»Nein«, sagte er und die Tragweite dieser Äußerung war ihm völlig klar. Wenn Meurers nichts damit zu tun hatte, dann tappten sie im Moment restlos im Dunkeln.
Sie schritten durch den Garten, nickten der Spurensicherung und dem Polizeifotografen zu, die sich an die Arbeit machten und gingen zu ihrem Auto.
Plötzlich wedelte der Streifenpolizist, der sie empfangen hatte, wild mit den Armen.
Er redete hektisch mit einer alten Frau, die in Kittelschürze, Filzpantoffeln und Lockenwicklern im Haar aussah wie ihre eigene Karikatur.
»Eine Nachbarin«, sagte der Beamte, als Keller und Gotthard ihn erreicht hatten. »Sie möchte eine Aussage machen.«
Die alte Dame musterte die Kommissarin aufmerksam. »Haben Sie hier dat Saaren?«, fragte sie in breitester Mundart.
»Ja. Kriminalhauptkommissar Keller«, stellte sie sich vor.
»So´n junges Ding«, murmelte die Frau.
»Sie haben eher jemanden wie Derrick erwartet«, vermutete Keller und zauberte damit tatsächlich ein Lächeln auf das Gesicht der Alten.
»So unjefähr«, sagte sie. »Aber ejal.« Die Kommissarin trat von einem Bein auf das andere. Was sie jetzt gar nicht gebrauchen konnte, war eine Diskussion über Frauen bei der Polizei oder Ähnliches. Umso überraschter war sie, als sie die nächsten Worte der Dame hörte.
»Ich hab den Täter jesehen«, sagte sie.
»Täter?« Keller war baff.
»Nä, wenn hier so en Jedöns jemacht wird, dann doch sischer net, weil dä Meurers normal über die Wupper jejangen is«, erklärte die Zeugin und konnte, trotz der ernsten Situation ein Schmunzeln nicht unterdrücken, als sie auf die Leute der Spurensicherung in ihren weißen Anzügen deutete. »Dat is hier wie bei CSI«, sagte sie. »Also hat irjendeiner den Alten abjemurkst. Un ich weiß, wer.«
Keller wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. »Und?«, fragte sie. »Wer war es?«
»Dä Meurer hatte dis Daach zwei Mal Besuch von nem janz komischen Typen«, sagte sie. »Ich kann von meiner Küche aus…«, sie deutete auf ein Nachbarhaus. »Von da aus jenau in den Jarten gucken. Un ich hab jesehen, wie der Alte mit so einem komischen Vogel jeredet hat.«
»Und? Wie sah der »Vogel« aus?«
Die Alte genoss ihren Auftritt sichtlich. Sie warf sich noch einmal in Positur, bevor sie den nächsten Satz abschoss. »Ja nää, viel war ja nu nich von ihm zu sehen«, sagte sie und Keller wollte sich schon umdrehen. Doch dann erreichten die nächsten Worte ihre Ohren und ein eisiger Schauer lief über ihren Rücken. »Der Mann war riesisch. Un er truch so nen Mantel mit tausend Taschen, der jing fast bis zum Boden. Und dat Jesicht war kaum zu sinn, dä hott enne lange schwatte Bart. Wie enne so ne Schäfer.«
Den letzten Satz hörte Keller gar nicht mehr. Aber der Rest hatte sich in ihr Hirn gebrannt. Ihr Gefühl hatte sie nicht getrogen.
»Er hat ein zweites Mal zugeschlagen«, murmelte sie.
Auch Gotthard spürte eine Gänsehaut auf seinen Armen. Die gleiche Beschreibung wie beim Peters-Mord. Mönchengladbach hatte seinen Serienkiller.
Alleine zurück im Büro, als es Zeit für einen kurzen Snack war, griff Gotthard instinktiv zum Telefon. Er wusste nicht genau, was ihn ritt, ihm war klar, dass er gegen alle Regeln verstieß, doch in diesem Moment war er fest davon überzeugt, das Richtige zu tun.
»Hallo?«, hörte er eine barsche Stimme am anderen Ende.
Gotthard stutzte. Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, ob er sein Vorhaben wirklich durchziehen sollte.
Doch dann gab er sich einen Ruck.
»Ist dort Mick Peters?«
»Wer sonst?«
»Hier ist Kommissar Gotthard. Ich habe Neuigkeiten im Mordfall Ihres Bruders.«
Die Gereiztheit am anderen Telefon war wie weggeblasen.
