Philipps erste Vermutung war, dass ein Penner sich auf unredliche Art bereichern wollte. Bei näherer Beobachtung verwarf er diesen Gedanken jedoch und vermutete ganz richtig, dass ein Geistesgestörter oder Debiler die Apotheke betreten hatte. Er drückte den Klingelknopf für das Kassenpersonal, was diese aufhorchen und sich nach dem Delinquenten umschauen ließ. Sie hatten die fragliche Person auch gleich geortet und eine resolute Angestellte fragte ihn höflich nach seinem Begehr, wie sie es gelernt hatte.
Der Besucher, kein anderer als Herr Maus, schaute sich erst ängstlich um, dann die Verkäuferin an und antwortete dann freundlich, er wolle eigentlich nichts haben, nur wolle er sich alles ganz genau anschauen, worauf er mit seinem merkwürdigen Treiben fortfuhr. Durch die Videoanlage verfolgte Philipp, wie die Angestellte bemüht war, Herrn Maus zum Gehen zu bewegen. Dieser ließ sich jedoch nicht abschütteln. Schließlich gab sie in die Kamera das verabredete Signal und Philipp begab sich verärgert selbst in den Verkaufsraum.
Von neuem und nun mit männlicher Attitüde fragte er Herrn Maus, was dieser wünsche und als er wiederum die Antwort erhielt, "Eigentlich nichts, er wolle sich nur einmal umsehen!", da forderte er ihn energisch zum Gehen auf, sonst werde er die Polizei verständigen.
Daraufhin erwiderte Herr Maus, er solle sich nicht bemühen, er gehe gleich wieder, aber er wolle doch dringlich darauf hinweisen, dass die Anordnung der Zwischenräume zwischen den Tablettenschachteln den nahenden Weltuntergang nahelege und er solle auf sich achten. Damit verließ er die Apotheke widerstandslos, während Philipp ihm verständnislos, den Kopf schüttelnd nachschaute.
Allerdings gingen ihm während des gesamten Nachtdienstes die eindringlich und ruhig ausgesprochenen Worte des Verrückten nicht mehr aus dem Kopf, was zur Folge hatte, dass er gegen 2 Uhr nachts den notdürftig beleuchteten Apothekenraum betrat und zum ersten Mal in seinem Leben nicht die Ware, sondern das Muster der Zwischenräume der ausgestellten Tablettenschachteln betrachtete. Je länger er jedoch hinschaute, desto lebendiger schienen diese zu werden, bis er glaubte, seltsame Strukturen darin zu erkennen, die einen leicht vibrierenden, filigranen Tanz vor seinen übermüdeten Augen aufführten.
Er schüttelte den Kopf und beschloss, sich zur Ruhe zu begeben, in der Hoffnung nun nicht weiter durch nächtliche Kunden gestört zu werden.
Das Problemkind
Das Rattern der S-Bahn, mit dem sie nach dem Nachtdienst in Richtung Heim und Herd zurücktransportiert wurde, ließ ihre müden Augenlider immer schwerer werden. Mühsam kämpfte sie gegen den Schlaf an, der sie zu überkommen drohte. Nicht nur einmal war sie kurz vor dem Ziel eingenickt und erst an der Endhaltestelle Oranienburg wieder aufgewacht. Die Arbeit in der Psychiatrie ermüdete sie mehr, als sie es sich eingestehen wollte. Die Atmosphäre auf der geschlossenen Männerstation war bedrückend, auch wenn die Zusammenarbeit mit den Kollegen und Kolleginnen sehr angenehm war. Sie stellten eine eingeschworene Mannschaft dar, wo es nur wenig Streit und Eifersüchteleien gab, wie auf anderen Stationen. Aber dies war wohl eher aus der Not geboren, sich selbst zu schützen, indem man zusammen hielt wie Pech und Schwefel. Sie hatte schon oft überlegt, wieder in eine niedergelassene Praxis zurückzugehen, da sie jedoch keine ausgebildete Arzthelferin war, erwies sich der Wechsel als schwierig. Hinzu kamen die Probleme wegen ihres Sohnes. Es war überhaupt nicht selbstverständlich, dass er alleine zuhause zurechtkam, trotz seiner 14 Jahre. Ihm fehlte ein Vater, denn sein leiblicher Vater war mit dem Abzug der Amerikaner und der Schließung der Kaserne, kurz nach der Wende, wieder zurückgegangen und hatte die überforderte Mutter eines schwer erziehbaren Kindes zurückgelassen, woran auch die Alimente, die regelmäßig eintrafen, nichts änderten.
