Jedes Geschoss war neben Wohn- und Esszimmer mit mindestens einem Schlafzimmer sowie Bad und Küche versehen und Herr von Traubenau stellte es der Wirtstochter ihrer Wahl anheim, die Chippendale oder die bäuerliche Ebene zu bewohnen, die unterste, Biedermeier eingerichtete hingegen erklärte er entschuldigend als sein ureigenstes Refugium, in dem sich auch sein Arbeitszimmer befand, das er, leider allzu oft, auch abends und nachts nutzen musste.
Erika entschied sich spontan für das bäuerliche Dachgeschoss mit seinen schrägen Wänden und der anheimelnden Holzverkleidung, wohl, weil dieses sie doch sehr an ihre häusliche Umgebung im heimischen Wetzlar erinnerte.
Der nette Herr von Traubenau erneuerte sein Angebot, die unbegrenzte Dauer ihres Aufenthalts betreffend, so sie es denn wolle und überreichte ihr ein Duplikat des Hausschlüssels, damit sie nicht auf seine Anwesenheit angewiesen sei und völlig unabhängig ihr Kommen und Gehen selbst bestimmen könne. Bei der Übergabe des öffnenden Instruments errötete die Wirtstochter und bedankte sich, unbewusst wohl, mit einem mädchenhaften Knicks, den der Herr von Traubenau seinerseits mit einem väterlichen Lächeln zur Kenntnis nahm.
Darauf zeigte er ihr den gut bestückten Wäscheschrank, dem sie Bettwäsche und die für die hygienischen Obliegenheiten notwendigen Textilien wie Hand und Gesichtstücher zu entnehmen er ihr antrug. Die benutzten Utensilien aber sollte sie in ein dafür vorgesehenes Behältnis ablegen, aus dem sie, je nach Bedarf, von einer extra dafür bestellten Aufwärterin entsorgt und der Reinigung zugeführt würden. Selbige sorge sich auch um die Reinhaltung der Räumlichkeiten und wenn sie, Erika, diesbezügliche Wünsche oder Probleme habe, solle sie sich getrost an die Aufwärterin, eine zuverlässigen Frau aus dem Ort, wenden oder gar, in dringenden Fällen, an ihn selbst, dass sofortige Abhilfe geschaffen werde.
Mit einem Blick auf seine Armbanduhr schlug der nette Herr von Traubenau vor, in etwa einer Stunde ein kleines Abendessen, zu dem er sie anlässlich ihrer neuen Bekanntschaft einzuladen sich eine Freude machen würde, zu zelebrieren. Die genannte Zeitspanne ließe ihr ausreichend Muße, ihre Dinge zu ordnen und sich auf einen hoffentlich gemütlichen Abend vorzubereiten. Dann deutete er eine dezente Verbeugung an und begab sich gemessenen Schrittes in seine Privatgemächer im untersten Stockwerk.
Fräulein Wollschläger inspizierte zunächst, einem drängenden Bedürfnis folgend, das Badezimmer und war begeistert von der großen runden Wanne, die in den Boden eingelassen war und mehr als drei Leuten gleichzeitig Platz für reinigende Tätigkeiten bot. Mittels eines zu drehenden Reglers konnte sie das Licht stufenlos von strahlender Helle über gedämpftes Leuchten bis zur zwielichtigen Schummrigkeit einstellen.
Sodann bezog sie das große Bett und verstaute ihre wenigen Habseligkeiten im geräumigen Kleiderschrank. Für den Abend wählte sie ein rotes Sommerkleid, von dem sie annahm, dass es ihre Erscheinung vorteilhaft darstellte. Bis zur avisierten Abfahrt war noch einige Zeit und so schob Erika einen Sessel zum Fenster, setzte sich hinein und schaute über die wenig befahrene Uferstraße auf den Fluss Nidda, der sich hier noch als überschaubares Rinnsal präsentierte, von dem große Schwärme von Schnaken aufstiegen.
Verträumt ließ sie ihren Blick über die ruhige Flusslandschaft gleiten, bis das Läuten des Fernsprechapparats sie aus ihrer Betrachtung riss. Vom anderen Ende der Leitung fragte sie der Herr von Traubenau, ob ihr der Aufbruch jetzt genehm wäre, denn die Zeit sei gekommen, er erwarte sie in wenigen Minuten vor dem Haus, aus dessen Garage er mittlerweile das Automobil chauffieren wollte.
