Professor Theodor von Wernecke rieb sich die Augen, um der aufkommenden Müdigkeit entgegenzuwirken. Es war ein langer Tag gewesen, doch mit dem Ergebnis der letzten 10 Stunden war er mehr als zufrieden. Gemeinsam mit seinem Team war der Archäologe seit nahezu einem Jahr auf der Suche nach Relikten der Vergangenheit. Während andere Berufskollegen die Welt erforschten und Geheimnisse der vergangenen Jahrmillionen aufdecken wollten, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, anhand von Funden das Leben im Mittelalter nachzuempfinden.
Wernecke wusste schon, dass diese Zeit nicht nur erforscht, sondern auch durch zahlreiche Schriften und Überlieferungen belegt war, denn der Zeitraum, der ihn interessierte, lag über 400 Jahre zurück. Und dennoch hatte es ihm diese Zeit angetan. Die Zeit der Inquisition, der Hexenverfolgung, die Zeit der Massenhinrichtungen von Menschen, der Verbrennung so genannter Hexen und Zauberer oder die zahlreichen anderen Todesarten, die sie ereilten.
Wenn man ihn danach fragte, was er denn eigentlich suchte, er hätte darauf keine exakte Antwort geben können. Er wusste es selbst nicht so genau. So hatte er auch weder einen staatlichen Auftrag zu irgendwelchen Ausgrabungen, noch hatte ihn ein Museum darum gebeten. Dank seiner finanziellen Lage war es ihm möglich, sich nicht um anderer Leute Interessen kümmern zu müssen und in Gottes freier Natur konnte jeder das tun, was ihm beliebte, wenn es niemand anderen beeinträchtigte. Mit den Bewohnern der in der Nähe seines Wirkungskreises gelegenen Orte kam Wernecke gut zurecht. Man achtete ihn, denn in unregelmäßigen Abständen unterstützte er die eine oder andere Institution mit kleineren Investitionsspritzen und so sah man auch keine Veranlassung, ihm zu untersagen, sein Suchen auf privaten Feldern oder Wiesen durchzuführen, wenn er später alles so, wie er es vorgefunden hatte, auch wieder hinterließ.
Wernecke schaute über die hügelige Landschaft hinüber zu der Abtei Sankt Benedikt, die sich rund einen Kilometer entfernt auf einem Hügel in ihrer vollen Größe präsentierte. Im Tal schlängelte sich das Bett der Saar und am Horizont waren die Konturen der alten Römerstadt gerade noch wahrzunehmen. Es war ein Anblick, der jeden Maler entzückt hätte.
Mitten in der flachen Landschaft hatte sich die Erde zu einem riesigen Hügel gewölbt und das Kloster auf seiner Spitze machte den Eindruck einer Burg, die sich in vergangenen Zeiten der Angriffe von Feinden hatte erwehren müssen.
Wernecke hatte sich in den vergangenen Jahren mit dem traurigen Kapitel der Hexenverfolgung auseinandergesetzt und es zu seinem Hauptaufgabengebiet gemacht. Er konnte es sich leisten, das zu tun, was er wollte. Er war heute 43 Jahre alt, hatte sein finanzielles Schäfchen im Trockenen und konnte sich eine kleine Crew von Gleichgesinnten leisten, die unter ihm die für ihn wertvollen Forschungsarbeiten leisteten.
Sie hatten sich gerade diesen Ort für ihre Forschungszwecke ausgesucht, denn das Gebiet lag nicht mehr in dem so genannten Bereich der Hochburgen jener Zeit, sondern war nach Aussagen einschlägig bekannter Wissenschaftler lediglich ein Ausläufer. Aber gerade das machte es für Wernecke so interessant. Und die Stelle, auf der er und seine Leute sich gerade befanden, war in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg um mehrere Meter aufgeschüttet worden. Dass dies geschehen war, hatten seine Recherchen ergeben, doch warum es geschehen war, das war bis heute ein Geheimnis. Schon oft hatte er sich gefragt, wer dahintersteckte und je mehr er darüber nachgrübelte, umso öfter schaute er in Richtung des Klosters in der Ferne, mit seinem malerischen wolkenverhangenen Hintergrund, durch den sich gerade in diesem Moment gebrochene Sonnenstrahlen den Weg suchten und die Abtei fächerförmig einschlossen.
