“Guten Morgen Taitai! Sind schon alle aus dem Haus? Sind die Kinder gesund?” Liao Ayi schien heute besonders gut aufgelegt zu sein. Helen legte resigniert den Schreiber zur Seite und machte sich auf das Briefing gefasst.
“…und dann kam schon wieder mein Vermieter zu mir. Das ist ein alter Kerl, der macht mich verrückt. Wenn der kommt, dann redet und redet der! Ich musste ja noch jede Menge Dinge erledigen. Die Feiertage kommen bald und da wollte ich ein paar Geschenke kaufen, wenn ich nach Hause fahre. Aber der ging einfach nicht weg. Da musste ich freundlich bleiben und ihm Tee einschenken. Du meine Güte, ich werde doch nicht wieder umziehen müssen?”
Liao Ayi hatte eine lange unglückliche Geschichte mit Vermietern hinter sich und musste ständig umziehen. Sie kam aus dem Norden, war kein offizieller Einwohner Peking und daraus ergaben sich jede Menge Komplikationen. Zwar wurde in der ganzen Stadt so rasant gebaut, dass ein Ameisenhaufen dagegen wie ein verschlafenes Nest aussah. Aber exklusive Wohnungen warfen so hübsche Renditen ab, da wurde der billige Wohnraum knapp. Auch der Vermieter ihrer Ayi überlegte nun schon länger, sein Haus aufzumotzen oder noch ein Stockwerk aufzusetzen. Natürlich wusste Helen genauestens über ihn und seine Baupläne Bescheid. Der alte Kerl war wahrscheinlich nur einsam, aber jedenfalls kam er wohl ständig bei der Ayi vorbei und beschwerte sich über ihren Roller vor dem Haus oder die Schuhe im Treppenhaus. Helen fand es irgendwie beruhigend, dass die Leute überall auf der Welt sich über die gleichen Kleinkram stritten.
Ihre Ayi wollte über die Oktoberferien, die auch “Goldene Woche” hieß, weil ganz China frei machte, nach Hause fahren. Dort hatte sie ein hübsches Haus gebaut: “Sogar mit Zentralheizung, da haben die Nachbarn gestaunt!”. Weil sie kein regulärer Einwohner Pekings war, sondern nur zugezogen, hatte auch ihr Sohn keine Registrierung in der Hauptstadt. Deshalb musste er in der alten Heimat zur Schule gehen und lebte dort mit seinen Großeltern. Kam sie nach Hause, war es Zeit sich dort bei Freunden und Familie zu bedanken. Mit ihren paar hundert Euro Monatseinkommen war sie auf dem Dorf ein Krösus. Liao Ayi schimpfte auch schon über all die Verwandte, die dann bei ihr herumhocken würden und zum Essen eingeladen werden wollten. Helen musste lachen: “Ach komm, Du freust Dich doch, dass alle gerne zu Dir kommen!”
Liao Ayi grinste verschmitzt. “Wenigstens kann ich dann mal wieder all die leckeren Dinge kochen, die Deine Kinder hier nicht essen wollen.” Dann fiel ihr ein: “Taitai, hast Du schon gehört, Cora sucht eine neue Ayi? Die Nachbarin meiner Freundin hat sich dort vorgestellt. Arbeitet nicht Wang Ayi immer noch dort? Haben die beiden sich jetzt endgültig verkracht?”
Helen vermutete eher einen Anflug von Preisdrückerei: Locker entsprach der Preis für den bequemen Oktoberurlaub dem Jahresgehalt einer Ayi. Dennoch wurde unter den Leuten verblüffend viel Zeit damit verbracht, die Gehälter für Ayis zu vergleichen. In China war es Ehrensache, billig einzukaufen. Nur neu zugezogene Schäfchen ließen sich auf dem Seidenmarkt übers Ohr hauen. Bald lernte man, dass alle über einen lachten, wenn man zu viel bezahlte. Und von seiner Ayi ausgelacht werden, wollte man erst recht nicht. Cora hatte wirklich recht großzügig bezahlt. Wollte sie nun an dieser Stelle einen Zehner sparen?
Helen beruhigte ihre Ayi: “Vielleicht schaut sie sich nur mal um? Cora hat eine Schwäche für günstige Gelegenheiten... Wenn sie wirklich suchen würde, dann hätte ich das sicher gehört oder es wäre über den Gruppenchat gegangen.”
Cora lebte gegenüber. Sie war keine enge Freundin von Helen und Helen wollte es auch nicht so weit kommen lassen. Cora hatte eine spitze Zunge und sie konnte ganz schön niederträchtig sein, wenn man dem Gerede Glauben schenken durfte. Da hielt sie lieber Abstand.
Liao Ayi sprach dann noch kurz über die Preisentwicklung beim Gemüse dann war ihre Mandarin-Übungsstunde vorbei und sie konnte endlich ihre Jobsuche planen.
