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Bunte spiralförmige Windspiele waren überall verteilt und drehten sich tanzend im Wind, während die kleine Schar Menschen sich angeregt unterhielt. Zufrieden beobachtete Liv die Gäste aus Astrids Kinderzimmer, wo sie der kleinen vor ihren großen Auftritt, die Windel wechselte, einen leichten Strampler anzog und darüber ihr Taufkleid.
Unterdessen unterhielten sich Sylvelin und Marit, besonders angeregt. Wahrscheinlich tauschten sie sich über die Geburt ihres jeweiligen Schützlings aus, dachte sie und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Wie oft hatten Marit und ihre Mutter ihr von der schneeverwehten Mittwinternacht erzählt, in der der Strom ausfiel und sie nur beim Schein der Kerzen zur Welt kam, während ihr Vater unentwegt dafür sorgte, dass der alte Küchenofen mit genügend Holz versorgt war, damit Marit sie später baden und anziehen konnte, während Papa Mama dabei half, sich zu waschen. „Es ist eine Schande“, flüsterte Liv, „das die beiden jetzt nicht hier sein können.“
Aber vielleicht waren ihre Seelen ja hier, dachte sie, solange sie nicht schon längst wiedergeboren waren. Sie blickte Astrid an und für einen Moment hatte sie das Gefühl, Mama würde sie durch ihre kleine Tochter hinweg ansehen. Kopfschüttelnd runzelte sie mit der Stirn, aber als sie das nächste Mal in die Augen ihrer Tochter blickte, war das Gefühl ebenso schnell wieder verschwunden, wie es gekommen war. Tief Luft holend, hob sie Astrid vorsichtig hoch und stellte sich mit der kleinen, einen Augenblick ans Fenster. Seltsam, dass Lukas Familie und Freunde es überhaupt nicht geschafft hatten, nach Norwegen zu kommen, um Astrids Taufe mitzuerleben. Zwar hatten sie eine wunderschöne Karte geschickt, indem ein nicht unerheblicher Betrag, für Astrid beilag, mit dem sie ihr entweder selbst etwas kaufen oder auf einem Sparbuch anlegen konnten. Darin hatten sie auch ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht, das sie es nicht schaffen würden nach Norwegen zu kommen, um nicht nur ihre Enkelin, sondern auch sie endlich kennenzulernen. So war schließlich nur ihre Seite, von Astrids Familie anwesend und daran, dass ihr das Ganze doch ein wenig seltsam vorkam, insbesondere, da Lukas Mutter selbst aus Trondheim kam, wollte sie nicht denken.
Jedenfalls im Moment nicht, sagte sie sich. Schließlich sollte Astrids Taufe durch ihre trübe Stimmung nicht verdorben werden und irgendwann würde sich wohl endlich, die Gelegenheit dazu ergeben, die beiden Menschen kennenzulernen, die überhaupt dafür verantwortlich waren, dass Lukas existierte. Aber bis dahin musste sie sich wohl oder übel in Geduld üben. „Was meinst du?“ Liv blickte Astrid lächelnd an und schob ihre Gedanken erst einmal beiseite. „Ist mein kleines Mädchen bereit seinen großen Tag zu begehen.“ Glucksend antwortete Astrid ihr und griff mit ihren kleinen Händchen in ihr Haar, während Liv sich lachend umdrehte.
