Hinzu kam, dass sie selbst für sich keinen Hoffnungsschimmer mehr sah. Sie hatte sich bereits in ihr Schicksal ergeben, hatte in den folterfreien Phasen gebetet und irgendwann wunderte sie sich, dass sie immer weniger Schmerzen verspürte. Doch sie schrie weiter, denn wenn ihre Peiniger merkten, dass ihre Arbeit zur Farce wurde, würden sie sich in ihrer Brutalität steigern.
Man hatte ihr bereits Daumenschrauben angelegt und ihr die Knochen und die Gelenke zerquetscht und zerbrochen und sie als zweiten Foltergrad auf die Streckbank gebunden.
Die Männer hatten mehr Spaß und Freude, wenn dort ein Mann lag. Der nämlich wehrte sich über einen längeren Zeitraum und gemäß der schriftlichen Anleitung zum gerichtlichen Prozess, in der es hieß, dass der „hartnäckigste Inquisit also auseinandergezogen werden soll, dass man durch seinen Bauch ein Licht scheinen sieht, das hinter ihm gehalten wird“, hatte man ihnen die Gewalt gegeben, die Beendigung dieses Foltergrades selbst zu bestimmen.
Mit der Frau waren sie auf der Streckbank schonend vorgegangen. Sie hatten mehr davon, sie an den auf den Rücken gefesselten Händen frei in der Luft aufgehängt zu sehen und ihren nackten Leib zu betrachten. Ab und zu zog einer der Knechte an den Beinen der Frau und brachte ihren Körper zum Wippen und in diesen Momenten schaute man gespannt zu, denn es konnte sein, dass die Arme aus ihren Schultergelenken sprangen. Noch war dies nicht der Fall und noch hatten die Folterknechte keine Gewichte an die Beine der Frau gebunden, eine Erleichterung für die Männer, die so nur abzuwarten brauchten, bis derartiges geschah.
Das Männlein an seinem kleinen Tisch notierte alle durchgeführten Maßnahmen an der Delinquentin, denn als Gerichtsschreiber war es seine Aufgabe, alles für die Nachwelt festzuhalten. Es war eigentlich nicht oft der Fall, dass er alleine mit den Folterknechten hier unten seine Zeit verbrachte. Meist waren mindestens zwei der hohen Herren dabei und dann ging es nicht gerade so grausam zu, wie an diesem Tage, da die drei Halunken freie Hand für ihre perversen Gedankenspiele hatten.
Der Tag näherte sich dem Abend zu und die Frau in ihrer Aufhängung spürte die Schmerzen nicht mehr. Sie war zwischenzeitlich ohnmächtig geworden und so schwand für die drei Peiniger das Interesse.
Sie banden die Frau los und brachten sie in ihre Zelle, einen Gang entfernt in dem unterirdischen Verlies und warfen sie auf eine hölzerne Pritsche. Das Männlein packte seinen Schreibkram zusammen, klemmte alles unter den Arm und zog in leicht gebeugter, schon demütig anmutender Haltung durch die Gänge, dem Ausgang mit dem kleinen, aber überaus stabilen Tor zu.
Auch die beiden jüngeren Folterknechte packten ihre dreckigen Hemden und streiften sie über die schweißnasse Haut. Dann trotteten sie davon. Sie würden sich in der Dorf-Schänke an dem Weine gütlich tun, und das zur Genüge, denn die Zeche bezahlte die Obrigkeit meist aus der Habe der Verhafteten.
Die Verfolgung vermeintlicher Hexen diente nicht selten auch wirtschaftlichen Interessen, denn das Vermögen der Abgeurteilten wurde von der zuständigen Obrigkeit eingezogen, sowohl zur Deckung der Verfahrenskosten als auch zur persönlichen Bereicherung. Die hinterbliebenen Familien mussten ein sogenanntes Ablassgeld bezahlen, dass viele von Ihnen zwang, ihr Hab und Gut zu Schleuderpreisen zu verkaufen.
Die Käufer waren entweder die Kirchenleute selber oder Verwandte, das Ablassgeld wanderte dann wieder in die Taschen des Probstes. Davon profitierten auch die Folterknechte, die im Wirtshaus prassen konnten, denn die Obrigkeit zahlte die angeschriebenen Gelage und den Alkohol, der während der Folterungen verzehrt wurde. Das ließ die Hemmungen schwinden und der Peinigung freien Lauf geben und war ganz im Sinne der hohen Gerichtsbarkeit.
