Die blonden Haare, die Frisur saß noch perfekt, flossen über das weiche Seidenkissen. Es war ein betont jugendliches Design: In Comic Sprechblasen standen uralte Symbole und Schriftzeichen gedruckt, die ein langes Leben wünschten. Ein Geschenk ihrer kreativen Tochter zum Fünfzigsten. Ihre linke Hand, Nägel blutrot lackiert, ruhte auf ihrem Tablet.
„Cora?“ Helen lief um das weiße Sofa herum. „Cora? Ist Dir nicht gut?“ Sie sah zwar friedlich aus, aber recht blass. Helen legte ihr die Hand auf die Stirn. Eiskalt. Unbehaglich vermutete Helen, dass hier der Arzt nicht mehr helfen konnte. So kalt konnte man nicht sein. Und der süßliche Geruch? Das war dann kein Parfüm oder ein Strauß Chrysanthemen oder Jasmin, oder? Helen wurde etwas schummrig.
Lag da nicht neben Cora eine drei Tage alte Zeitung? Sie hatte irgendwie gedacht, Cora wäre weggefahren. Sonst wäre es ihr ja komisch vorgekommen, dass keiner Zeitungen reingeholt hatte. Das Auto war nicht bewegt worden und ihren Mann Bernd hatte sie letztes Wochenende mit einem Koffer zum Flughafen fahren sehen. Da hatte sie angenommen, Cora wäre auch schon früher in den Urlaub gefahren.
„Wang Ayi! Schnell, ruf den Sicherheitsdienst! Der oberste Boss soll sofort kommen. Das ist eine ernste Sache hier! Und einen Arzt solltest Du auch noch rufen. Sicherheitshalber.“ Wang Ayi hatte Entsetzen in den Augen. Helen sah, wie sie zögerte. Was hatte sie erwartet? Dass Helen die Wiederbelebung einleitet?
Am Telefon wand sich die Ayi reichlich und wollte nicht recht sagen, um was es sich handelte. Aber immerhin konnte sie die Sicherheitsleute ins Haus bestellen.
Nervös schaute die Ayi über das Wohnzimmer. Wohl um ihre Aufregung zu überspielen, machte sich auf den Weg, den Putzeimer zu holen. Helen hielt sie zurück: „Ich glaube, wir fassen besser mal nix an.“ Wang Ayi wurde noch blasser und murmelte: „Ich muss was trinken.“ Während Wang Ayi in der Küche nach einem Glas fingerte, machte Helen gewohnheitsmäßig ein paar Schnappschüsse mit dem Telefon. Sie hatte Respekt vor der hiesigen Justiz und wollte zu ihrer eigenen Absicherung alles so dokumentieren, wie sie es vorgefunden hatte. Falls dann die Wachleute oder die Ayi irgendeinen Unsinn machten, war das deren Problem.
Vor einem Jahr war Helen einmal bei Cora zu einem Kaffeetreffen gewesen. War es nicht ein Treffen der deutschen Elterngruppe zur Planung eines kleinen Oktoberfestes mit Schlagermusik für die Kinder in der Schule gewesen? Jedenfalls sah es jetzt irgendwie anders aus. Stand da nicht ein neuer Schrank? Egal, jetzt würde Cora sich wohl nicht mehr für Helens Meinung interessieren. Nicht, dass sie das sonst gemacht hätte…!
Kurze Zeit später darauf rauschte draußen der Chef der Wachleute mit dem üblichen Tross Helferlinge auf seinem Elektrobus vor. Er sprach sogar Englisch: “Hallo! Ihr habt mich angerufen? Wohnst Du denn hier? Wohnst Du nicht gegenüber?” Helen nickte: “Das stimmt. Sie kennen sich aber gut aus! Wang Ayi hat mich reingerufen, weil mit ihrer Taitai was nicht in Ordnung ist. Als ich Cora gesehen habe, rief ich gleich vorne an, damit das die Fachleute regeln.”
Die meisten Wachleute in seinem Team waren nicht älter als 20 Jahre und hätten beim Armdrücken gegen ihren zwölfjährigen Sohn verloren. Kam man frisch vom Land, war es besser, Wachmann zu werden, als in der Fabrik zu schuften. Aber weil man wenig verdiente und es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gab, wechselten die jungen Männer schnell. Helen kannte von denen hier nur den einen mit der schlechten Haut, den kleinen Zhou, mit dem sie manchmal beim Spielplatz ein wenig plauderte. Wie überall, bildeten sich auch in China bei Unfällen rasant große Trauben von Neugierigen. Der Chef des Trupps warf einen überraschten Blick auf Cora. Dann herrschte er alle an, sofort vor die Tür zu gehen und niemanden herein zu lassen. Dann telefonierte er mit der Polizei.
