In Hanau, respektive Kilianstädten, angekommen, wollte Wildgruber sie dann kraft der Erscheinung in persona und seiner ehrlichen, aufrichtigen, fügte er ergänzend ein, Gefühle zur Abkehr von ihren bisherigen Plänen bewegen, um dann mittels eines kleinen Umwegs über Limburg im dortigen Hotel "Zum Bären", das für seine gute Küche landesweit bekannt war, die Feier ihrer Vermählung zu planen.
Und zwar bis ins kleinste Detail. Die für dieses Unterfangen notwendigen pekuniären Mittel stellte der Wirt Wollschläger in geradezu großzügiger Bemessenheit zur Verfügung.
In Wetzlar selbst wieder angekommen, versprach Wollschläger, ohne Verzögerung die Hochzeitsfeier auszurichten und Wirtshaus und Hof dem jungen Paar zu übereignen, für sich und seine Frau lediglich das Altenteil in Anspruch zu nehmen und stellte jedwede Mitarbeit in Küche und Keller in Aussicht, zumindest in der ersten, oft schwierigen Anfangszeit, natürlich nur, wenn derer gewollt und Bedarf war, was ihm der Referendar umgehend versicherte.
Das war der Plan und es dünkte den Verschworenen, allen voran natürlich dem Referendar, es wäre ein guter, der gelingen müsse, eben weil es ein guter war.
So begab man sich zu kurzem Schlaf, um frisch die kommenden Aktivitäten anzugehen.
Der Referendar hatte dann auch keine Schwierigkeiten, seinen kurzfristigen Urlaub zu erwirken, erledigte nach der Rückkehr aus dem Amt noch einige Besorgungen, unter anderem, auf Rat der erfahrenen Mutter Wollschläger, tätigte er den Kauf eines güldenen Rings, steinbesetzt, von dem er sicher war, trefflich der Hand seiner Verlobten zur Zierde zu gereichen und begab sich erneut in das Wirtshaus, letzte Dinge in vertrautem Gespräch abzuklären.
Dort angekommen nahm er sogleich von der Mutter Wollschläger ein Vesperpaket für die Fahrt nach Hanau mit Kochwurst, Presskopf und kaltem Schnitzel in Empfang, damit er sich die Ausgaben für die teure und dazu noch schlechte Verköstigung auf einer Raststätte sparen konnte.
Wollschläger selbst steckte ihm verstohlen und nicht frei von Verlegenheit einen geradezu prall gefüllten Umschlag mit gültiger Währung zu, wie es abgemacht war. Sodann setzten sich die Drei an den Tisch, den sie schon tags zuvor besetzt hatten und gingen, en gros und en détail, den Plan Punkt für Punkt nochmals durch, um etwaig übersehene Schwierigkeiten zu erkennen und auszuräumen.
"Also abgemacht, Wolfi", der Wirt Wollschläger fasste alles noch einmal zusammen, "du rauschst nach Hanau, abbä fahr vorsischtig, mer braache disch noch, gell Mama, mer braache den Wolfi noch, und schteischst beim Eulerwirt in Büdesheim ab. Isch hab da scho aageruffe, des mit demm Zimmersche geht klar. Denn machste disch frisch un brummst no Kilianschtädde un suchst nach des Erika. Wenn de es denn gefunne hass, gehst halt schee mit imm esse und schprischst imm, was mer hier alles beschproche habbe. Denn holt ihr de Koffer ab un fahrt in Eulerwirt, isch habb e Dobbelzimmersche bschtellt, isch bin ja aach net bleed. Am Morsche frihstickter dann un ab geht's nach Limbursch, zeigst dem Erika halt a bissi die Schtadt. Denn abens widder esse, bschtell was Gudes Wolfi, lass disch net lumbe, verzählst von de Hochzeit un denn ab in de Heia un nächste Tach seider widder hier. Isch häng denn scho emal de Girlande uff." Und fügte nach kurzer Pause hinzu: "So mache mer des."
Dem war nichts hinzuzufügen und der Referendar Wildgruber verabschiedete sich von den beiden rührigen Alten, bestieg seinen roten Opel Kadett und suchte aus dem Gassengewirr der Wetzlarer Altstadt den Weg auf die Autobahn 45, die ihn nach Hanau, respektive Kilianstädten, zuerst aber zum Eulerwirt nach Büdesheim führen sollte.
Im Rückspiegel sah er noch kurz, wie die Mutter Wollschläger ein paar Tränen in ihre Kittelschürze drückte und auch der stämmige Wirt schnäuzte verschämt in sein Sacktuch. Da begriff er die Verantwortung, die nun allein auf seinen schmächtigen Schultern ruhte und schwor sich, ihr gerecht zu werden und die besorgten Eltern nicht zu enttäuschen, keinesfalls, nie.