»Ich höre!«
»Nicht am Telefon. Können wir uns an einem unauffälligen Ort treffen?«
»Kennen sie den Borussia-Park?«
Gotthard meinte sich verhört zu haben. »Was?«
»Gladbach spielt heute im Abendspiel gegen Hannover.«, sagte Mick Peters. »Und Sie kommen auf Grund Ihres Ausweises rein, auch wenn das Spiel ausverkauft ist. Nordkurve. Block 13. An der Würstchenbude.«
Und damit legte Peters auf. Gotthard betrachtete noch einige Sekunden fassungslos den Hörer. Er konnte weder glauben, was er gerade getan hatte, noch konnte er den Vorschlag verarbeiten, den der Ex-Polizist ihm gemacht hatte. Trotzdem würde er gehen. Weil es richtig war.
Mick Peters ging es nicht viel anders als dem jungen Kommissar. Erstens fragte er sich, was die Polizei rausbekommen hatte und zweitens, warum Gotthard sich ihm anvertrauen wollte.
Der Treffpunkt war ihm ganz spontan eingefallen.
Er hatte seit Jahren kein Spiel der Borussia verpasst und auch wenn es sicher allen Leuten, die er kannte, völlig unpassend vorgekommen wäre, so kurz nach dem Tod seines Bruders ein Fußballspiel zu besuchen, so waren ihm diese Meinungen scheißegal. In jeder Sekunde seines Lebens, in den guten aber noch viel mehr in den schlechten Momenten, war sein Verein für ihn dagewesen. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Kurve hatte ihm schon oft den Glauben an das Gute im Menschen wiedergegeben.
Er schaute auf die Uhr, warf sich in seine Kutte und fuhr los.
Vermoderte, abgegriffene Bücher in einem zerbrechlichen Holzregal waren stumme Zeugen eines verpfuschten Lebens.
Mitten im Raum schwang eine dicke Glühbirne an einem langen Kabel von der Decke. Die Lampenschale lag zerbrochen auf dem verschmierten PVC-Boden. Weder ein Bild noch eine Pflanze zierten den kahlen Raum. Alte Zeitschriften stapelten sich in einer Ecke, zusammengehalten von Dreck und Feuchtigkeit.
Neben der Lampenschale lagen ein dunkler Trenchcoat, ein schwarzer Pullover, eine schwarze Jeans, ein weißes Unterhemd, ein graues Paar Socken und eine olivgrüne Unterhose.
Ein großer Spiegel, schräg an die Stirnwand gelehnt, war der einzige weitere Einrichtungsgegenstand in diesem trostlosen Zimmer.
Der nackte Mann vor dem Spiegel war riesig. Seine rechte Hand strich durch seine dunklen Haare, glitt durch sein verschwitztes Gesicht bis zu seinem Bart. Er begann ihn zu zupfen. Augenblicklich löste sich ein Teil des Bartes. Dann riss er die restlichen Kunsthaare mit einem kräftigen Ruck von seinem Kinn und ließ sie zu Boden fallen.
Weiter tastend bahnten sich seine Finger den Weg durch die Brusthaare. Langsam und behutsam spielte der Zeigefinger seiner rechten Hand mit der linken Brustwarze und verweilte dort kreisend. Mit seiner linken Hand ergriff der Mann seinen Schwanz und begann, ihn mit rhythmischen Bewegungen zu massieren.
Auf einem Hocker neben dem Langen, wartete eine neunschwänzige Katze, bestückt mit Widerhaken, auf ihren Einsatz.
Seine rechte Hand ließ von der Brust ab und umklammerte fest den Griff der Peitsche.
Dann begann er, das Werkzeug zu gebrauchen. Harte Schläge landeten abwechselnd rechts und links auf seinem Rücken. Alte Narben platzten wieder auf. Doch der Mann schrie nicht. Eher grunzte er lusterfüllt. Der Anblick war grotesk. Die unablässigen Schläge wurden immer heftiger, gleichzeitig vollführte seine andere Hand ihre Bewegungen immer schneller, so dass sein Geschlechtsteil, inzwischen hart, zwischen seinen Fingern hindurch glitt.
Den Mund weit aufgerissen betrachtete er seine Fratze, dieses hasserfüllte Gesicht im Spiegel, sah zu, wie die Peitsche strafte, wie sein Schwanz unter der groben Behandlung durch seine Finger immer härter wurde.
Er dachte an die Finsternis seiner Kindheit, die in seinen Gedanken, in seinem ganzen Sein für immer eingeschlossen war. Mit jedem Hieb seiner Peitsche donnerte die Faust seines »Vaters" in sein Gesicht. Mit jeder Narbe, die aufplatzte, sah er seine hilflose »Mutter" stumm zusehen, wie ein Irrer ihren Sohn immer wieder erbarmungslos schlug.
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