinnerte er sich der Brieftasche unter seinem Hemd und zog sie langsam und bedächtig, als könne er ihr einen Schaden zufügen, hervor. Aufgeregt und mit zitternden Händen schlug er die beiden ledernen Seiten auf und legte sie vorsichtig auf dem Tisch ab. Aus den Fächern der Innenseiten lugten diverse Papiere hervor, darunter ein paar Geldscheine, der Personalausweis von Kottelkamp, mit dem typischen Passfoto, das nach neuesten Vorschriften wie ein Bild aus einem Verbrecheralbum wirkte. Sibelius zog ihn vorsichtig heraus und betrachtete lange das Foto seines Freundes und seine Augen wurden feucht. Schließlich steckte er den Ausweis zurück in das Fach und untersuchte die Mappe näher. Dann stieß er auf ein gefaltetes Blatt weißen Papiers und als er es aufschlug, wusste er, dass er gefunden hatte, was er suchte. Er starrte gebannt auf den Zettel vor sich, von dem er glaubte, dass er der Grund war, der zum Tod seines Freundes Armin Kottelkamp geführt hatte.
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