Der großgewachsene, rothaarige Sohn überragte seine Mutter schon fast um Haupteslänge. Wie andere Jugendliche in diesem Alter war er überzeugt, bereits alles zu wissen, alles zu können und reif für die Anforderungen der Welt zu sein.
Leider entsprachen weder seine schulischen Leistungen diesem Wunschbild noch seine Außenseiterposition unter seinen Mitschülern, die ihn mit Geringschätzigkeit betrachteten, da er sowohl rothaarig wie sein Vater irischer Abstammung als auch ein wenig seltsam war. Er neigte zu Selbstgesprächen, auch im Unterricht, vergaß meist, seine Hausarbeiten zu machen, seine Schultasche ausreichend zu bestücken und bettelte seine Mitschüler gelegentlich ums Pausenbrot an, welches er mit großer Regelmäßigkeit bei seinem hastigen Aufbruch von Zuhause auf dem Küchentisch liegen ließ, obwohl es von Kristine am Abend vorher vorbereitet und in eine gelbe Brotbox verpackt war, da sie erst nach 8 Uhr morgens übermüdet vom Nachtdienst zurückkommen würde.
So auch heute. Kristine betrachtete einen Moment das Chaos, welches sie zuhause vorfand, suchte sich neben Müll und dreckigen Kleidern, die sie vom Sofa wischte einen Platz, legte den Kopf in die Hände und weinte. Sie war am Ende ihrer Kräfte und musste es sich endlich eingestehen, dass es so nicht weitergehen konnte. Dann musste sie eingeschlafen sein, denn sie erwachte, als sich die Haustür öffnete und ihr Sohn, Timmy, in das Zimmer gestolpert kam.
"Hey, Mam!", grüßte er und schmiss die Schultasche quer durch den Raum, wo sie unter dem Esstisch liegen blieb. "Was gibt es zu essen?"
Kristine sah ihren Sohn an, der ungewaschen und mit verdreckten Klamotten fast den gesamten Türrahmen ausfüllte, ebenso ein Hühne wie sein Vater, und ihr blieb eine wütende Entgegnung im Hals stecken. Sie winkte müde ab, verließ das Zimmer in Richtung Bad.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihr Sohn sich am Küchentisch niederließ und die wiederentdeckte Schulbrotbox missmutig öffnete.
Im Bad angekommen schaute sie einen Moment in den Spiegel und betrachtete ihr Gesicht wie das einer Fremden. Die Fältchen um Mund und Oberlippe schienen sich wieder einen Deut tiefer eingegraben zu haben, die Unterlider der Augen, von kleinen bläulich violett schimmernden Wassersäckchen angeschwollen, und die Haare wirkten spannungslos und klebten in Strähnen am Kopf. Wenn Sie den Blick in die Ferne schweifen ließ und irgendwo hinter das Spiegelbild ihres Kopfes blickte, dann verschwommen die Gesichtszüge zu Schemen und sie meinte, im Spiegel eine Totenmaske zu sehen.
Sie freute sich auf die Dusche, die sie wiederbeleben würde, auch wenn das Duschgel wieder einmal nirgends zu finden war, entkleidete sich schnell und gab sich mit geschlossenen Augen dem warmen Wasserstrahl hin, der die Strapazen der vergangenen Nacht langsam davon zu spülen begann.
Sie stand wohl einige Zeit völlig versunken unter der Brause, als sie plötzlich die Gegenwart einer weiteren Person zu spüren glaubte. Es war ihr Sohn, der in der Badezimmertür stand und sie, mit einem erigierten Penis, den er kräftig mit der Hand bearbeitete, mit glasigem Blick anstarrte.
Ein kurzer Schreckensschrei entfuhr ihr und sie drehte sich schnell zur Wand. "Tickst du noch richtig?", schrie sie in Richtung der Badezimmertür. "Mach, dass du raus kommst, du Drecksack!"
"Ach, hab dich doch nicht so, Mom, siehst doch noch ziemlich geil aus!"
So ganz genau wusste Kristine nicht, was danach geschah. Sie bemerkte erst, dass sie wohl völlig nackt und nass auf ihren Sohn eingeschlagen und getreten haben musste, als dieser verängstigt in einer Ecke kauerte und ihm das Blut aus Mund und Nase lief. Sein Penis hing nun, weniger erigiert aus dem Hosenschlitz und schien genauso geschrumpft zu sein, wie die innere Größe ihres Sohnes.
"Geh mir aus den Augen !", schrie sie und wies zur Tür. Dieser bemühte sich angestrengt, seine Blöße zu bedecken und winselte: "Aber, wo soll ich denn hin?"
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