Die beiden lachten, bis ihnen der Speichel aus den Mundwinkeln lief, während sie ihrem Trunke entgegenstrebten. Dass ihnen das Geld ausginge, davor hatten sie keine Sorge, denn man würde weitere Festnahmen durchführen. Ein Prozess, bei dem es nicht zu erben gab, war weniger interessant, es sei denn, dass persönliche Feinde den Leidensweg gingen.
So lag die Folterkammer nahezu verlassen da, wenn dort nicht noch der Foltermeister gewesen wäre, der, so hatte es den Anschein, nur darauf gewartet hatte, dass er ungestört und in aller Ruhe einer Erledigung nachgehen konnte.
Er schloss die Türen, die Einlass zu diesem Verlies gewährten, indem er die mächtigen Riegel vorschob und nahm eine der Pechfackeln aus ihrer Halterung von der Wand. Dann schlich er gebückt, als trage er eine schwere Last auf seinen Schultern, zum Ende des Raumes und verharrte vor einem mächtigen Tisch aus Eichenholz, der genau in der Ecke des Raumes stand.
Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihm, den Tisch, auf dem einige der eisernen Folterwerkzeuge abgelegt waren, von der Wand wegzuschieben. Dann bückte er sich und betrachtete einen bestimmten Stein, der nicht ganz die Ausmaße der anderen besaß. Der Stein saß passgenau in der Mauer und fügte sich ohne Mörtel so ein, dass ein Außenstehender der fehlenden Verbindung nicht gewahr wurde.
Der Mann griff unter seinen Gürtel und brachte ein kleines, rund geschmiedetes Eisen hervor, das als Schaft einen kleinen Holzgriff besaß und an der Spitze rechtwinklig abgebogen war, wodurch sich die Form eines dünnen Dietrichs ergab und schob das Metall in eine kleine, kaum sichtbare Lücke in der unteren Fuge, eine Unterarmlänge tief in das Innere hinein.
Offenbar hatte er dort bereits eine Vorarbeit getätigt, denn er drehte mit dem hölzernen Knauf das dünne Metall, so dass sich die Nase an der Spitze nach oben drehte und irgendwo Halt fand. Dann zog er an diesem Holzgriff und mehr und mehr schaffte er dadurch den Stein nach außen, bis schließlich die Öffnung in der Wand vor ihm lag.
Der schweißnasse Foltermeister sah sich, während er dort auf dem Boden kniete, noch einmal im Raum um, obwohl niemand dort anwesend sein konnte und griff in die Öffnung. Ein erleichtertes Lächeln legte sich auf die derben Züge seines Gesichts und als er die Hand wieder herauszog, hielt er darin einen Gegenstand, von der Größe seines Handtellers, eingewickelt in ein schmutziges Tuch, das er mit langsamen Bewegungen und gierigem Blick auseinanderfaltete.
Plötzlich hörte er Geräusche, die näherkamen. Irgendjemand musste das kleine Tor geöffnet haben und bahnte sich offensichtlich den Weg durch die dunklen Gänge des Kellerverlieses. Es mussten mehrere Personen sein, denn sie redeten laut, forsch und zwischendurch glaubte er, Ketten und Waffengerassel zu hören.
Schnell schlug er das Tuch um den offensichtlich wertvollen Gegenstand, verstaute das Ganze in der Öffnung und schob den Stein wieder bis zum Anschlag hinein und entriegelte die Ausgangstür der Folterkammer. Niemand würde Verdacht schöpfen, dass sich hinter diesem Quader in dem Gemäuer einer Folterkammer ein solches Versteck befand.
Der Foltermeister lächelte. Doch als die Stimmen und Geräusche immer näherkamen, überfiel ihn doch eine gewisse Portion Sorge. Was wollten sie hier? Wussten sie, dass er noch hier unten verweilte. Um diese Zeit war die Folterkammer verlassen, ihn und seine Knechte konnte man dann im Wirtshaus antreffen. Was bewog also die Leute, gerade heute, um diese Zeit, hierher zu kommen?
Dass der Besuch ihm allein galt, wusste er gleich, als er die schwer bewaffneten Männer sah. Zwei von ihnen stürzten sich sogleich auf ihn, warfen ihn zu Boden und fesselten seine Hände auf dem Rücken. Dann stellten sie ihn wieder auf die Beine und einer der Männer, der offenbar der Garde des Kurfürsten angehörte, trat vor ihn. Er war unbewaffnet, sein Gehrock von feiner Qualität, die Bundhose aus glänzendem Stoff, sein breitkrempiger Hut schien sich durch die Schatten werfenden Fackeln auf dem breiten weißen Kragen seiner bauschigen Jacke widerzuspiegeln.
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