Aber, pardon Herr Referendar, er hieß übrigens Wolfgang, nein, nicht der Johann Wolfgang von, auch nicht Mozart, sondern Wildgruber, und kam aus dem bayerischen Aschaffenburg, die Erfüllung stellte sie sich doch irgendwie anders vor, intensiver, globaler halt, ganz wie im Fernseh.
Deshalb beschloss Fräulein Wollschläger, gegen den heftigsten Widerstand der Eltern, ihr spätes Glück in der außerhessischen Fremde nicht nur zu suchen, sondern erst recht zu finden, denn was ist lockender als der Ruf des Unbekannten, Geheimnisvollen? Es musste doch mehr geben als Äbbelwoi und Rippchen und den manchmal etwas tollpatschigen Grapschereien des samenkollernden Referendars.
Also klaubte sie eines ihr passend erscheinenden Tages die nicht unbeträchtlichen Ersparnisse zusammen, packte das Notwendigste in einen just zu diesem Zwecke erworbenen, mit Rollen versehenen Schalenkoffer und querte nach tränenreichem Abschied vom Elternhaus, begleitet von mannigfaltigen Ermahnungen und Ratschlägen, den Fluss Lahn ins jenseitige Hessenland mit der unabänderlichen Absicht, darüber hinaus in unbekannte Landschaften vorzustoßen.
Fräulein Wollschläger erstand am Fahrkartenschalter des Wetzlarer Bahnhofs nach langer Überlegung ein Billet, das sie zu einer einfachen Eisenbahnfahrt nach Hanau berechtigte und bestieg nach nur kurzer Wartezeit den Zug ins herbeigesehnte Ungewisse.
Dies empfand sie um so aufregender, da sie doch ihre Heimatstadt Wetzlar bislang nur ein einziges Mal, als gerade der Pubertät entsprungene Schönheit, in Begleitung ihrer Eltern zu einem, kärglich um den Montag verlängerten, Wochenende an die Edertalsperre verlassen hatte, was ihr allerdings in wärmster Erinnerung verblieben war, gab es da doch den nur unwesentlich älteren Sohn des Talsperreninspektors, der sie fachkundig in die geheimnisvolle Welt der Stauregulierung eingewiesen hatte und mit dem sie noch lange danach eine anhaltende Brieffreundschaft pflegte. Dabei hatte sie des Öfteren die merkwürdigsten Anwandlungen, von den Gedanken ganz zu schweigen.
Im Coupé verstaute Fräulein Wollschläger ihr rollendes Hab und Gut in der dafür vorgesehenen Ablage, wobei ihr ein sonoriger Herr, offensichtlich ein Kavalier alter Schule, galant zur Hand ging, der ihr auch geschwinde einen Fensterplatz, gleich gegenüber dem Seinen, erbötig machte, den sie dankbar annahm. Schon ließ der Kondukteur das Abfahrtssignal ertönen und der Zug setzte sich schwerfällig in Bewegung, langsam erst, fast behäbig, dann schneller und schneller werdend, bis die Reisegeschwindigkeit sich als erreicht erwies und die Landschaften nur so am Fenster des Abteils vorbeiflogen, dass es eine Freude war.
Das Reisen, befand Fräulein Wollschläger, war ein vergnügliches Unterfangen, bei dem es viel Neues zu entdecken galt, zumal, wenn man einen so angenehmen Gefährten zur Seite hatte, wie er durch den im Coupé anwesenden Herrn in trefflicher Weise verkörpert wurde. Dieser verwickelte sie auch sogleich in ein kurzweiliges Gespräch über Dies und Das, meist jedoch über Dies, das Wohin und Woher, auch das Warum und Wieso, jedenfalls in keinerlei Art ihre Tugend oder Anständigkeit berührend. Das war sehr angenehm und das warme Gefühl, das sie seit Betreten des Coupés in so netter Gesellschaft empfand, steigerte sich mit jeder Meile, die sie der Zug von ihrer Heimatstadt Wetzlar weg in die Fremde trug.
So verging die Zeit im sprichwörtlichen Fluge, das Zwiegespräch entwickelte sich und die Gedanken zogen dahin, nur dann und wann von willkommenen Abwechslungen unterbrochen, wie sie der Schaffner mit seinen lustigen Knipsereien an den Fahrkarten oder der Versorgungswagen mit seinem reichhaltigen Angebot an Würstchen, belegten Brötchen und warmen oder kalten Getränken sich darzustellen nicht nehmen ließen.
Es erreichten die Reisegefährten schon alsbaldigst die Stadt Hanau, die sich das Erika zum ersten Zielort bestimmt hatte. Und wie es sich traf, musste auch der nette Herr von Traubenau, denn als solcher hatte er sich dem Fräulein Wollschläger korrekterweise vorgestellt, hier den Eisenbahnzug verlassen, da dringende Geschäfte seine Anwesenheit in dieser Örtlichkeit verlangten.
