„Folgen Sie mir!“
Die Aufforderung war knapp und der Professor hatte sich bereits auf dem Absatz umgedreht und die drei Ermittler folgten ihm.
„Mein Arbeitszimmer.“
Der Professor zeigte auf die dunkelbraunen Ledersessel vor einem riesigen Glastisch, in dem sich die wuchtigen Möbel des Raumes spiegelten. „Ich kann mir vorstellen, was Sie mich fragen wollen“, sagte Wernecke, während sie Platz nahmen.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Ein Glas Wein vielleicht?“
Meyfarth schüttelte den Kopf.
„Sie kannten Peter Sibelius?“
„Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen“, antwortete der Professor und fügte hinzu: „Und das letzte Mal, das ist sicher.“
„Was wollte er bei Ihnen? Sein Besuch war also keiner der üblichen Art. Wie sie sagten, kannten Sie ihn ja nicht.“
„Sibelius rief mich heute Nachmittag auf meinem Ausgrabungsfeld an, per Mobiltelefon. Er wollte mir etwas mitteilen, was seiner Meinung nach von bedeutender Wichtigkeit war.“
„Und heute Abend hat er es Ihnen mitgeteilt?“
„Nein, er wollte mir etwas sagen, doch in diesem Moment fiel der Schuss und die Fensterscheibe …“
„Sie wollen also sagen, dass Sibelius sich bei Ihnen angemeldet hatte, um Ihnen ein, sagen wir, Geheimnis anzuvertrauen, dass er den Termin eingehalten hatte und just in dem Moment, als er Ihnen dieses Geheimnis anvertrauen wollte, erschossen wurde?“
„Genauso ist es. Der Täter muss unser Gespräch mit angehört haben. Glauben Sie mir, mir liegt ebenso viel daran wie Ihnen, zu erfahren, was hier eigentlich los ist. Ich weiß nicht, was der Mann von mir wollte. Ich weiß es wirklich nicht.“
„Es muss aber etwas sein, das auch Sie betrifft. Haben Sie sich mal darüber nachgedacht, dass auch Sie in Gefahr sein könnten? Vielleicht sind Sie nach Ansicht des Täters ein Mitwisser.“
„Mitwisser? Wobei? Ich weiß nichts. Der Mord geschah, ehe der Mann mir etwas sagen konnte.“
„Dann wünsche ich Ihnen, dass der Täter das auch so sieht.“
„Wollen Sie damit sagen …?“
„Ich will Ihnen schlicht und ergreifend zu verstehen geben, dass auch Sie sich durchaus in Gefahr befinden“, sagte Meyfarth mit Nachdruck in seiner Stimme.
„Wenn Sie also etwas wissen sollten, würde ich Ihnen vorschlagen, es jetzt zu sagen. Noch sind wir in der Lage, Sie zu schützen.“
„Sie wollen mich beschützen? Wie wollen Sie das tun? Ihre Kollegin dort, vielleicht könnte sie Tag und Nacht in meiner Nähe sein.“
Wernecke lachte.
„Entschuldigen Sie, war nicht ernst gemeint … obwohl ...“
Er lächelte die Kriminalkommissarin an, die ihm mit einem eisigen Blick antwortete.
„Ich möchte Sie morgen früh auf der Dienststelle sehen!“, sagte Meyfarth und sah sich ein letztes Mal im Raum um.
„Und lassen Sie das da reparieren! Heute noch, wenn auch nur provisorisch.“
Er zeigte mit vielsagender Miene auf die glaslose Fensteröffnung und nestelte aus seiner Jackentasche ein kleines Stück Papier.
„Hier, meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an! Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“
Der Mann in Schwarz stellte sein Motorrad an der Rückseite des Klosters gegen das Gemäuer des ehrwürdigen Gebäudes und lief entlang der Längsseite zum Portal, wo er heftig läutete. Es dauerte eine Weile, bis sich der linke Flügel des schweren hölzernen Tores einen Spalt öffnete, von unsichtbarer Hand, wie es schien.
Er schlüpfte durch die Öffnung und einen kurzen Moment später fiel das wuchtige mit Eisen beschlagene Teil des Holzportals mit einem dumpfen Schlag ins Schloss, der in den überdimensionalen steinernen Räumlichkeiten gleich einem tiefen Paukenwirbel widerhallte.
„Es ist nicht gut, dass du so oft herkommst!“
Der Benediktiner-Mönch hatte sich bereits umgedreht und ging bedächtigen Schrittes voran und der Mann folgte ihm. Der Mönch hatte seine Arme in den weiten Ärmeln der schwarzen Kutte untergebracht und die übergroße Kapuze, obwohl er sich im Inneren des Klosters befand, über den Kopf gezogen, so dass der Kopf gänzlich darin verschwand und sein Gesicht nicht zu erkennen war.