Als nächstes rief er einen seiner Männer zu sich. Der sollte alle Protokolle der letzten 24 Stunden heran bringen. Man wollte bestens vorbereitet sein, wenn die Polizei kam. Die sollten sehen, was für eine erstklassige Arbeit diese Sicherheitsfirma hier leistete. Jede Fahrzeugbewegung von Roller aufwärts wurde von einem Heer von Wachleuten protokolliert und verfolgt. Der Kleine trabte los, um alle Listen zu holen. Helen wollte nicht sagen, dass sie glaubte, dass Cora schon viel länger in der eiskalten Wohnung lag. Das würde nur Misstrauen erwecken.
Die Ayi erzählte dem Sicherheitsboss noch einmal aufgeregt, wie sie alles vorgefunden hatte. Helen sah sich derweil nachdenklich um. Irgendwie wirkte alles sehr verändert. Das lag sicherlich nur daran, dass Cora nicht mehr lebte. Oder war es etwas anderes?
Als die Polizei kam, wurde alles abgeriegelt. Helen sollte draußen warten. Der Arzt war schnell wieder draußen. Wie schon befürchtet, konnte auch er Cora nicht mehr helfen. Wang Ayi wurde vernommen und danach sah sie ziemlich mitgenommen aus. Von Helen wollte die Polizei erst einmal nicht viel wissen. Sie hatte Cora das letzte Mal vielleicht vor einer Woche gesehen und da auch nur flüchtig. Weil sie nichts angefasst hatte, und auch sonst nichts zu sagen hatte, durfte sie wieder gehen.
Da es gewöhnlich still und beschaulich in der Anlage war, war ein Polizeieinsatz in der Straße ein besonderer Leckerbissen. Schnell hatte sich schon eine kleine Menge Neugieriger angesammelt. Man reckte die Hälse, Handys knipsten und alle redeten leise miteinander. Die chinesischen Ayi und Fahrer aus den umliegenden Häuser kamen schnell zusammen und fingen an zu fachsimpeln. Dann kamen auch die Omas, die ihre Enkel durch die Gegend trugen und ein Großvater, der sonst immer mit seinem kleinen Transitorradio durch die Anlage spazierte. Ein paar Westler kamen auch zusammen und betrachteten den Auflauf voll Verwunderung.
Die Wachleute halfen der Polizei mit der Absperrung. Man sah ihnen an, dass sie es genossen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Bereitwillig erzählten sie den Umstehenden, was sie gesehen hatten. Da schnellte ein kleiner, kerzengrade stehender Polizist heran und verbot ihnen wichtigtuerisch, noch weiter mit den Nachbarn zu sprechen. “Alles professionelle Polizeiarbeit” und das musste erst einmal untersucht werden. Die Wachleute waren nicht erfreut, dass man ihnen verbot, noch mehr Details preis zu geben. Aber das störte nicht die anderen, die gleich aufgeregt alles diskutierten.
Helen erkannte einige chinesische Nachbarn, jede Menge Ayis und Fahrer, und auch ein paar Frauen aus Coras Yogakurs-
Natürlich hatte gleich jeder eine Idee, was passiert sein könnte: “Vielleicht ist sie die Treppe runtergefallen? Würde mich ja nicht wundern, wenn das Geländer einfach so abfällt bei der Bausubstanz der Häuser.” Eine andere meinte: “Ein Schlaganfall? Das hatte die Schwester meiner Bekannten auch und die war erst 35. Das kann jeden erwischen. Deshalb ist es so wichtig, dass man fleischarm isst.”
“Ach Cora hat doch so viel übers Internet gekauft. Letztens hat sie mir noch ihren neuen Fön gezeigt. Vielleicht war der kaputt gewesen? Ich hab ihr immer gesagt, dass man überhaupt nicht den elektrischen Geräten trauen kann, die man hier in China kauft…."
Helen wollte sich davonschleichen, das wollte sie jetzt wirklich nicht hören. Aber zu spät!Die blasse Birte von vorne an der Ecke hatte sie entdeckt. Sofort wurde Helen von den anderen Taitais mit Fragen überschüttet. „Helen, was machst Du denn hier? Warst Du drin? Was ist denn mit Cora? Was macht die Polizei hier? Ist ihr Mann Bernd auch im Haus?“ Helen wollte eigentlich gar nicht darüber reden. Schon mal gar nicht mit den Damen hier. Erst einmal wollte sie in Ruhe darüber nachdenken, was passiert war. Doch Birte und eine Dame im lila Sportdress kamen ihr hartnäckig mit ihren Yogamatten immer näher, da war eine Flucht ausgeschlossen.
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