"In die Gosse, du Sau, wo du hingehörst!", gab sie zurück und krümmte sich dann weinend zusammen.
Wie von Ferne vernahm sie, wie Timmy sich offenbar aufrappelte und stöhnend im Badezimmer verschwand. Wenig später hörte sie den Wasserhahn rauschen.
Taumelnd zog sie sich notdürftig einen Hausmantel über und sank auf das Sofa.
So konnte es einfach nicht weiter gehen!
Sie beschloss, sich erst einmal krank schreiben zu lassen und dann zum Jugendamt zu gehen oder zurück zu ihrer Mutter nach Prenzlau und alles stehen und liegen zu lassen, alles zurückzulassen, einschließlich ihres Sohnes, den sie sowieso schon aufgegeben hatte.
Kurz nachdem sie vernahm, dass die Haustür ins Schloss gefallen war, was bedeutete, dass Timmy offenbar die Wohnung verlassen hatte, griff sie zum Telefonhörer und wählte die Nummer meiner Praxis, denn so war die Routine. Ich schrieb sie bedenkenlos solange krank, wie sie es verlangte, wenn sie wieder einmal mit den Nerven ganz fertig war, lud sie abends zum Essen ein und machte ihr keinen Heiratsantrag.
Doch diesmal wurde ihr leider mitgeteilt, dass ich derzeit in Urlaub und vorerst nicht zu erreichen sei, voraussichtlich erst Ende nächster Woche wieder, Vertreter sei Dr. Blablabla, den Rest hörte sie nicht mehr.
Sie hielt den Telefonhörer schlaff in der Hand, der missmutig zu tuten begonnen hatte, und blickte mit weit geöffneten, starren Augen auf die gegenüberliegende Wand, deren grobes Raufasermuster sich zu einem seltsamen Muster verdichtet zu haben schien, welches gleichzeitig bewegungslos und doch bewegt und von ungeheurer Tiefe zu sein schien, sich kurz zu ungewöhnlichen, interessanten Formen verdichtete, welche sich sogleich wieder auflösten, um sich dann von neuem zu bilden, Formen, die organische Landschaften widerzuspiegeln schienen, Strukturen und Muster, wie dass Innere einer Qualle oder die komplizierten Organe mikroskopierter Einzeller, dauernd in Neubildung und dauernd in Auflösung begriffen, wesenhaft und doch unbelebt. Sie schüttelte den Kopf und wischte sich kräftig über die Augen, sofort verschwand der Eindruck und die Tapete verdichtete sich wieder zu dem, was sie eigentlich war, eine angegraute, schäbige Wandbekleidung, die dringend überstrichen werden sollte. Ihr ging der Gedanke durch den Kopf, dass sie heute Nachmittag in den Baumarkt gehen sollte, um sich weiße Wandfarbe zu kaufen, doch sogleich schüttelte sie energisch den Kopf, ließ den Telefonhörer einfach zu Boden fallen, wo er vom Spiralkabel gehalten ein wenig auf und ab tanzte, zog sich an und verließ die Wohnung, ohne den Schlüssel mitzunehmen, was ihr erst bewusst wurde, als das Schloss hinter ihr zuschnappte, sie jedoch völlig gleichgültig ließ, da sie ohnehin nicht mehr zurückkommen würde. Sie fischte einige Euro aus ihrer Manteltasche und machte sich auf in Richtung S-Bahn.
Die Clique
Laut scheppernd stieß Timmy eine leere Bierdose über den Gehweg, so dass sie klirrend gegen die Radkappe eines der am Straßenrand geparkten Autos flog und von dort in den Rinnstein polterte. Wütend und seine blöde Mutter verfluchend wandte er sich in Richtung S-Bahnhof, Reinickendorf, wo er normalerweise mit anderen Jugendlichen abhing.
Die Schule hatte er schon seit einigen Tagen nicht mehr besucht, weil ihm die Lehrer und die anderen Mitschüler auf die Nerven gingen und außerdem, wer braucht schon Schule?
Er versuchte nur den Eindruck zu erzeugen, dass er dort hinging, um dem Streit mit seiner Mutter aus dem Weg zu gehen.
Die anderen Jungs bewiesen, dass es auch ohne Schule ging. Sie besorgten sich Geld durch kleine Diebstähle, Überfälle auf Passanten oder verkauften dann und wann Shit. Ansonsten tranken sie Dosenbier und pöbelten die Leute an, um sich die Zeit zu vertreiben.