4
Nach zügiger störungsfreier Fahrt auf der Autobahn erreichte der Referendar in etwa fünfundvierzig Minuten die Abfahrt Altenstadt und fuhr dort über Heldenbergen und Windecken bis nach Büdesheim, der ersten Station seiner Reise. Ohne Verzögerung fand er den linksseitig gelegenen Gasthof Eulerwirt, der eigentlich Goy hieß und fuhr durch die schmale Hofeinfahrt auf den rückwärtig gelegenen Gästeparkplatz, wobei ihm die überschaubaren Außenmaße seines Automobils zustatten kamen, denn Wildgruber war, trotz manngifacher anderer Qualitäten nicht das, was man einen begnadeten Autofahrer zu nennen pflegt. Durch die Hintertür in die Gaststube tretend fühlte er sich sofort heimisch, denn die Einrichtung glich aufs Erstaunlichste der des wollschlägerschen Wirtshauses und strahlte, ebenso wie dieses, eine wohltuende Ruhe und Geborgenheit aus, wie sie in dieser Art nur hessischen Wirtshäusern zu eigen ist, so sie von liebevoller Hand privatim geführt werden.
Am Tresen, der gleichzeitig mit einer Ecke als Rezeption fungierte, nannte er seinen Namen und bat um den Schlüssel für das zu seiner Verfügung reservierte Zimmer.
Der Wirt Goy, der offensichtlich dort höchst selbst die Geschäfte führte, schaute in einem dicken, blau eingebundenen Kalendarium nach und veränderte seinen Gesichtsausdruck, als er dann die Eintragung gefunden hatte, von einem geschäftsmäßig reservierten in einen freundlichen, fast strahlenden:
"Ei, sie sin der Schwieschersohn vom Wetzlarer Schorsch, des is nett, dass sie uns besuche, hier in de Wedderau", und ließ es sich nicht nehmen, den Gast persönlich die schmale Stiege hinauf in sein Zimmer zu begleiten. Dort angekommen, übergab er den Zimmerschlüssel, der an einem enteneigroßen hölzernen Anhänger befestigt war, wünschte einen angenehmen Aufenthalt und begab sich dann eilends zurück in die verwaiste Gaststube.
Das Zimmer selbst war großzügig bemessen und hatte ein eher bäuerliches Interieur, dessen Blickfang zweifelsohne der bunt bemalte Kleiderschrank darstellte. Am Fenster stand ein hölzernes Tischchen, das von zwei großen, üppig gepolsterten Sesseln des gleichen Materials gerahmt war.
Das ausladende Doppelbett war mit voluminösen Federbetten versehen, deren rotweiß karierten Bezüge so freundlich zur Benutzung einluden, dass Wildgruber an sich reißen musste, nicht sofort den fehlenden Schlaf der vergangenen Nacht nachzuholen. Alles hatte seine Richtigkeit.
Der Referendar verstaute seine Habseligkeiten ordentlich im Kleiderschrank, wusch sich nebst den Händen auch das Gesicht, trat auf den Flur, verschloss das Zimmer und begab sich, die Stiege, mit jeweils zwei Stufen auf einmal hinabsteigend, zu seinem roten Opel Kadett, im nahen Kilianstädten das Erika auszumachen.
Worin Fräulein Wollschläger einen ihr bis dahin unbekannten Lebensstil kennenlernt, in einer viel zu großen Badewanne vor sich hin schäumt, ein sündhaft teures Abendessen in angenehmer Begleitung und einem pausenlos plappernden Padrone zu sich nimmt und ansonsten die Vorzüge des süßen und sorgenfreien Nichtstuns genießt. Weiters nimmt der Referendar Wildgruber konsequent die Verfolgung seiner Geliebten auf, kommt an eine Straßengabelung und betritt ein griechisch-hessisches Gasthaus, wird von einem Eingeborenen vor dem Erstickungstod gerettet und erfährt eine unerwartete Einladung durch eine wunderschöne Fee namens Frau Czerny, die ihn zwischenzeitlich in arge Verlegenheit bringt und ihn nach anfänglicher Verwirrung zu einer grundsätzlichen Neuorientierung seines Lebens bewegt.
1
Nachdem Erika mit dem freundlichen Herrn von Traubenau im Mietwagen vom Hanauer Hauptbahnhof kommend, nach kurzer Fahrt das nahe Kilianstädten erreichte, staunte sie nicht schlecht über die von jenem als Wohngelegenheit bezeichnete Unterkunft, die sich ihr in drei Etagen als Villa durchaus luxuriöser Häuslichkeit eröffnete, wie sie selbst es bislang nur in einschlägigen Magazinen, niemals aber in natura kennengelernt hatte. Die drei Etagen waren, für ihre Begriffe sensationell geschmackvoll, unterschiedlich eingerichtet, die Ebene in Biedermeier, die mittlere in Chippendale und das Dachgeschoss, der Umgebung entsprechend, bäuerlich naiv.
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