Kaum trat sie in den Garten hinaus, um zu dem noch kleinen Kastanienbaum zu gehen, den sie einen Tag nach Astrids Geburt von Lukas ihr und Sylvelin, feierlich zusammen mit der Plazenta eingepflanzt hatten, erklang die langsame Melodie einer langen hölzernen Flöte, begleitet vom Rhythmus einer Trommel. Die kleine Gruppe versammelte sich um sie herum, während Lukas sich neben sie stellte und Marit und Sylvelin ein altes Lied anstimmten, während Astrid sich just diesen Moment aussuchte, um einzuschlafen. Die Stimmen der beiden Frauen umspülten ihre Seelen und der Rhythmus der Instrumente beschleunigte ihren Puls, während Liv sich mit der kleinen im Arm, zu diesen bewegte und langsam mit ihr tanzte. Mehrere Male umrundete sie dabei Lukas der sich ihren Bewegungen folgend, auf der Stelle drehte, während sie sich dabei nicht aus den Augen ließen. Wie auf ein geheimes Stichwort hin blieben sie stehen und die Musik und der Gesang hielten abrupt inne. Liv hielt ihm ihre Tochter entgegen, während Lukas sie scheinbar kritisch musterte, bevor er sie schließlich entgegen nahm. Sylvelin trat zu ihnen und er reichte die kleine Astrid vorsichtig an sie weiter, bevor Marit den beiden jeweils eine kleine, bronzen schimmernde Schale, mit Wasser aus den Flüssen Oslos, überreichte. Stille umgab sie, nur unterbrochen von dem fröhlichen Zwitschern der Vögel, bevor leise sowohl Trommel als auch Flöte wieder einsetzten.
„Sei gesegnet du Wunder der Liebe,“ erhob Sylvelin leise ihre Stimme. „Möge das Schicksal sich stets auf deiner Seite befinden und dir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auf das sich dein Weg lehrreich und neugierig gestaltet. Lebe dein Leben mit jedem Atemzug und koste es mit jedem Moment aus. Denn jeder Moment ist eine Erfahrung für sich, die dich weiterbringt und dich formt. Gib niemals auf und glaube an das, was du willst, vor allem aber an dich selbst. Sei voller Stärke, insbesondere wenn die Schwäche dich überrumpelt. Sei nicht zu stolz diese zuzugeben und gib sie zu, denn nur so kannst du zu wahrer Stärke gelangen.“ Sylvelin küsste die Kleine auf die Stirn. „Sei gesegnet du Wunder der Liebe.“ Gerührt blickten Liv und Lukas erst sie und dann sich gegenseitig an. Tränen schimmerten in ihren Augen und drohten ihnen die Kehle zu verschließen. Lächelnd räusperte Liv sich und auch Lukas holte tief Luft, bevor sie die Schalen über den Kopf ihrer Tochter schweben ließen.
„Wir bitten um den Segen unserer Ahnen,“ sprach Marit nun, „auf das diese gut achten, auf die jüngste Wurzel ihres Baumes. Wir bitten um die Weisheit ihrer Seelen, auf das sie ihr diese zuteilwerden lassen, um ihre eigene zu erlangen. Wir bitten um das Geschenk der Liebe, auf das sie nie versiegen und immer größer werden möge.“ Langsam ließen Lukas und Liv nun den Inhalt ihrer Schalen gemeinsam über den Kopf ihrer Tochter rinnen, während ihre Stimme sich mit seiner vermischte. „Wir heißen dich willkommen, du Wunder unserer Liebe“, sagten sie beide, „und geben dir den Namen Astrid.“
Die Zeit ergriff sie und formte und schliff sie unnachgiebig. Jahre vergingen und erneut wurde Liv schwanger und Lukas und sie erwarteten ihre zweite Tochter, während dieser auf das Ende seines Studiums zusteuerte und alle Hände damit zu tun hatte, für die Abschlussprüfungen zu lernen und eine herausragende Doktorarbeit zu schreiben. Etwas das sich als gar nicht so leicht herausstellte, als sich ein Geist aus seiner Vergangenheit bei ihm meldete, an den er schon gar nicht mehr gedacht hatte und der sein weiteres Leben mit Liv, Astrid und seiner noch ungeborenen kleinen Tochter, in ernste Gefahr brachte. Dieser Geist war eine ziemlich lebendige Frau, die auf den Namen Regina Johnen hörte und mit der er einmal zusammen gewesen war, bevor es ihn nach Norwegen, seinem Studium und zu Liv, der Liebe seines Lebens, verschlagen hatte. Und eben diese Liebe, sein Leben mit ihr und seiner kleinen Familie bedrohte Regina alleine schon durch ihre bloße Anwesenheit.
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