Erika eilte behende die Treppen hinab, verschloss sorgfältig die Eingangstür des Hauses und stieg zu Herrn von Traubenau in ein wunderschönes Mercedes Cabriolet, in dessen gelber Lackierung die Abendsonne sich traulich spiegelte. Herr von Traubenau bog schwungvoll auf den Weg nach Hanau ein, denn er habe, so teilte er Fräulein Wollschläger während der Fahrt mit, im auf etwa halber Strecke gelegenen Wilhelmsbad im Restaurant des Golfclubs einen Tisch reserviert. Die Küche dort hob sich nach seiner Auskunft, obwohl oder gerade weil durch einen italienischen Padrone geführt, wohltuend von dem ansonsten in dieser Gegend gepflegten Standard ab, sowie sich die Auswahl der angebotenen Weine bei erstaunlicher Qualität preislich in einem durchaus angemessenen Rahmen hielt.
Im Restaurant angekommen, wurden sie schon an der Eingangstür von dem sofort herbeigeeilten Padrone per Handschlag überschwänglich begrüßt. "Ah Signora i Signore von Traubenau, iche freue miche, sie wieder in mein bescheidene Ristorante zu begrußen. Iche hab besten Tisch für sie reserviert, direkte an Fenster zur Reithalle, bene."
Dann eilte er geschäftig voraus, wedelte mit einem blütenweißen Handtuch ein zwei Mal über die makellose Tischdecke und rückte die Stühle zum bequemen Sitzen bereit. Der Padrone hob den Arm, knipste mit Daumen und Mittelfinger und sogleich wieselte ein Kellner dienstbeflissen herbei, sie nach ihren Wünschen bezüglich eines Aperitifs zu befragen. Fräulein Wollschläger war sehr angetan von der ganzen Zeremonie und nahm sich vor, sollte sie je wieder in der Gastronomie arbeiten, sich dieser Gepflogenheiten zu erinnern.
Sie überließ die Auswahl der Speisen und Getränke gerne dem versierten Herrn von Traubenau, dem sie, schon ob der Einrichtung seines Hauses, einen außergewöhnlichen Geschmack attestierte. Dies erfreute ihren Begleiter sichtlich und er schlug vor, freilich ohne ernsthaften Widerspruch zu erwarten, zunächst mit einem Gläschen Champagner den Abend zu eröffnen. Infolge dessen als Vorspeise von den hausgemachten Bandnudeln zu probieren, die von einer dezenten Sahnesauce mit ausgelösten Stückchen der Languste begleitet wurden und ganz hervorragend mit einem Glas trockenen Lugana vom Gardasee korrespondierten, einen Wein, den er wärmstens, haha, ein Scherz, der immer gut ankommt, empfahl. Nach angemessener Pause entschied er sich für in bestem Rotwein gedünstete Kalbsleber auf handverlesenen Salaten der Saison in einer unaufdringlichen Vinaigrette, deren wesentlicher Bestandteil ein weißer Balsamico di Modena traditionale, darstellte, das Beste, was es im gehobenen Essigwesen gäbe, wie der Padrone glaubwürdig versicherte. Dazu bestellte er ein Glas Vino Nobile di Montepulciano, jenen Wein, in dem auch die Kalbsleber ihrer Bestimmung entgegen simmerte.
Für den Hauptgang aber wählte der kenntnisreiche Herr von Traubenau einen Rücken vom Milchlamm, "um Gottes willen, Luigi, natürlich nicht in der Kräuterkruste, die nimmt das Aroma und überdies verschrecken die Semmelbrösel, aber ja doch, sondern nur kurz von beiden Seiten, nicht länger als jeweils sieben Minuten, das müssen sie mir versichern, Luigi, im heißen Ofen, jawohl, höchste Stufe, angebraten. Er muss innen noch rosa, fast roh, sein,
Sie wissen, wie ich es liebe, Sie machen das schon. Dazu ein feines Sößchen, en nature, nur der Fond mit enthäuteten und entkernten Tomatenteilen, Thymian und ein wenig Knoblauch, so ist es recht. Gerundet aber von einem Gratin Dauphinois, bitte nicht zu viel Muskat, er darf auf keinen Fall vorschmecken und, nein keine Bohnen im Speckmantel, das ist gewöhnlich, nein, in Butter geschwenkte Broccoliröschen, aber noch knackig im Ansatz und lassen Sie die Stiele großzügig wegschneiden, ich bitte Sie."
Der Padrone Luigi zog bei der letzten Bemerkung, das Gemüse betreffend, unmerklich die linke Augenbraue nach oben und empfahl zu besagter Bestellung einen Brunello di Montalcino, was Herr von Traubenau großzügig akzeptierte.
Dann ließ der Padrone sich zu einem breiten Lächeln herab und verkündete der Signora, dass der Signore von Traubenau weit besser kochen könne als er selbst und er, Luigi, seine Küchentür jederzeit weit für ihn geöffnet lasse, sollte es den Signore einmal gelüsten, seinen Fähigkeiten tatkräftigen Ausdruck am Herd zu verleihen.
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