„Ich möchte beichten, ehrwürdiger Vater!“, sagte der Mann in Schwarz, während er dem Mönch folgte, ohne zu wissen, wohin dessen Weg führte.
Der Mönch hielt in seinem Schritt inne und stand einen Moment regungslos da. Auch der Mann in der schwarzen Kleidung blieb stehen. Der Mönch drehte sich zu ihm herum und durch die Strahlen der Sonne, die durch das Oberlicht über dem Portal auf sie hernieder schien, war sein Gesicht klar und deutlich zu erkennen.
„Ich bin Bruder Urbanus, mein Sohn“, sagte der Mönch, doch dieser Erklärung hätte es nicht bedurft. Der Mann in Schwarz hatte ihn sofort erkannt.
Der Mönch streifte seine Kapuze nach hinten vom Kopf, so dass sie auf seinem Rücken zu liegen kam und entblößte eine Haarfrisur, wie sie in früheren Zeiten in den Klöstern üblich war. Der Geistliche hatte sich einer Tonsur unterzogen und unwillkürlich kamen dem Mann Bilder von Patres aus der Zeit des Mittelalters ins Gedächtnis.
Der Mönch war an die siebzig Jahre alt und der Mann wunderte sich darüber, wie zurückhaltend sich der Geistliche ihm gegenüber verhielt.
„Er ist einer der Urkonservativen“, dachte der Mann in Schwarz.
„Er wird mich verstehen, er wird mir helfen, mir weiterhin Unterschlupf gewähren. Er ist wie ich, ich spüre es.“
„Bruder Urbanus, welch eine Freude, Sie zu sehen. Es sind einige Wochen her …“
„Du möchtest beichten?“
Die Frage des Mönchs klang irgendwie unpersönlich. Es klang, als wüsste er Bescheid über all das, was den Mann in Schwarz betraf, was er getan hatte, wozu er fähig war und dass er es wieder tun würde, sollte es seiner Ansicht nach erforderlich werden.
„Ich kann dir die Beichte abnehmen, wieder einmal. Aber ich glaube nicht, dass ich dir die Absolution geben kann. Du bereust nicht und du lebst mit einem neuen Vorsatz, ich ahne es. Du glaubst, du kannst dich reinwaschen von deinen Sünden, wenn du beichtest. Du glaubst, dir auf diese Weise ein sauberes Gewissen verschaffen zu können. Nein, mein Sohn, so geht das nicht. Du hast den falschen Weg eingeschlagen.“
„Aber ich muss doch etwas tun! Ich tue es doch auch für euch, für alle hohen Herren. Ich bin ihr treuer Diener und ich kann es nicht zulassen, dass Eindringlinge das Haus Gottes und seiner Getreuen in den Schmutz ziehen. Ich kann es nicht zulassen und ich werde es nicht zulassen.“
„Ich werde dir deine Zelle im Dormitorium für die Nacht herrichten lassen. Du wirst also wieder einmal einige Tage hier bei uns verbringen.“
Er ist tatsächlich so konservativ, wie ich ihn immer eingeschätzt habe, dachte der Mann in Schwarz.
Er bezeichnet den Bereich der Zellen des Klosters als Dormitorium, einer nicht mehr gebräuchlichen Wortwahl für die heutige Zeit.
Der Mann in Schwarz kannte sich aus mit den Gepflogenheiten im Kloster, mit den Räumlichkeiten, mit der Tradition. Er war heute nicht zum ersten Mal hinter diesen Mauern, vielmehr fühlte er sich hier wie zu Hause. Einen großen Teil seiner Kindheit und seiner Jugend hatte er hier verbracht, als nach dem Tod seiner Mutter der Vater die Mönche gebeten hatte, ihn während seiner Arbeitszeiten für einige Stunden zu beschäftigen. Doch es war mehr daraus geworden, zum Leidwesen seines Vaters.
Der Junge hatte sich zu den Männern in den schwarzen Kutten hingezogen gefühlt und sie hatten ihn großgezogen, weit mehr, als es sein Vater getan hatte, ja hätte tun können.
Er fühlte sich ihnen verpflichtet, heute mehr denn je, wo er glaubte, dass sich eine Gefahr für diesen Ort zusammenbrauen würde.
„Wir müssen Abt Benedikt von deiner Anwesenheit in Kenntnis setzen. Ich kann dich nicht hinter diesen Mauern verstecken und deine Anwesenheit vor ihm geheim halten. Wenn er dein Hiersein nicht duldet, musst du unser Haus wieder verlassen.“
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