Auf ihrem brandneuen, schnittigen Elektroroller sorgte sich Wang Ayi, ob sie es wohl pünktlich schaffen würde. Es war die zweitletzte Ampel vor dem Villenkomplex. Sie fühlte die Tasche ihrer neuen silbergrauen Daunenjacke mit dem weichen Pelzkragen: ihren Ausweis hatte sie dabei.
Obwohl sie schon lange in der Anlage arbeitete, wurde sie häufig bei der Einfahrt kontrolliert. Die Sicherheitsbeamten wechselten ständig und die, die sie eigentlich schon längst vom Sehen kannten, freuten sich, wenn sie Autorität ausspielen konnten. Schon manches Mal hatte es Streit am Eingang zwischen einer Ayi und einer Wache gegeben. Die Wachen mussten den ganzen Tag in Hitze oder Kälte draußen stehen, aber an dieser einen Stelle hatten sie endlich auch mal ein bisschen was zu sagen. Das wollten sie sich nicht nehmen lassen: “Na, haben wir denn unseren Dienstausweis dabei? Lass mal schön sehen!” Nie würden sie sich trauen, einen westlich aussehenden Ausländer oder einen Chinesen in einer schwarzen Limousine so forsch zu behandeln. Jedoch, wenn einer auf seinem klapprigen Dreirad kam um Pakete auszuliefern oder Pappkartons einzusammeln, dann konnten man den herrlich aufhalten. Viele Ayis straften die Wachleute mit Verachtung, wenn sie in den großen Villen arbeiteten und die auf der Straße ihre Runden drehten. Deshalb konnte im Gegenzug hier am Eingang im Namen der Sicherheit genüsslich Ausgleich geschaffen werden.
Zwei halbe Stellen waren manchmal ganz schön schwer zu organisieren. Und heute ging wirklich zu viel schief! Bei ihrer morgendlichen Stelle dauerte es oft ein bisschen länger. Ihre morgendliche Arbeitgeberin wollte auf keinen Fall das Geld für eine ganztägige Ayi ausgeben, obwohl sie sich das locker leisten konnte. Stattdessen versuchte sie, in die vier Stunden Arbeitszeit möglichst viele Aufgaben zu quetschen. Wang Ayi musste sich höllisch sputen, damit sie alles fertig bekam und rechtzeitig bei ihrer nächsten Taitai ankam. Heute hatte wieder mal das Baby in letzter Sekunde seinen Brei auf den Boden geworfen. Da musste noch mal der Mop rausgeholt werden. Wenn der Laster vor ihr nicht bald mal aus dem Weg fuhr, würde sie doch noch fünf Minuten zu spät kommen.
Am besten wäre für sie eine Vollzeitstelle aber nun hatte sie eben nur zwei halbe Stellen. Sie brauchte das Geld dringend von beiden Jobs, ganz besonders jetzt, wo sie sich eine größere Unterkunft gemietet hatte. In ihrem neuen Zuhause hatte sie nun eine kleine Kochstelle und einen eigenen Wasseranschluss im Zimmer. Ihr Mann wollte noch Platten auf den Betonboden legen und wenn es sich ergab, konnten es sich nach und nach etwas ausbauen. Vielleicht ergab sich noch eine Möglichkeit für warmes Wasser im Winter!
Insgesamt waren die westlichen Taitais schwer zu begreifen. Was machten fünf Minuten aus, wenn die eh den ganzen Tag zu Hause waren? Überhaupt hatte sie schon oft mit den anderen Ayis darüber gelacht, wie genau besonders die deutschen Taitais alles nahmen. Die hatten schon alleine tausend Vorschriften für das Einräumen vom Kühlschrank. Man lernte mehr über die Leute, als man manchmal wissen wollte, wenn man ihre schmutzige Wäsche wusch und den Müll leerte. Die Taitai vom Nachmittag war auch so eine ganz Komplizierte!
Wang Ayi arbeitete eigentlich gerne für westliche Ausländer. Die zahlten gutmütig mehr und verlangten viel weniger als die lokalen Arbeitgeber. Sie hatten ihr auch gleich den Code für das Türschloss gegeben, dass sie auch im Haus arbeiten konnte, wenn keiner da war. Wang Ayi gratulierte sich dazu, dass sie recht gut Englisch gelernt hatte. Und sie hatte sich auch gut eingehört in das eigentümliche Englisch der Deutschen. Denn die hatten oft einen starken Akzent. Auf der positiven Seite kannten die selbst auch nicht so viele komplizierte Wörter, da konnte man sich gut verständigen. Das alles hatte ihr zu einem recht komfortablen Leben verholfen. Cora konnte einen manchmal mit ihren spitzen Kommentaren und peniblen Anforderungen in den Wahnsinn treiben, aber davon wollte sie sich nicht abschrecken lassen.
Читать дальше