Wernecke war müde und auch seine Leute schienen für heute von der Arbeit genug zu haben. Während der letzten 20 Tage hatten sie hier gesucht, gegraben, und gehofft, doch die Enttäuschung war an jedem Tag mit dabei. Doch Wernecke war sich sicher: Irgendwann würde er fündig werden und er würde beweisen, dass gerade hier, in diesem Bereich um das Kloster und unter dieser Aufschüttung aus vergangener Zeit Relikte zum Vorschein kommen würden, die bestätigten, dass Menschen hier leiden mussten, hier verurteilt wurden, hier hingerichtet wurden. Und dann würden sich auch alle seine Vermutungen bestätigen.
Mit einem letzten Blick auf das Kloster drehte er sich zu seinen Leuten, die das Gelände absuchten, hier und da gruben oder Bodenproben mit dünnen Erdbohrern hervorholten.
„Für heute ist es genug!“, rief er ihnen zu und winkte dabei heftig mit den Armen, so dass auch die Entferntesten wussten, was er ihnen mitteilen wollte.
Er klopfte sich die khakifarbene Hose und die Arbeitsjacke der gleichen Farbe mit seiner sommerlich dünnen Schirmmütze aus und offenbarte dadurch sein Haupt mit dem dichten, fast schwarzen Haar, dessen leichte Naturwellen er nach hinten zu kämmen pflegte.
„Wollen wir wirklich hier noch weiter nach etwas suchen, von dem wir nicht wissen, was es sein könnte?“, hörte Wernecke eine Stimme hinter sich.
Er erkannte die Stimme. Es war Dr. Frederik Heidrich, sein jüngerer Kollege und Partner, mit dem er seit zwei Jahren eng zusammenarbeitete.
Wernecke drehte sich um und sah ihn an.
„Ich bin mir sicher, dass wir in diesem Bereich etwas finden. Er machte eine weit ausholende Bewegung mit seinem rechten Arm, wodurch er optisch den Aktionsradius beschrieb.
„Wir machen weiter, morgen. Für heute ist es genug. Wie wär`s mit einem Gläschen Rotwein? Bei mir. Als Feierabendtrunk?“
Noch ehe er eine Antwort erhalten konnte, klingelte sein Handy und er ärgerte sich gleich, dass er vergessen hatte, die Anrufweiterschaltung abzustellen. Mit einem Blick auf Heidrich hob er die Schultern fragend an und meldete sich. Der Anrufer hatte ihm offensichtlich einiges zu erzählen, denn Wernecke hörte nur stumm zu, nickte gedankenverloren und schaute schließlich zu Heidrich hinüber.
„Es wird nichts aus unserem gemeinsamen Trunk heute Abend“, sagte er. „Ich erwarte noch Besuch.“
„Ist alles in Ordnung?“
Heidrich sah seinen Chef erwartungsvoll an.
„Ja, alles in Ordnung“, antwortete der nachdenklich. „Entweder war das gerade ein Verrückter, oder er hat etwas, das für uns zur Sensation werden könnte. Einer nicht ganz ungefährlichen, wie ich heraushörte, wenn es denn nicht nur Geschwätz war.“
„Nicht ungefährlich?“
Heidrich verstand nichts von dem, was der Professor soeben von sich gab.
„Angeblich soll ein Mord geschehen sein. Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit, die mir der Anrufer heute Abend offenbaren will. Er hat mich um Diskretion gebeten, jeder Person gegenüber. Ich hatte den Eindruck, der Mann hatte panische Angst.“
„Dann brauche ich wohl keine weiteren Fragen zu stellen?“, schmollte Heidrich und schickte sich an, sein Arbeitszeug zusammenzusuchen.
„Nun seien Sie mal nicht eingeschnappt. Sie wissen, dass Sie mein vollstes Vertrauen genießen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Seien Sie heute Abend, sagen wir so gegen 21 Uhr bei mir. Dann werden wir beide wissen, woran wir sind. Übrigens: Der Mann kommt so gegen halb acht. Lassen Sie mir die Zeit mit ihm!“
***
Sibelius kam pünktlich um halb acht.
Als Wernecke ihm die Haustür öffnete, stand ein total verängstigter und eingeschüchterter Mann vor ihm, der nach allen Seiten witterte wie ein scheues Tier, das seine Jäger hinter sich spürte. Zitternd nannte er seinen Namen und setzte atemlos an, Worte zu bilden.
„Nun kommen Sie erst einmal herein!“
Wernecke geleitete Sibelius, der bislang noch kein Wort herausbekommen hatte, in sein feudales Wohnzimmer und forderte ihn auf, am Fenster, in einem seiner bequemen Ledersessel Platz zu nehmen.
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