Als sie mit all ihrem Gepäck auf dem Perron standen, stellte sich schnell heraus, dass Fräulein Wollschläger, mag es nun der jugendlichen Leichtigkeit oder schlicht dem Überschwang des Wegfahrens geschuldet sein, keinerlei Vorsorge getroffen hatte, ein Quartier für die mit Sicherheit herein brechende Nacht fest zu machen. Da traf sich der glückliche Umstand ihres zufälligen Zusammentreffens, denn der Herr von Traubenau wusste sofort einen Rat und erbot sich in selbstloser Art, ihr für die kommende und, wenn sie es wolle, auch die weiteren Nächte, eine Unterkunft in seinem, wie er sich ausdrückte, bescheidenen, aber durchaus ansehnlichen Zweitdomizil in Schöneck, einem unweit von Hanau gelegenen Flecken, anzubieten.
Dort könne sie, ganz nach Gusto und Gefallen, den weiteren Weg ihres jungen Lebens überdenken und eventuelle Schritte dazu einleiten. Nicht nur mangels eigener Möglichkeiten, sondern auch, weil der Herr von Traubenau so wohltuend seriös von den Gästen des elterlichen Gasthofes sich abhob, stimmte sie nach gebührend kurzzeitigem Zögern dankbar zu und beide begaben sich auf den Bahnhofsvorplatz, bestiegen dort einen eilig herbeigerufenen Mietwagen und begaben sich samt Gepäck in aufgeräumter Stimmung auf den Weg ins nahe Kilianstädten, das ein Teil des besagten Schönecks war, wo der Kavalier eine Wohngelegenheit sein Eigen nannte.
2
Indes, die Eltern im fernen Wetzlar machten sich nicht wenig Sorgen um ihre Tochter, von der sie nicht wussten, wo sie sich gerade aufhielt und wie es ihr in der Fremde so erging. Sie hatten sich die Zukunft anders vorgestellt, insgeheim hoffend, der nette Referendar, der dem Erika den Hof machte, würde sich eines nicht allzu fernen Tages erklären, Hochzeit würde gefeiert und nach angemessener Zeit könnten sie sich beruhigt aufs Altenteil zurückziehen und den Gasthof guten Gewissens in Erikas und ihres Mannes kundige Hände geben. Auch machte sich das Fehlen ihrer Tochter in der Wirtschaft schnell bemerkbar, sie wurde an allen Ecken und erst recht den Enden vermisst, und es galt, sich aus vielerlei Fragerei der Gäste nach ihrem Verbleib herauszureden und vorbeizuflunkern. Der Vater musste nun einen Großteil der Aufgaben übernehmen, die das Erika bislang so eigenständig und bestimmt erledigt hatte.
Er besaß, wen wunderts, natürlich nicht die jugendlich frische Ausstrahlung seiner Tochter und wirkte, ob seiner großen Sorgen, mürrisch und gedrückt.
Das blieb nun den Gästen nicht lange verborgen, die ihrerseits zunehmend einsilbiger wurden, was ganz drastisch in ihrem Ess- und Trinkverhalten seinen Ausdruck fand. Der Umsatz an Rippchen und Kraut halbierte sich binnen Kurzem, beim Jägerschnitzel, dem ganzen Stolz der Wollschlägerschen Küche, sah es noch dramatischer aus.
Die Mutter, die liebevoll am Herd für die Qualität der Speisen verantwortlich zeichnete, war der Verzweiflung nahe und brach immer öfter unversehens in bittere Tränen aus. Verwendete sie nicht das beste Fleisch vom Metzger Schabbes? Rührte sie die braune Soße nicht so, wie sie es seit Jahren, und immer zur Zufriedenheit ihrer Gäste getan hatte? Bis von Braunfels her waren sie samstags gekommen, ihr legendäres Jägerschnitzel zu verkosten. Gigantisch, überlappend in einer reichlich bemessenen Tunke, und sie verwendete keine Champignonschnipsel aus Formosa, sondern nur erste Ware aus holländischen Büchsen, lag es auf den extragroßen Tellern, umrahmt von handgeschnetzelten Pommes und Salatbeilage und lachte den Genießer an.
Nichts da, das Erika fehlte, sie musste es leidvoll eingestehen, an allen besagten Ecken und natürlich auch den Enden.
Nun war guter Rat teuer.
Der Referendar Wildgruber kam zwar, wie üblich, jeden Abend nach Amtsschluss in den Gasthof und nahm sein Nachtessen ein, blieb aber ansonsten einsilbig vor seinem Glas Äbbelwoi sitzen und grübelte daher und dahin.
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