Timmy war der Jüngste von ihnen und die anderen nannten ihn Professor, weil er mehr Jahre in der Penne verbracht hatte, als alle anderen zusammen. Gelegentlich gesellte sich auch eine ›Schnalle‹ aus den Block gegenüber zu ihnen und hing mit ab. Das Mädchen hatte mehr Zaster als die anderen und machte es mit den Beinen, wie Wulle sagte. Wulle war der Anführer der Bande und die Schnalle war seine Freundin. Wenn sie ihm die Kohle nicht rausrückte, dann bekam sie in die Fresse, danach küsste er sie vor den anderen grob, drehte dass geschundene Gesicht in Richtung der anderen und meinte. "So behandelt man eine Fotze!"
Das war Timmy ziemlich unangenehm, aber er tat so wie alle anderen, dass er hämisch grinste und sich vorstellte, er sei an Wulles Stelle.
"Wenn du deine Mutter nicht gefickt hast, bist du kein Mann, du Arschficker!", hatte Wulle einmal zu ihm gesagt und ihm in die Eier getreten. "Du bist ein Arschficker, fick deine Alte, dann kannst du wieder kommen!"
Als Timmy heute am S-Bahnhof eintraf, waren die anderen nicht da, aber ein Bullenauto stand am Straßenrand, mit zwei Polypen darin. Timmy verstand, dass er sich heute nicht hier aufhalten konnte. Also raus und Richtung Oranienburg mit der S-Bahn. Dort waren sie, wenn die Bullen den Bezirk mal wieder gefilzt hatten.
Der Tag lief allerdings ziemlich Scheiße heute. Kaum hatte er die S-Bahn bestiegen, da betraten auch zwei Fahrscheinkontrolleure den Wagen und zum Abhauen war zu wenig Zeit. Natürlich tat Timmy zuerst so, als habe er seinen Schülerausweis vergessen. Den besaß er jedoch schon lange nicht mehr und das Geld war ohnehin zu schade, um es für überteuerte Fahrkarten auszugeben. Also aussteigen beim nächsten S-Bahnhof zum Erfassen der Personalien, da er auch keinen Ausweis dabei hatte. Er hatte überhaupt eigentlich nichts dabei, nur der Wohnungsschlüssel steckte in seiner Jeans und ein zerknüllter 5 Euro Schein, immerhin. Auf dem Bahnsteig spielte er erst den Zerknirschten, druckste herum, dann trat er dem einen Kontrolleur direkt in den Bauch, dass dieser stöhnend zu Boden ging und rannte davon, bevor der andere ihn packen konnte. Timmy war ohnehin kräftig genug, um sich dem Zugriff einer Männerhand zu entziehen.
Ohne sich umzusehen hechtete er die Treppen zum Ausgang hoch, rannte über die stark befahrene Fahrbahn, so dass einige Autos laut hupend stark abbremsen mussten, setzte über den Mittelstreifen und verschwand im gegenüberliegenden Gebüsch einer kleinen Umfriedung eines Parks. Der zweite Kontrolleur war ihm allerdings offenbar gar nicht gefolgt. Atemlos und mit Pulsieren in den Ohren ließ er sich ins Gras fallen und verfluchte alles und jeden um sich herum.
Timmy neigte eigentlich nicht zu Gewalttätigkeit, er suchte meist, einem Streit zu entgehen. Die Jungs am S- Bahnhof akzeptierten allerdings Weicheier nicht und um mit dabei zu sein, musste er sich schon ziemlich cool geben.
Dennoch fühlte er einen gewissen Triumph darüber, der Kontrolle entkommen zu sein, auch wenn er eigentlich am meisten Angst davor gehabt hatte, dass seine Mom davon erfahren hätte. Er rappelte sich auf und schlenderte ratlos durch den Park. Nach Hause zurück war ganz unmöglich, das war ihm klar. Er hatte sich sowas von Scheiße benommen, aber den anderen würde er sagen können, er habe seine Mutter gefickt. S-Bahn zurück konnte er auch nicht wagen, sagte er sich, dort würden bestimmt schon die Bullen auf ihn warten. Nach Oranienburg, zu den anderen, wäre zu Fuß zu weit. Er setzte sich ins Gras und flennte, "Scheiße, scheiße, scheiße!"
Da er den Drang zum Pinkeln verspürte, ging er die paar Meter zum Gebüsch und begann sich zu erleichtern. Während er den Strahl seines Urins betrachtete, mit dem er spielerisch Muster auf das Laub zeichnete, vernahm er plötzlich das Summen um sich herum. Er hielt nach dessen Quelle Ausschau und entdeckte über dem Laub, aus dem noch dampfend sein Urin aufstieg, eine Unmenge schwarz, bläulich schimmernder dicker Fliegen, die ein seltsames Muster zu bilden schienen, welches sich auf irritierende Weise veränderte, verdichtete und zerfiel, wieder entstand, sich wieder auflöste, aber von einer solchen Lebendigkeit und Schönheit war, dass er fasziniert innehielt.
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